| 07.09 Uhr

Konzert in der Lanxess-Arena
Deichkind in Köln – niemand stoppt die Crew vom Deich

Deichkind feiern im Cyber-Outfit
Deichkind feiern im Cyber-Outfit FOTO: dpa
Köln. Für mehr als anderthalb Stunden feiern tausende Fans in der Kölner Lanxess-Arena musikalische Anarchie. Deichkind ist die Band der Stunde: Ihre Texte treffen den Zeitgeist, ihre Gesten sind politisch. Keine Armlänge Abstand, no sexism, no racism – und alle liegen sich in den Armen. Von Henning Rasche

Als der Mann mit der Federmaske auf dem Fass sitzt und eine riesige schwarz-weiße Fahne schwenkt, ist es spätestens klar: Deichkind ist sicherlich vieles, aber auf keinen Fall Kindergeburtstag für Erwachsene. "No sexism, no racism" steht auf der riesigen Fahne, und man glaubt sich zu erinnern, dass da im vergangenen Jahr noch nichts von Sexismus stand. Vielleicht hat das mit Köln zu tun, mit Silvester, aber so genau weiß man das natürlich nicht.

Niveau-Weshalb-Warum-Tour in der Lanxess-Arena

Der zweite Teil der Niveau-Weshalb-Warum-Tour führt das Deichkind in die Kölner Lanxess-Arena. Es vereinen sich dort Menschen, die T-Shirts mit "Leider geil"-Aufschrift tragen, Menschen in Anzügen, Menschen, die nicht nur Zigaretten rauchen, Menschen, die sich lieben, Menschen mit Dreiecken auf dem Kopf und Müllsäcken auf der Schulter. In diesem Land hat es sich herumgesprochen, dass das, was diese Band bei ihren Shows macht, lohnenswert ist. Und für einen Moment steht die Frage im Raum, ob es für eine Band wie Deichkind eigentlich eine Auszeichnung ist, gesellschaftsfähig geworden zu sein.

Nach einer wirren Naturdokumentation zu Beginn springt Deichkind zwischen den Alben und damit auch den Generationen von Fans hin und her. Dass sie veritable Klassiker wie "Voodoo" oder "Rolle mit Hip Hop" spielen, zeigt, dass die Band durchaus weiß, wie komplex die Fanstruktur und die Geschmäcker sind. Der Großteil der Besucher in Köln jedenfalls ist aus dem Häuschen, als Kryptik Joe mit Trenchcoat und Aktentasche "Bück dich hoch" anstimmt. Dabei ist dieser Song wirklich keine Sternstunde der Band.

Ironie und Anarchie – manchmal mit der Brechstange

Deichkind ist Ironie und Anarchie, manchmal mit der Brechstange wie bei "Bück dich hoch", manchmal etwas subtil wie bei "Like mich", dann wieder subversiv mit "Hört ihr die Signale". Die Hamburger sind die Band der Stunde. Am Montag noch sind sie für umme, wie die Nordlichter sagen, in Dresden aufgetreten, an der Stelle, wo sich sonst Pegidisten versammeln. Deichkind ist schwer politisch dieser Tage und setzt Statements: "Refugees welcome".

Wenn es vor einem halben Jahr noch zum Allgemeingut gehörte, hat es heute schon was, sich mit einer Selbstverständlichkeit auf eine Seite zu stellen. Haltung ist gefährlich, Haltung kann Geld kosten, aber Haltung ist so wunderbar wichtig.

"Like mich" als Hymne der Internetkritiker

Für die Internetkritiker unserer Zeit hat Deichkind mit "Like mich" die Hymne geliefert. Das Lied beantwortet Fragen, die zu selten beantwortet und überhaupt gestellt werden – und das tut gut. "Schreib das auf 'nen Zettel drauf, was du vergisst / Was war noch mal der Suchbegriff?" Deichkind ist natürlich Vereinfachung, einverstanden. Aber diese Vereinfachung ist heilsam, sie tut gut, sie ist klug.

In Köln hapert dann manchmal der Sound, der dröhnt, der es etwas schwierig macht, alles zu verstehen. Aber im Zweifel weiß dann der Nebenmann weiter, der mitgrölt, mitschreit – und einem das Bier über den Kopf schüttet. Dass das einfach immer nur Abriss ist, wenn Deichkind auftritt, ist aber natürlich ein Missverständnis. Die Crew vom Deich beherrscht alle Stimmungen.

Es ist unmöglich, ein Deichkind-Konzert zu besuchen und nicht daran zu denken, dass man mit diesen Wahnsinnigen auf der Bühne gerne mal einen Abend in einer Eckkneipe verbringen würde. Kneipenphilosophie, Lebensweisheiten, all das haben die Jungs, die nach all den Jahren gestandene Familienväter sind und wie Ferris MC mit Wollpullover und zurecht gemachtem Haar bei Markus Lanz sitzen, sicher drauf. Auf der Toilette sagt einer: "Du musst einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen, ein Haus bauen und ein Deichkind-Konzert besuchen." Würde nicht schaden, wenn es mehr als eins ist. Anarchie auf Zeit für die Seele.

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