Acht CDs, die Glücksgefühle auslösen: Klassik schenken!
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 09.12.2009 - 19:16(RP). Kurz vor Weihnachten sind viele Musikfreunde wieder auf der Suche nach CDs mit klassischer Musik. Wir stellen acht Neuerscheinungen vor, die beim Käufer oder einem Beschenkten auf dem Gabentisch garantiert Glücksgefühle auslösen.
Magali Mosnier (Flöte) spielt Bach Wenn auf einer CD die Formel "Die schönsten Originalwerke Bachs in einer Bearbeitung für Flöte" pappt, darf man mit Fürchterlichem rechnen. In der Regel tropft der Sirup, schon bevor der erste Ton erklungen ist. Nicht so bei Magali Mosnier – die ARD-Preisträgerin von 2004 spielt einen ganzen Sack voller Bearbeitungen (Arien, Konzerte und Klavierstücke) mit unendlicher Zartheit und Anmut. Lauter Glasbläserarbeiten! Das Stuttgarter Kammerorchester unter Michael Hofstetter begleitet picobello. Hinterher fragt man sich erstaunt, von Magali Mosniers Spiel geläutert: Waren es wirklich Bearbeitungen? (Sony CD 8869 752700 2)
René Jacobs dirigiert Joseph Haydns "Schöpfung" Der Ruf des Dirigenten René Jacobs in der Alte-Musik-Szene und darüber hinaus ist so gigantisch, dass man ihm allmählich misstrauen sollte. Was ist an diesem Midas der Klassik wirklich dran? Nun, auch die Neuaufnahme von Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung" ist wieder hinreißend gelungen. Es ist eine famose Gesamtleistung, die sich aus tausend Kostbarkeiten addiert. Vor allem gefällt einem, dass diese Schöpfung ihrer Natur nach eine blutjunge ist und keine eines musizierenden Seniorenclubs. Mit den wundervollen Solisten Julia Kleiter, Maximilian Schmitt und Johannes Weisser, dem makellosen Rias-Kammerchor und dem blitzwachen Freiburger Barockorchester (mit einem Hammerklavier für die Rezitative) glückt das Bad im Jungbrunnen eines zuweilen ergraut wirkenden Werks. Mit witzig-tiefsinniger DVD von den Aufnahmesitzungen. (harmonia mundi HMC 992039.40)
Christian Gerhaher singt Lieder von Gustav Mahler Der Bariton Christian Gerhaher ist mit seinen Schubert- und Schumann-Aufnahmen weit in die Zonen geistreicher Erkenntnis vorgedrungen, weswegen er a priori auch für die vielschichtigen Welten der Lieder Gustav Mahlers (darunter die "Lieder eines fahrenden Gesellen" und die Rückert-Lieder) als idealer Interpret gelten darf. Aber die Wirklichkeit auf CD ist dann doch noch viel schöner: Man kann diese Lieder kaum besser singen. "Ging heut morgen über's Feld" treibt einem Klöße in den Hals, und wie Gerhaher "der Welt abhanden" kommt, ist einzigartig. Aber er verliert sich nicht in der Schönheit seiner Stimme, auch darin übertrifft er seinen Lehrer Fischer-Dieskau um Längen. Gerold Huber ist als Begleiter mehr als nur ein Eckermann – er ist der Freund, der dem Freund den Rücken freihält. (RCA CD 8869 556773 2)
Fritz Wunderlich singt Schuberts "Schöne Müllerin" Der Tabernakel der modernen Medienwelt ist das Schallarchiv. Da alles zurückgeht und die mediale Zukunft zu großen Teilen im Gestern liegt, ist es kein Wunder, dass bienenfließige Archivare immer wieder Kostbarkeiten entdecken, die für Visionen gehalten werden. (Zuweilen sind es aber auch geniale Faulpelze, die versehentlich auf einen richtigen Knopf gedrückt haben.) Alte Fundstücke kommen die Branche gewiss billiger als Neueinspielungen, aber keine teure Neuaufnahme könnte künstlerisch einen ähnlichen Rang einnehmen wie die Entdeckung eines Bands mit Schuberts "Schöner Müllerin" im Schallarchiv des SWR, gesungen von keinem Geringeren als Fritz Wunderlich. Was da am 5. Februar 1964 im Kammermusiksaal des Stuttgarter Funkhauses passierte, ist nichts weniger als die Vollendung. Hubert Giesen auf dem Klavierstuhl: wie stets eine Bank. (Hänssler CD 93.180 / Naxos)
Bach-Kantaten mit Bach-Collegium Japan unter Masaaki Suzuki Die großartigen Japaner sind mit ihrem noch großartigeren Bach seit langem in der Sonntagsmorgen-Kantate auf WDR 3 angekommen, was fraglos ein sehr gutes Zeichen für Qualität ist. Jetzt hat das Bach-Collegium Japan unter seinem ganz und gar westlich erzogenen Chef Masaaki Suzuki im Rahmen seiner Kantaten-Edition Folge 45 erreicht, und voilà: Wir haben hier einen der schönsten Einleitungschoralsätze vor uns, den Bach je geschrieben hat. Er gehört zur hinreißenden Kantate "Brich dem Hungrigen dein Brot" BWV 39. Das ebenso gemächliche wie atemlose Pochen (bei Bach ist das kein Gegensatz!) von Blockflöten und Oboen mündet bald in eine fließende Bewegung, die einem so unmittelbar ans Herz fasst, dass man zum Hausarzt laufen möchte. Außerdem gibt es noch, nicht minder köstlich, die Kantaten 187 und 129. Es muss in diesen Tagen nicht immer das Weihnachts-Oratorium sein! (BIS SACD 1801/ Klassik Center)
Sir John Barbirolli dirigiert Gustav Mahlers 6. Symphonie Eifrige Leser werden sich erinnern, dass diese CD bereits vor geraumer Zeit eine sehr lobende Erwähnung in diesen Spalten fand. Aber es gibt Platten, die einem Rezensenten so am Herzen liegen, dass er sie am liebsten wöchentlich in seine Kolumne schmuggeln möchte. Diese hier ist eine solche: der legendäre BBC-Mitschnitt von Gustav Mahlers 6. Symphonie a-moll ("Tragische") mit dem New Philharmonia Orchestra aus der Londoner Royal Albert Hall vom 16. August 1967. In ihrer jähen Unmittelbarkeit und berührenden Herzlichkeit kommt ihr jener Rang zu, der dem Namen des Labels entspricht, das die Platte jetzt veröffentlichte: Testament. (Testament SBT 1451 / Note 1)
Weihnachtliche Chormusik der Spitzenklasse – mit Tenebrae Im vergangenen Jahr verursachte der Hinweis auf eine neue CD des Vokalensembles Singer Pur einen Kassenschlager. Einen solchen wünscht man auch der CD "What Sweeter Music" des britischen Vokalensembles Tenebrae. Es ist eine wundervolle Mischung aus kerzenwachsweicher Krippen-Innigkeit, knackigem Christmas-Jazz, dann wieder eisblumenzarten heiligen Momenten. Man kommt aus dem Erschauern nicht heraus – etwa in John Taverners seraphisch gesungenem "The Lamb", wozu man die Augen schließt und glauben muss, dass sich beim Hören ein Tränchen herausstiehlt. Dagegen sind Arrangements wie "Jingle Bells" oder "We Wish You a Merry Christmas" so abgefahren fetzig, dass man meint, ein Schlitten brause mit Außenbordmotor an einem vorbei. Herrlich! (Signum Classics SIG 182 / Note 1)
Friedrich Gulda: Die frühen Rias-Aufnahmen (1950–1959) Die Veränderung des Bewusstseins war eins von Friedrich Guldas Lieblingszielen. Natürlich zielte der legendäre Pianist auf seine Zuhörer. Jetzt verändert eine 4-CD-Box unser Bewusstsein erneut. Die frühen Rias-Aufnahmen zeigen uns Gulda als begnadeten Debussy-Interpreten, der die "Suite bergamasque" entwaffnend ungefühlig spielt; sogar der "Clair de lune" stammt nicht von einem Mond aus Kitsch. Eiskalt gehärtet Prokofieffs 7. Sonate, abgrundtief Mozarts c-moll-Klavierkonzert, vehement zu- und fast übergriffig Chopins 24 Préludes. (audite 4 CD 21.404 /edel)
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