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Ein Lieblingsfilm für Indiepop-Fans
Stuart Murdochs wehmütiges Regiedebüt "God Help The Girl"

Stuart Murdoch: Wehmütiges Regiedebüt "God Help The Girl"
Die Hauptdarsteller aus "God Help The Girl". FOTO: Stuart Murdoch
Düsseldorf. Das Gitarrenpop-Musical "God Help The Girl" ist das wehmütige Regiedebüt des Belle & Sebastian-Sängers Stuart Murdoch. Und endlich auf DVD erhältlich. Von Philipp Holstein

Irgendwann fasst er sich ein Herz, nimmt endlich die Brille ab und küsst die Frau, aber wider Erwarten hört er dabei keine Geigen, und die Gänseblümchen fangen auch nicht an zu singen. Statt dessen fragt die Frau: "Was bringt das denn jetzt noch?". Er versteht nicht, und er fragt so doof wie nur Verliebte doof sein können: "Was?" Darauf seufzt sie: "Der Moment dafür ist doch längst vorbei."

Der Film, der so bitter und traurig zu enden droht, heißt "God Help The Girl", und er ist der allerherrlichste Film, den man sich nur vorstellen kann –  jedenfalls wenn man ein Faible für jene Unterabteilung der populären Kultur hat, die man Twee Pop nennt. Das ist ein Genre, in dem die Gitarren nie zu laut sind, herzwehe Jungs von Füchsen im Schnee singen und Oscar Wilde anbeten und Mädchen Kleidchen tragen und Haarbänder und hauptberuflich traurig sind, weil sie nicht schon in den 60er Jahren jung waren. Die schottische Band Belle & Sebastian gehört zu den bekanntesten Vertretern dieses wehmütigen, zum Putzigen neigenden, aber in Sachen Dresscode und Vorlieben extrem pingeligen Milieus, das seine Heimat in Großbritannien hat. Ihr Sänger Stuart Murdoch ist der König in diesem viktorianischen Reich, und er schrieb und inszenierte diesen Film.

Geld per Crowdfunding gesammelt

Murdoch veröffentlichte 2009 eine Soloplatte unter dem Namen God Help The Girl, und die Songs bezeichnete er damals bereits als Soundtrack für einen Film, einen imaginären indes. Beim Schreiben der Lieder sei ihm eine Geschichte eingefallen, die er unbedingt bebildern wollte, aber niemand mochte den Film produzieren, also besorgte er das Geld allmählich per Crowdfunding. "Gold Help The Girl" wurde innerhalb von fünf Wochen in den Straßen Glasgows gedreht. Zur Besetzung gehörte zunächst auch Hollywood-Nachwuchs-Star Elle Fanning, aber die bekam das Angebot, neben Angelina Jolie in Disneys "Maleficent" aufzutreten, und da wollte sie nicht mehr mitmachen und war weg.

Das ist aber nicht schlimm, Fannings Ersatz, Hannah Murray, sowie Olly Alexander und Emily Browning machen ihre Sache ganz wunderbar. Browning spielt Eve, ein Mädchen, das wegen Magersucht in einer Klinik behandelt wird, aber Eve büxt oft aus, weil sie eine Band gründen will, und draußen verlieben sich dann alle in sie. Stuart Murdoch ist mit ziemlicher Sicherheit ebenfalls in seine Hauptdarstellerin verliebt, anders ist nicht zu erklären, warum er ihre roten Lippen ständig in Großaufnahme zeigt, die Kamera ihren Lidstrich nachzeichnen lässt und so gerne auf ihre rosigen Knie zoomt. Aber so ist das im Twee Pop: Jungs schwärmen gerne, die Sehnsucht ist der schönste Rausch, und wenn ein Mädchen dann auch noch Doc Martens trägt und dazu ein T-Shirt der Band The Smiths, sind die stets ein wenig blasierten Jungs sowieso hin und weg.

Murdochs Glasgow sieht aus wie das Oxford in der Serie "Wiedersehen mit Brideshead", feucht nämlich, diesig und verwinkelt, und überall wachsen Blümchen vor altem Gemäuer. Die Hauptdarsteller treiben sich bevorzugt in Plattenläden und Antiquariaten herum, und die Szenerien erinnern an Wes Anderson, auch wenn sie nie deren Perfektion erreichen. Die Dialoge wurden von Eric Rohmer inspiriert, haben aber doch nie dessen Sound. Dies ist offensichtlich das Debüt eines Mannes, der sich ansonsten eher nicht mit Filmästhetik beschäftigt, aber gerade das macht den Charme dieser warmherzigen und großmütigen Produktion aus.

Eine Hommage an ein Lebensgefühl

"God Help The Girl" ist in erster Linie eine Hommage an ein Lebensgefühl, der Traum einer idealen Welt, in der Musik das Wichtigste ist – die richtige Musik natürlich, die Musik von Bands wie den Pastels, Josef K und Orange Juice. "Das Lied ,Romeo And Juliet' bedeutet mir mehr als das Drama gleichen Namens", sagt jemand, und alle nicken. Und: "Ich hab nichts gegen Menschen, ich verachte nur kollektiven Schwachsinn." Diese jungen Leute blicken misstrauisch auf die Gegenwart, "mit dem Pop geht es bergab, eigentlich schon seit 1969", sagen sie, aber sie wissen, dass Lieder helfen können, dass man mit Musik das Dasein anmalen kann. Und wenn die Darsteller es nicht mehr aushalten vor Freude, singen sie, denn das hier ist ein Musical, und die Lieder stammen von Murdochs God Help The Girl-Album, und sie sind sehr, sehr schön. Einmal singt sogar Neil Hannon, Kopf der Band Divine Comedy, mit.

James, der Junge, der zum Küssen seine Brille abnimmt, verliebt sich also in Eve, das Mädchen, das eine Band gründen will; er kann gar nicht anders, denn sie sitzt gern am Fluss und liest "Anna Karenina" oder hört alte Vinyl-Singles von Left Banke auf ihrem transportablen Plattenspieler. Eve bekommt indes einen Brief aus London, die große Stadt ist ihr Traum, und es wird ein bisschen traurig, weil sie plötzlich solche Sätze sagt: "Werd endlich erwachsen, du bist doch schon fast 25." Aber am Ende fährt dann doch ein Tandem durchs Bild, und darauf sitzen zwei Menschen, die glücklich aussehen und in die Ferne radeln, und wenn sie dort ankommen, werden sie immer noch jung sein. Dazu erklingt ein Lied von Belle & Sebastian, und es ist alles so herrlich.

(RPO)
 
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