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Holstein hört
The Caretaker: „Patience“ (After Sebald)
Holstein hört: The Caretaker: „Patience“ (After Sebald)
FOTO: Plattenfirma
Ein früher Höhepunkt in der Plattenproduktion des laufenden Jahres. The Caretaker ist das Pseudonym des in Berlin lebenden 37-jährigen Engländers Leyland Kirby. Er hat vier Alben veröffentlicht, auf denen er das Rauschen zur Kunst erhebt. Man hört zarte Minimal-Kompositionen, zumeist auf dem Piano gespielt. Von Philipp Holstein

Die Musik wird durch Geräuschschlieren verfremdet, mal hört es sich an, als arbeite sich die stumpfe Nadel eines Grammophons durch die ausgewaschenen Rillen einer Schellack-Platte. Dann denkt man, Kirby habe das Aufnahme-Mikrofon hinter der verschlossenen Tür des Studios positioniert und das Fenster zum Innenhof trotz heftigen Regens nicht geschlossen.

„Patience“ ist nun der Soundtrack zu einem Dokumentarfilm über den Schriftsteller W.G. Sebald. Grant Gee hat ihn gedreht. Kirbys Ausgangsmaterial sind Passagen von Schuberts „Winterreise“, und die Atmosphäre auf dieser Platte lässt einen an einen verlassenen Ballsaal denken, in dem es spukt. Sehr schön sind auch die Hüllen der Caretaker-Alben: kein Text, vorne ein Gemälde von Ivan Seal, hinten die Rückseite einer Leinwand. Und als The Caretaker 2009 eine Dreifach-CD herausbrachte, steckten die Einzel-CDs in einem Karton, der aussah wie eine dieser Holzkiste, in denen Museen Bilder verschicken.

Von Leyland Kirby gibt es keine schlechte Platte. Auch die unter seinem bürgerlichen Namen veröffentlichte „Intrigue & Stuff“-Serie, von der es bisher drei Teile gibt, ist großartig. Meine Lieblings-Produktion war bislang das Caretaker-Werk „Eager To Tear Apart The Stars“ von 2011. Sie wurde soeben abgelöst von „Patience“.

Quelle: rm
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