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Holsteins 100
Platz 1: "She Loves You" von den Beatles

Dieter Falk über Platz 1 "She Loves You"
Düsseldorf. "She Loves You" von den Beatles steht auf Platz eins unserer subjektiven Hitliste mit den 100 besten Songs. Das Stück aus dem Jahr 1963 markiert den Beginn der Popkultur. Seine Urheber waren eine Vier-Mann-Kulturrevolution. Von Philipp Holstein

Man mag sich gar nicht vorstellen, wie die Welt aussehen würde, wenn es dieses Lied nicht gäbe. Vielleicht hätten wir dann jeden Tag schlechte Laune, vielleicht würden wir uns seltener verlieben – und falls doch mal, dann ohne Glück. Vielleicht wüssten wir den Wert der Freundschaft und des herzlichen Kumpeltums nicht angemessen zu würdigen. Womöglich bewohnten wir eine Welt ohne Farben, und überall wäre bloß Langeweile.

Die schönsten Leserreaktionen zum Musik-Ranking FOTO: Radowski

Jeder Mensch kommt mit einem Vorrat an Melodien auf die Welt, und die Beatles haben diesen Schatz geborgen, die Melodien eingesammelt und auf Platte gepresst. Sie kannten den Weg in die Herzen des Publikums, ihre Musik ist menschenfreundlich. Was sie produzierten, spricht jede Grundqualität des Geschmackssinns an, ihr Klang ist existenziell.

Der größte Song ihrer Frühphase, der möglicherweise nicht ihr schönster ist, aber doch ihr wichtigster, heißt "She Loves You". Paul McCartney und John Lennon schrieben ihn nach einem Konzert im Hotelzimmer, sie schrieben diese großen Lieder ja stets nebenbei, sie ernteten sozusagen im Vorübergehen. Die Beatles stehen am Anfang der Popkultur, mit der wir heute noch leben und in der wir uns bewegen, und "She Loves You" war schon im Aufbau revolutionär, weil das Stück mit einem Refrain beginnt, direkt zur Sache kommt.

Da spricht ein Freund zu einem Freund über ein Mädchen, das den Freund liebt. Der Freund ist ein bisschen bräsig, er begreift nicht, also kann der Sprecher nicht warten, er muss die Eilmeldung sofort und in aller Deutlichkeit herausschreien: "Sie liebt dich!" Das angehängte "Yeah, Yeah, Yeah" ist ein lautmalerisches Verdammt-noch-mal. Wörter genügen dem überwältigten Sprecher nicht mehr.

Die drei "Yeahs" sind zudem der Raum für Notizen, den jeder Hörer mit seinen eigenen Gedanken füllen kann. McCartneys Vater, ein guter Engländer, soll sich über die "Yeahs" ziemlich aufgeregt haben: "Hättest Du nicht yes, yes, yes sagen können?", fragte er den Sohn. Als die Beatles 1963 mit "She Loves You" ihren eigenen Song "I Want To Hold You Hand" von Platz eins der US-Charts verdrängten, war ihm das dann aber wahrscheinlich auch egal.

Mit "She Loves You" begann die weltweite Beatlemania, und von da an ging es im Pop nicht mehr nur um nette Lieder, sondern auch um Typen, zu denen man aufschauen konnte, um ein Gefühl, das größer ist als das eigene Leben, und um Geistesverwandtschaft: Alle, die eine Band oder ein Lied mögen, gehören einer geheimen Bruderschaft an, die einem versichert, dass man nicht allein ist. Insofern ist "She Loves You" das Geburtstagsständchen der populären Kultur.

Man muss sich das noch einmal vor Augen halten: Nur acht Jahre vergingen von der ersten Single "Love Me Do" 1962 bis zur Trennung der berühmtesten Gruppe der Welt, und in dieser kurzen Zeit setzten die Musiker die Erbinformationen des Pop zusammen, ihre DNA. "She Loves You" war ein dem Augenblick verpflichtetes Jungswunder, ein Dokument naiver Widerständigkeit, der Anfang des Kults um die Jugendlichkeit. Spuren des genetischen Codes erkennt man noch in der Musik, die heute im Radio gespielt wird. Die Urväter selbst sind nach wie vor populär: Die 2000 unter dem Titel "1" veröffentlichte Sammlung der großen Hits ist das meistverkaufte Album im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts.

Eine Vier-Mann-Kulturrevolution waren die Beatles, und das Auftreten als Gang war neu damals. Der Rock 'n' Roll wurde von Solokünstlern wie Bill Haley, Gene Vincent und Elvis Presley dominiert, ernsten jungen Männern, deren Produktionen die Hörer locker machten. Ihre Lieder zielten auf den Körper, man wollte dazu tanzen. Die Beatles gingen einen Schritt weiter. Sie wollten zwar auch, dass man Arme, Beine und Becken bewegt, na klar. Sie wollten aber zudem, dass man im Kopf frei wird, sie wischten die Seele mit Glasklar ab: all together now.

"She Loves You" ist nach "Hey Jude" die meistverkaufte Single der Beatles. Es gibt auch eine deutsche Version, sie heißt "Sie liebt dich". Paul McCartney wollte allerdings, dass sie "Sie liebt dir" heißt, weil er kein "ch" sprechen konnte – aber das redete man ihm aus. Die Beatles sprechen uns direkt an in diesem Lied: "Du weißt, es liegt ganz bei dir. Aber ich fände es nur fair, wenn du dich bei ihr entschuldigen würdest. Du hast sie verletzt, und sie liebt dich doch. Yeah, yeah, yeah!" Seit Erscheinen dieses Liedes sind die Beatles unsere Kumpels.

Ich habe die Beatles über die berühmten Hitsammlungen kennengelernt, die 1973 erschienen und im Plattenschrank meiner Eltern standen: das rote Doppelalbum mit den frühen Sachen und das blaue mit den späten, und zusammen enthalten sie die Kronjuwelen. Das Cover der einen zeigt die Königsfamilie des Pop 1963 im Treppenhaus ihrer Plattenfirma EMI, für die Hülle der anderen fanden sich das in Trennung lebende Paar John und Paul sowie die Scheidungskinder George und Ringo sechs Jahre später an derselben Stelle ein: alte Männer von Ende 20. Sie haben doppelt so schnell gelebt, ihre Tage dauerten länger als die der Zeitgenossen.

Meine erste selbstgekaufte Platte war das Album "Help!". Und am liebsten sind mir heute die Beatles in jener Phase, als sie keine Anzüge mehr trugen, aber auch noch keine Bärte hatten: die Alben "Rubber Soul" (1965) und "Revolver" (1966). "She Loves You" indes ist ihr wichtigster Song, das Lied, das alles veränderte. Der Imperativ, der die Menschen zum Lächeln auffordert.

Man könnte überleben, wenn man nur die Beatles hörte und es keine andere Musik gäbe. Wer nun aber überlebt, obwohl es andere Musik gibt, hört überall die Beatles heraus. Kaum jemand, der ihnen nicht in Zuneigung verbunden ist.

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Quelle: RP
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