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King of Rock'n'Roll
Elvis lebt

King of Rock'n'Roll - vor 40 Jahren starb Elvis
Vor 40 Jahren, 16. August 1977, starb Elvis Presley. FOTO: dpa
Memphis. Heute vor 40 Jahren ist der "King of Rock'n'Roll" gestorben. Der Mythos aber ist ungebrochen - und ein profitables Geschäft. Von Jörg Isringhaus

Tot oder lebendig, das macht bei Elvis Presley kaum einen Unterschied. Na gut, für ihn schon. Aber weder für seine Fans, die ihm jetzt in Graceland so nah auf den Glitteranzug rücken dürfen wie zu Lebzeiten nicht, noch für diejenigen, die an seinem wirtschaftlichen Erfolg partizipieren. Werfen die Platten des "King of Rock'n'Roll" doch mit rund 25 Millionen Euro im Jahr immer noch mehr ab als die meisten lebenden Künstler je zu Gesicht bekommen.

Elvis ist eine Marke, die auch 40 Jahre nach seinem Tod weltweit funktioniert, die Musicals, Biographien und Tribute-Shows zu Bestsellern macht, die selbst schlechten Imitatoren die Existenz sichert, eine Lizenz zum Gelddrucken. Nichts und niemand, so scheint es, kann den Mythos beschädigen, Elvis vom Thron stoßen - der King ist tot, es lebe der King.

Beerdigung mit Cadillac-Corso

Beerdigt wurde Elvis Aaron Presley am 18. August 1977 genau so, wie er zuletzt gelebt hatte: pompös, überkandidelt, nicht ganz von dieser Welt. Ein silberfarbener Cadillac führte den Trauerzug an, ihm folgten ein weißer Leichenwagen und 17 weitere weiße Cadillacs, insgesamt 49 Limousinen, eskortiert von Polizeimotorrädern, flankiert von zigtausenden Fans. Zwei Tage zuvor hatte Ginger Alden, Elvis' letzte Liebe, den 42-Jährigen tot im Badezimmer gefunden.

Herzversagen nach Medikamentenmissbrauch lautete die Diagnose. Tatsächlich war es wohl eine Überdosis von allem, die ihn am Leben verzweifeln ließ - zu viel Erfolg, zu viel Vergötterung, zu viel Ruhm, zu viel Ehre. Am Ende war der King nur noch eine Karikatur seiner selbst, ein aufgedunsener Elvis-Imitator, der nicht nur den Glauben an sich, sondern auch an jede Form der Erlösung verloren hatte. Sein Heil suchte er im Mystizismus und der Numerologie, verschlang esoterische und spirituelle Texte, klammerte sich an die Lehren eines berühmten Yoga-Meisters, in der Hoffnung, seinem Leben wieder Sinn zu geben. Vergeblich.

Die Tragik seines Niedergangs verblasste jedoch gegen die revolutionäre Wucht seiner Kunst. Elvis hat dem prüden Amerika die Unschuld geraubt, ein Initiationserlebnis geschenkt. Seine vordergründig harmlosen Texte intonierte er als laszives Geflüster, dazu kam auf der Bühne ein ekstatisch-elastischer Becken-Tanz - alles zusammen traf die Jugend direkt unter der Gürtellinie. Als "sexueller Freibeuter" wurde Elvis verhöhnt, seine Auftritte als "Striptease in Kleidern" bezeichnet. Dabei war er es, der den Rock'n'Roll von bürgerlichen Konventionen befreite. "Seine Musik das erste Mal zu hören, war wie aus dem Gefängnis auszubrechen", sagte Bob Dylan.

Liberal, dynamisch, frei

Elvis verkörperte eine Freiheit, die bis dahin unvorstellbar war; sein liberales Credo entsprach dem Zeitgeist einer Jugend, die das konservative Korsett einer unseligen Apartheid-Politik abschütteln wollte. Elvis mischte nicht nur in seiner Musik schwarze und weiße Rhythmen in bis dato unerhörter Weise, er lebte dieses Miteinander auch vor - in einer Zeit, in der Schwarze und Weiße im Süden der USA nicht nebeneinander im Bus sitzen durften. Elvis hat dies nie interessiert; nicht den Zehnjährigen aus Tupelo, nicht den Jugendlichen aus Memphis, Tennessee.

Er schlug eine Brücke zwischen Afrika, Europa und Amerika, musikalisch, spirituell, aber auch politisch. Denn zugleich war seine Musik reine Revolte, die alles veränderte, die die verlogene Moral der 50er entlarvte. Abgesehen vom Punk war Rock'n'Roll nie mehr so umstürzlerisch, so befreiend, so anders. "Es war, als ob er jedem einen Traum ins Ohr geflüstert hätte", sagte Bruce Springsteen. "Und wir alle träumten mit."

Wir alle, das ist wörtlich zu verstehen. Mehr als eine Milliarde Tonträger verkaufte Elvis bis heute, annähernd eine Milliarde Menschen sollen 1973 auch das Konzert "Aloha from Hawaii" via Satellit gesehen haben - der Beginn der popkulturellen Globalisierung. Am Anfang stand der King, alle anderen mussten sich an ihm messen. Und müssen es noch. Denn die Kombination aus Stimme, Sexiness und Charisma ist unerreicht, sozusagen prototypisch für einen Popstar und damit ideales Anschauungsmaterial. "Vor Elvis war gar nichts. Er war meine Religion", sagte John Lennon.

Moderner Heldenkult

Auch der Traum, auf den Springsteen anspielte, ist noch lange nicht ausgeträumt. Besitzt die Elvis-Verehrung vieler Fans doch beinahe religiöse Züge. Alljährlich pilgern rund 600.000 Menschen nach Memphis, um Graceland zu besichtigen, Elvis' grandios größenwahnsinniges Anwesen, das längst Vergnügungspark-ähnliche Züge trägt. Gerade hat ein US-Konzern rund 150 Millionen Dollar in die Anlage investiert, ein Luxushotel ist entstanden, dazu Kino, Bühne und Restaurants. Wer bereit ist, bis zu 150 Dollar für die "Ultimate VIP Tour" auszugeben, darf Elvis' Mikro in die Hand nehmen, seinen goldenen Gürtel liebkosen und seine 82 Anzüge bewundern. Moderner Heldenkult.

Der späte Elvis selbst war es, der - angetrieben vom gnadenlos ehrgeizigen Manager "Colonel" Tom Parker - diesen Kult förderte, der seine Auftritte zu messianischen Verkündungsspielen machte und vollgeschwitzte Handtücher wie milde Gaben verteilte. Da hatte er, trotz reichlich überzähliger Pfunde, längst die Bodenhaftung verloren. Seine Fans konnten trotzdem nie genug von ihm bekommen. Und können es bis heute nicht. Rund 20 Millionen Amerikaner glauben laut Umfragen fest daran, dass Elvis noch unter ihnen weilt. Sie sehen ihn an der Tankstelle, im Schwimmbad, aber auch in Norwegen oder im Sultanat Oman. Alles nachzulesen im Internet (www.elvissightingbulletinboard.com), wo jede Sichtung verzeichnet wird - damit man sich, so die Erklärung, nicht erschrickt, wenn der King vor einem an der Supermarkt-Kasse steht.

Auch wenn die Chancen dafür eher gering sind, in den Köpfen der Menschen ist Elvis so lebendig wie eh und je. Und Fans, Plattenfirmen sowie alle anderen, die von ihm profitieren, tun alles dafür, damit das so bleibt. Nur so, das wissen sie, wird Elvis das Gebäude unserer Illusionen niemals verlassen.

Quelle: RP
 
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