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Saxofonist bei Düsseldorfer Jazz Rally
Klaus Doldinger sucht einen Sender

Klaus Doldinger sucht einen Sender
Klaus Doldinger bei der Echo-Verleihung am 1. Juni. FOTO: dpa, ahe soe
Düsseldorf. Mit dem berühmten Saxofonisten, der an diesem Samstag bei der Düsseldorfer Jazz Rally auftritt, ist unser Autor zum Telefoninterview verabredet. Aber dann kommt uns der Techniker eines Nobelhotels dazwischen. Von Wolfram Goertz

Klaus Doldinger könnte in wirklich ausgelassener Stimmung sein, denn am Vorabend hat er in Hamburg den Echo für sein Lebenswerk bekommen. Trotzdem ist er am Freitag um 15.45 Uhr, als er sein Hotelzimmer im Breidenbacher Hof in Düsseldorf inspiziert, ein wenig ungehalten.

Er wird die nächsten Tage ganz im Treiben der Düsseldorfer Jazz Rally versinken, bei der er in vorderster Front als Schirmherr und Musikus mitwirkt, und weil im Jazz eben alles Improvisation ist, sollte die Welt ringsum in Ordnung sein – auch und gerade in einem Nobelhotel wie dem Breidenbacher Hof. Doch Klaus Doldinger findet in seinem Hotelzimmerfernsehen die ARD nicht. Das fuchst ihn. Das Erste! Wo ist das Erste?

"Können Sie das nicht umprogrammieren?"

Eigentlich sind wir ja zum Telefon-Interview verabredet, aber zeitgleich schlägt in seinem Zimmer der Haustechniker auf, den Doldinger hat kommen lassen, damit der die ARD sucht. Ich will gerade eine Frage zu seiner Band Passport vorbringen, begreife aber, dass die ARD vorgeht, jetzt wo der Bedienstete eigens in das Zimmer des berühmten Saxofonisten geeilt ist; ich befinde mich nur linksrheinisch am anderen Ende des Telefons.

Doldinger ist über die Sache mit der ARD nicht wirklich böse, gar nicht, er versteht nur nicht, warum das Hotelfernsehen zunächst nur arabische und russische Sender bietet, "wir sind doch in einem deutschen Hotel, oder?" Der Techniker kann das auch nicht erklären, weist aber darauf hin, dass die ARD auf Position 57 zu finden sei. Das sei viel zu weit hinten, sagt Doldinger: "Können Sie das nicht umprogrammieren?"

Der Techniker murmelt – ich verstehe jedes Wort, denn Doldinger spricht mit dem Mann, während er den Hörer weiterhin an seinen Mund hält – etwas von zentraler Steuerung, aber das ist dem Künstler egal. 81-Jährige können zuweilen etwas dogmatisch sein, und so lässt er keinen Zweifel daran, wie so ein Hotelfernsehen geordnet sein sollte: "Also man möchte doch auf Knopf eins das Erste, dann das ZDF und dann die dritten Programme haben."

"Ich fühle mich super fit, ich habe viele Aufträge"

Der Techniker ist sehr höflich, wie es sich gegenüber einem Hotelgast des Breidenbacher Hofs und noch dazu einem Klaus Doldinger gehört, aber was jetzt genau die dritten Programme sind, weiß er nicht. Doldinger, wie von der evangelischen Kanzel: "Also WDR, NDR, SWR und diese ganzen Sender!" Doldinger ist ein netter Typ, aber ich merke, wie er mit den Augen rollt. Und vermutlich an die Melodie des Jazzstandards "Everything Happens To Me" denkt.

Ich rufe soufflierend in den Hörer: "Und der BR, auch ein drittes Programm!" Dies ist das Stichwort für Doldinger, zu mir zurückzukehren. "Ja, der Bayerische Rundfunk. Der überträgt bei BR Alpha ja sogar Jazz. Phoenix auch." Ich wende ein, dass der WDR selten Jazz im Fernsehen bringe, dabei sei diese Musikrichtung populär. Doldinger nimmt das Thema auf seine Agenda, es ist klar, mit wem er beizeiten darüber reden wird: "Ich kenne Tom Buhrow ja ganz gut." Der ist der Intendant des WDR, fraglos ein idealer Gesprächspartner für Doldinger, der mit der "Tatort"-Titelmusik der ARD eine famose Dauerbrenner-Erkennungsschleife komponiert hat. Gerade fabriziert er wieder die Musik für einen Kölner "Tatort".

Und das mit 81 Jahren! Doldinger ist indes, was das Alter anlangt, ganz entspannt, wie er sagt, "ich fühle mich super fit, ich habe viele Aufträge, eine neue CD ist in der Mache!" Die Arbeit mit Passport sei weiterhin fantastisch und mache riesigen Spaß – und hält ihn wohl auch auf Trab; so ist das halt mit dem Image. Kleiner Wermutstropfen: Sein Gedächtnis lasse zwar ein wenig nach, nicht aber bei der Musik, da sei die Kreativität ungebrochen. Vielleicht ist das Gehirn eines Weltklasse-Jazzers auch anders konfiguriert als bei uns Normalsterblichen.

Und dann greift er zur Fernbedienung

Apropos "konfiguriert": Die letzten Fetzen des Dialogs mit dem Haustechniker lassen ahnen, dass für den Hotelgast Doldinger das Wiederfinden sehnsuchtsvoll vermisster Sender ab sofort problemlos möglich ist. Das stellt den Musikus glücklich, ich merke es sofort.

Es ist schön, einen solch intimen Moment im Leben Klaus Doldingers belauschen zu dürfen, der uns lehrt, das jenseits der Beliebigkeit manche Dinge einen festen Platz haben sollten. Und während wir uns verabschieden, merke ich, dass er zur Fernbedienung greift.

 
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