| 17.50 Uhr

Interview mit Depeche-Mode-Sänger Dave Gahan
"Ich bin endlich frei"

2006: Depeche Mode in Düsseldorf
2006: Depeche Mode in Düsseldorf FOTO: RP/ Thomas Bußkamp
Berlin (RP). Dave Gahan über das neue düstere Album seiner Band Depeche Mode, überwältigende Konzert-Erlebnisse vor 75.000 Menschen und Strategien, wie man der Traurigkeit des Lebens ausweicht

Der Sänger von Depeche Mode trägt die Haare wie früher: an den Seiten kurz, oben länger, vorne aufgegelt. Im Gesicht liegen tiefe Falten, der Dreitagebart ist grau. Dennoch wirkt er jungenhaft. Dave Gahan residiert in Berlin im Hotel de Rome. Lederjacke, enge Jeans, Stiefel. An der Theke nimmt er Wasser. Er setzt sich auf ein Sofa, reibt die Hände, drückt den Rücken durch.

Herr Gahan...

Gahan Sie kommen aus Düsseldorf?

Ja, warum fragen Sie?

Gahan Das ist die Stadt, aus der Kraftwerk stammt!

Die Band hat sie inspiriert?

Gahan Für das neue Album haben wir wieder viel Kraftwerk gehört, vor allem "Autobahn”. Wir wollten diesen Sound, dieses Dynamische, Fließende studieren. Das gibt es nur bei Kraftwerk. Und bei David Bowie. Seine Berliner Platten, vor allem "Low”, sind ein anderer großer Einfluss für "Sounds the Universe”.

Wussten Sie, dass Kraftwerk von Bowie einst eingeladen wurde, mit ihm in Amerika zu touren?

Gahan, Ja, aber die Band winkte ab. Kraftwerk sei keine Vorband, meinten sie. Heute sehen die das anders.

Inwiefern?

Gahan Na ja, es gab diesen Wunsch, mit uns zu touren.

Das heißt, sie spielen die anstehenden Konzerte mit Kraftwerk?

Gahan Nein. Es kam nicht zustande. Kraftwerk ist ja nicht mehr Kraftwerk nach dem Ausstieg des Mitbegründers Florian Schneider.

Immerhin merkt man ihrer Band die Einflüsse stark an: Die neue Platte klingt noch düsterer, sehr elektronisch.

Gahan Das Zuhören ist zunächst schwierig, ja. Das hängt damit zusammen, dass wir Stimmungen in Musik umsetzen wollten. Wir haben uns einen Tunnel vorgestellt, in dem wir nachts im Auto fahren. So sollten die Songs klingen.

Die Musik von Depeche Mode wird immer schwermütiger.

Gahan Finden Sie?

Ja, und Sie tragen seit dem letzten Album auch als Texter dazu bei. Sind Sie ein trauriger Mensch?

Gahan Ich denke viel nach. Über das Leben und darüber, was ich mit meiner Zeit anstelle.

Kennen Sie George Steiner?

Gahan Ich glaube nicht.

Ein amerikanischer Philosoph. Er schreibt, dass ein Mann, der nachdenkt, immer traurig ist.

Gahan Er hat Recht.

Das Nachdenken trennt ihn von den anderen, aber nur durch Nachdenken erkennt er, dass er nicht allein ist auf der Welt. Ein Dilemma.

Gahan Das ist eine kluge Beobachtung. Mir gehen solche Gedanken auch durch den Kopf. Wie verhalte ich mich anderen gegenüber? Darf ich auf Tour gehen und die Kinder wochenlang allein lassen? Es ist so schwer, Antworten zu finden. Mann kann leicht verzweifeln.

Wie retten Sie sich?

Gahan Ich höre Blues, weil er menschliche Gefühle ausdrücken kann wie kaum eine andere Musik. Er hat tröstende Wirkung. Davon fließt auch etwas in die Musik von Depeche Mode. Wir sind eine sentimentale Band.

Dieses Sentimentale spürt man bei Konzerten sehr stark. Es gibt die berühmte Szene aus Pasadena...

Gahan 1988.

Sie gehen auf die Knie, als 75000 Menschen ihren Song zu Ende singen.

Gahan Ich habe geweint. Wie ein Baby.

Warum?

Gahan Das war ein ungeheurer Auftritt. Das letzte Konzert einer monatelangen Tour. Ich war bewegt, ich habe Magie gespürt, es war ein spirituelles Erlebnis. Ich habe das Publikum in diesem Moment geliebt, von ganzem Herzen.

Die Liebe wird erwidert. Ihre Fans sind so treu wie bei keiner anderen Popgruppe. Vor allem in Deutschland. Warum gerade hier?

Gahan Es hat mit Romantik zu tun. Wir erzählen von Gefühlen und machen dazu Maschinenmusik. Sowas gefällt den Deutschen. Sie kleben sich unser Logo auf die Heckscheibe ihrer Autos. Wunderbar!

Andererseits verstärkt es den Druck, gefallen zu müssen.

Gahan Ich spüre keinen Druck. Ich bin endlich frei. Ich lebe in New York, dort werde ich in Ruhe gelassen. Und wenn wir an neuem Material zu arbeiten beginnen, gehe ich in mein Studio und überlege, wie ich die Songs singen werde. Diese Entwürfen zeige ich den anderen.

Konnten Sie sich durchsetzen?

Gahan Das Album ist auf meine Stimme zugeschnitten! Es gibt viele Musiker, die unter Druck gearbeitet haben, aber ihre Freiheit schützen konnten, im Jazz vor allem.

Haben Sie Vorbilder?

Gahan Miles Davis ist ein Vorbild, John Coltrane auch.

Sie wirken tatsächlich befreit. Sie bewegen sich elegant und fließend...

Gahan ...es strömt einfach so aus mir heraus...

...als seien sie sich ihrer selbst neu bewusst geworden. Haben die Erlebnisse der 90er Jahre dazu beigetragen? Damals galten sie nach einer Überdosis für zwei Minuten als klinisch tot.

Gahan Bestimmt. Ich war sehr allein damals und in keinem guten Zustand. Es lief etwas falsch im Leben. Die Erfahrung hat mich stark gemacht. Ich bin zurück gekommen.

Jungs werden Popstars, damit sie Mädchen rumkriegen und feiern können. Sie sind zum dritten Mal verheiratet und haben alles erlebt. Warum wollen Sie Popstar bleiben?

Gahan Ich feiere nach wie vor gerne.

Philipp Holstein führte das Interview.

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