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Saint-Sulpice in Paris
Kathedrale der Musik

Saint-Sulpice in Paris: Kathedrale der Musik
Die Orgel der Kirche Saint-Sulpice im Pariser Stadtteil Saint-Germain-des-Prés (im 6. Arrondissement). In dieser Kirche heirateten Heine und Hugo. Der Marquis de Sade und Baudelaire wurden hier getauft. Außerdem spielen in Saint-Sulpice Szenen aus dem Roman und dem Film "The Da Vinci Code - Sakrileg". FOTO: Christiane Keller
Paris. Die deutsche Orgelkultur ist Unesco-Weltkulturerbe. Grandiose Instrumente stehen aber auch in Frankreich. In Paris haben wir einige besucht - und gespielt. Von Wolfram Goertz

Es war eine Entscheidung, die schier aus spanischen Trompeten übers Land schallte: Deutschland und seine Orgeltradition werden Unesco-Weltkulturerbe. Viele, sehr viele fühlten sich gepriesen und gewürdigt, der Domkantor in Regensburg und die Organistin in Dagebüll, der Orgelbauer in Mönchengladbach und der Orgelfreak in Neuruppin. Sie alle stehen am Ende eines fulminanten, lebendigen Erbes, das uns aus der Geschichte entgegen pfeift: Schnitger. Die Silbermanns. Froberger, Scheidemann, Kerll, Bruhns, Pachelbel, Lübeck, Walther. Buxtehude und Bach. Die Familien Walcker, Sauer, Klais, Seifert, Beckerath. Mendelssohn Bartholdy, Reubke, Liszt und Reger. Walcha und Schweitzer. Sie alle schloss die Unesco ein, gleichsam in dulci jubilo.

Ich finde, dass ein anderes Land mindestens so prominent vertreten ist, mindestens so viele geniale Komponisten hat und auch im Feld des Orgelbaus grandios bestückt ist: Frankreich. Da streckt sich eine wunderbare Tonsetzerriege von Grigny über die Couperins, Dandrieu und Marchand über Boëly bis zu Franck (der eigentlich Belgier war), setzt sich fort mit Saint-Saëns, Widor und Guilmant und endet längst nicht mit Dupré, Vierne, Tournemire, Duruflé, Messiaen, Langlais, Escaich, Guillou oder Hakim. Das 20. Jahrhundert ist in Deutschland, was die Orgelkomposition betrifft, fast totes Gelände, wogegen die Grande Nation blüht.

Daniel Roth in ungewöhnlicher Perspektive. Die fünfmanualige Orgel mit 102 Registern ist eins der frühen Instrumente aus der Werkstatt Aristide Cavaillé-Colls. FOTO: Christiane Keller

Und die Franzosen haben Paris, die Stadt der Orgeln schlechthin. Wie um Abbitte zu leisten für die Favorisierung Deutschlands, bin ich nach Paris gepilgert, wo einige der schönsten Orgeln der Welt stehen, ein Mekka für jenen Typ des Jüngers, dessen chronische Krankheit Nackenstarre ist - vom vielen Gucken in die Höhe. Mein Programm war absurd, aber erfüllend: Ich wollte drei Orgeln live hören, die man sonst nur von Platten kennt. Ich wollte mich zwischen 13 und 20 Uhr dem Rausch der Töne in allen Tiefen und Höhen aussetzen. Und wenn ich Glück hätte, dürfte ich - o Wonne höchsten Wunders - auch mal selbst spielen.

Die Orgeln in Paris sind mit einem Namen verbunden: Aristide Cavaillé-Coll. Er ist der Übervater des französisch-romantischen Orgelbaus, der Farbenmischer und -tüftler, er liebte samtige, voluminöse, säuselnde, libidinöse Töne, er verschaffte den Zungenregistern - also den Trompeten, Fagotten, Bombarden, Oboen, Krummhörnern, Klarinetten - famoses Eigenleben und liebte die Wucht des unmerklichen, aber dynamischen Crescendos.

Die Gunst der Stunde nutzte RP-Redakteur Wolfram Goertz, dem Daniel Roth gestattete, die grandiose Orgel in Saint-Sulpice auszuprobieren. FOTO: Christiane Keller

Wo sollte man diese Töne schöner genießen können als in der Kirche Saint-Sulpice mit jenem herrlichen Instrument, an dem der legendäre Marcel Dupré von 1934 bis zu seinem Tod im Jahr 1971 wirkte? Sein Vorgänger war Charles-Marie Widor, der sagenhafte 63 Jahre blieb. Seit 1985 - die Orgel besitzt offenbar die Kraft guten Klebstoffs - ist Daniel Roth im Amt. An den muss man sich halten, wenn man die Orgel nicht nur von unten, sondern hautnah erleben will: am Spieltisch, der einschüchternden Kommandobrücke mit zahllosen Knöpfen, Tasten, Pedalen, Hilfstritten. Dort sitzen zu dürfen - das ähnelt der Einladung eines Piloten, das Cockpit eines Passagierflugzeugs betreten zu dürfen.

Roth ist einer der bedeutendsten Organisten der Gegenwart, aber bescheiden und liebenswürdig wie kaum ein anderer. Auf die Mail aus Düsseldorf reagierte er in kürzester Zeit: Ob 12.40 Uhr für mich angenehm sei? Dann würde er den Termin in der Sakristei eintragen. Treffpunkt: unter der Orgel, wo sonst.

Füße und Beine von Daniel Roth, dem berühmten Organisten von Saint-Sulpice. Hier spielt er Bachs g-Moll-Fuge BWV 542 - in Straßenschuhen mit dicker Sohle. FOTO: Christiane Keller

In Saint-Sulpice herrscht reger Besuch, viele wollen auf dem Fußboden nach Spuren aus der Verfilmung von "The Da Vinci Code - Sakrileg" suchen, die anderen bestaunen den historischen Orgelprospekt von François-Henri Clicquot, der alle Revolutionswirren überlebt hat und in den Cavaillé-Coll 1862 später (unter Erhaltung originaler Pfeifen) noch seine Wunderklänge eingebaut hat. Jetzt hat die Orgel 102 Register auf fünf Manualen und gilt als eine der schönsten der Welt.

Roth erscheint pünktlich und zückt erst einmal einen riesigen Schlüsselbund, denn die Orgel ist besser gesichert als Fort Knox. Zuerst führt Roth uns in einen kleinen Salon, in dem zahlreiche kleine Gemälde und Fotografien an legendäre musikalische Momente in Saint-Sulpice erinnern, etwa eine Begegnung Duprés mit Albert Schweitzer. Dann muss wieder eine dicke Tür aufgesperrt werden, bis wir in einem kleinen Räumchen zwischen Rückpositiv und Hauptwerk stehen, vor uns der Spieltisch, der von einer riesigen roten Samtdecke verhüllt ist. Roth zieht sie in aller Vorsicht beiseite, und dann zeigt das Cockpit sein Gesicht. Unendliche Verwirrung beim Gast, bis sich allmählich das System wie von selbst erklärt.

Roth improvisiert zunächst auf altfranzösische Weise, zeigt herrlichste Zungen, und dann lässt er aus dem Nichts die große g-Moll-Fuge BWV 542 erklingen, um die Transparenz des Klangs vorzuführen. Tatsächlich, was anderswo mulmt, zeichnet hier präzise. Und dann fällt mir die Kinnlade herunter, weil Roth nicht so zierliche Designer-Schühchen trägt, sondern abgelatschte Treter mit fetten Sohlen. Und die Fuge makellos spielt.

Dann darf ich selbst, Roth will registrieren. Ich fliege den Jumbo, erst vorsichtig, dann immer wagemutiger; im Improvisieren war ich schon immer besser als im Literaturspiel, Roth ist aber auch ein Animateur sondergleichen, er behandelt mich, den Zeitungsredakteur aus Düsseldorf, wie einen Kollegen. Er lotst mich durch die Orgel, wobei es hier kein Pedal für das Schwellwerk gibt, sondern eine Art stufenlosen Einführungstritt, der sehr direkt reagiert. Am Ende klingt alles, was die Orgel hergibt, ein saftiges Tutti, es ist aber nicht brüllend laut, sondern edel, majestätisch, eine verschwenderische Mischung aus Farben. Nein, nicht ich habe diese Orgel gespielt, sie hat mich gespielt. Man kann gut verstehen, dass Organisten sie für eine Droge halten, von der sie nie entwöhnt werden wollen.

Danach kann man keineswegs auf ähnlichem Niveau weitermachen, jetzt braucht man etwas Dezentes. Und schon spazieren wir über die Seine und finden nahe der Bastille die Kirche Saint-Antoine des Quinze-Vingts, in der sich eine überschaubare, aber trotzdem voluminöse Orgel von Cavaillé-Coll (drei Manuale, 47 Register) befindet. Der neoromanische Raum ist recht klein, was dem Tuttiklang der Orgel ordentlich Power verleiht. Eric Lebrun ist dort Organist, der Mann ist ebenso bescheiden wie Roth - und auch er ein Könner. Für das Label Naxos hat er sämtliche Orgelkompositionen von Franck, Alain und Duruflé auf CD eingespielt - und sogar die angeblich unspielbare Stelle am Ende von Alains "Litanies" bravourös gemeistert. Das Kuriose ist, dass sich diese Orgel deutlich anstrengender spielt als die in Saint-Sulpice; dort ist die sogenannte Barkermaschine eingebaut, eine Art pneumatisches Relais, das den Kraftaufwand zur Betätigung eines Tonventils reduziert.

Während sich in diesen beiden Kirchen die edlen Instrumente Cavaillé-Colls fast im Originalzustand befinden (wenngleich es immer wieder Überholungen gab), so ist die Cavaillé-Coll-Orgel in der Kathedrale Notre-Dame längst zu einer Art Concorde geworden: 115 Register zählt sie jetzt, und wenn Titularorganist Philippe Lefebvre alle 8000 Pfeifen entfesselt, dann sollte man sich auf der Orgelempore anschnallen, damit man nicht vom Schalldruck des Instruments in die Tiefe gestürzt wird. Auch auf diese Orgelempore (der Eingang liegt seitlich der Kirche) kommt man nur mit einem üppigen Schlüssel-Set. Doch hier spaziert man nicht einfach hoch; Lefebvre versammelt seine Gäste wie Messdiener zuerst in einem Vorraum, wo wir Teile des früheren Gehäuses bestaunen dürfen.

Dann, nach langen Minuten des Wartens, betreten wir die eigentliche Empore - und merken gleich, dass hier ein anderer Wind weht. Lefebvre umgibt beim Spielen der Geisthauch des einsamen Genies, wogegen er außerhalb seines Spielimpulses leutselig ist und zum Rauchen gern nach draußen geht. Aber wenn er zum Auszug nach der Messe in die Vollen greift, sollte man es nicht wagen, ihn anzusprechen. Was er spielt, ist hinreißend, rhythmisch, erfinderisch.

Wie man hört, hat die Grande Nation ebenfalls einen Unesco-Antrag gestellt. Sie sollten noch einmal alle Himmelsstimmen hinterherschicken, am besten die aus Saint-Sulpice, dem vollendeten Instrument, dem nur noch die Orgel von Saint-Ouen in Rouen das Wasser reichen kann. Sie nannte Widor bei der Einweihung eine Orgel wie von Michelangelo. Nun, die in Saint-Sulpice ist wie von da Vinci.

Quelle: RP
 
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