Angeklagter klagt über Rückenschmerzen: Jackson: Prozesstag im Pyjama
zuletzt aktualisiert: 11.03.2005 - 13:40Santa Maria (rpo). Im Missbrauchsprozess gegen Michael Jackson werden die Vorwürfe gegen den Pop-Star immer konkreter. Der heute 15-jährige Junge erzählte vor Gericht, wie Jackson ihn zum Alkohol trinken und zur Masturbation brachte. Die Verteidigung des Pop-Sängers behauptet, dass der Junge alles erfunden habe. Jackson war nicht nur zu spät zur Verhandlung gekommen, sondern auch im Pyjama.
Die Fans von Michael Jackson sind vieles gewohnt, aber so haben sie ihr Idol noch nie gesehen: In blaugemusterten Schlabberhosen, die verdächtig nach Schlafanzug aussahen, weißem Unterhemd und wirrer Mähne erschien Michael Jackson am Donnerstag zu einem der wichtigsten Termine in seinem Missbrauchsprozess, der Zeugenaussage seines 15-jährigen Anklägers. Pünktlich zu dessen Anhörung hatte Jackson am Morgen Rückenschmerzen bekommen und sich ins Krankenhaus begeben. Dass er den Gerichtstermin in der kalifornischen Kleinstadt Santa Maria trotzdem nicht verpasste, wurde von Richter Rodney Melville erzwungen. Dieser drohte dem 46-jährigen "King of Pop" bei Nichterscheinen mit einem Haftbefehl - Jackson schleppte sich daraufhin lieber in Schlappen zum Gericht, als in Handschellen vorgeführt zu werden.
Schon einmal hatte Melville dem Popsänger zu verstehen gegeben, dass er zu Scherzen wenig aufgelegt ist. Das war im Januar 2004, Jackson hatte vor einer Anhörung auf dem Dach seines Wagens getanzt und sich von den Fans feiern lassen wie bei einem seiner Konzerte. Die Warnung saß, und seit Beginn des Prozesses hatte Melville an seinem Angeklagten nichts mehr auszusetzen: Zu jeder Sitzung erschien der exzentrische Sänger mit einer Viertelstunde Vorlauf, kleidete sich für seine Verhältnisse zurückhaltend, zeigte sich diszipliniert und konzentriert - zur Enttäuschung der Medien, die sich schon auf weitere Spektakel während des "Jahrhundertprozesses" gefreut hatten.
Für einen Moment sah es am Donnerstag dann aus, als wäre die Show in den Gerichtssaal zurückgekehrt. Als Jackson nach Beginn des zweiten Vernehmungstages seines Anklägers nicht erschien, wurde Melville ungehalten. Selbst die sichtlich nervöse Entschuldigung der Verteidigung, der Sänger sei am Morgen beim Ankleiden ausgerutscht und habe sich den Rücken verletzt, konnte ihn nicht besänftigen: Er gab Jackson eine Stunde Zeit, zum Termin zu erscheinen, anderfalls werde er die Kaution aufheben und Haftbefehl erlassen.
Nach einem bizarren Countdown und zahlreichen Telefonaten seines Verteidigers fuhr Jackson vor Gericht vor - um sofort, ungekämmt und mit unsicheren Schritten, auf der Toilette zu verschwinden. Die Ein-Stunden-Frist hatte er trotzdem um wenige Minuten überschritten, und so musste er bis zum Ende des Prozesstages warten, bis Richter Melville seine Androhung wieder zurücknahm. Auf die Frage von Journalisten, wie es ihm gehe, ob er Schmerzen habe, antwortete Jackson nur kurz: "sehr".
Ob sein offensichtliches Unwohlsein von dem Sturz herrührte oder von den Aussagen des Jungen, bleibt offen. Mehrmals wischte sich der Sänger sichtlich gequält mit einem Taschentuch über das Gesicht, während der heute 15-jährige Junge in allen Einzelheiten schilderte, wie er von dem von ihm damals so bewunderten Star dazu gebracht worden sei, Alkohol zu trinken und schließlich auch zu masturbieren - wobei ihm Jackson tatkräftig geholfen habe.
Im anschließenden Kreuzverhör warf Jacksons Verteidiger Thomas Mesereau dem Jungen vor, die Missbrauchsgeschichte erst nach einem Treffen mit dem Anwalt Larry Feldman erfunden zu haben, der in einem früheren Fall für ähnliche Vorwürfe außergerichtlich eine Millionen-Abfindung von Jackson erstritten hatte. Mit ungewohnt gereizten Ton wies der Anwalt zudem Vorwürfe zurück, Jackson habe sich um den damals krebskranken Jungen kaum gekümmert. Der Popstar habe ihn doch häufig im Krankenhaus angerufen, seiner Familie einen Wagen gegeben und sie wochenlang auf der Neverland-Ranch wohnen lassen, sagte Mesereau: "Kannst Du wirklich den Geschworenen in die Augen sehen und behaupten, Michael habe nichts für Dich getan?" Der Junge antwortete darauf nur, er habe sich im Stich gelassen gefühlt.
Auch ohne Handschellen wirkte Jackson am Ende des Prozesstages gehetzt und niedergeschlagen. Wie sein Auftritt im Gerichtssaal wirkte, kommentierte eine Zuschauerin, die Jura-Professorin Laurie Levinson, knapp und mit ironischem Lächeln: "Was für ein Witz: Im Pyjama zu einem Prozess zu erscheinen, bei dem es um den sexuellen Missbrauch eines Kindes geht."
Parodie von Jay Leno
Talk-Star Jay Leno nutzte Jacksons Auftritt vor Gericht prompt für eine Parodie. Zur Aufzeichnung seiner "Tonight Show" in Burbank kam Leno "zu spät" und stieg mit Pyjama bekleidet aus einer schwarzen Limousine. Ein Leibwächter hielt einen geöffneten Schirm über ihm. Auch Leno ist zu dem Prozess vorgeladen, weil er laut Verteidigung von der Familie des angeblich missbrauchten Jungen kontaktiert worden war.
Leno wurde von dem Gericht auferlegt, über den Fall zu schweigen. "Sie entscheiden morgen über meine Schweigeverpflichtung und ob ich Jackson-Witze erzählen darf", sagte Leno seinem Publikum. "Rechtlich gesehen darf ich keine Jackson-Witze erzählen, aber sie aufschreiben."
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






