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Leonard Cohen
Der Dandy der Dunkelheit

Leonard Cohen mit neuem düsterem Album „You Want It Darker“
Leonard Cohen wurde 1934 geboren – ein Jahr vor Elvis Presley. FOTO: Leonard Cohen Press
Düsseldorf. Der 82 Jahre alte Leonard Cohen veröffentlicht ein großartiges und düsteres neues Album. "You Want It Darker" könnte sein Abschiedswerk sein. Von Philipp Holstein

Acht Jahre haben Marianne Ihlen und Leonard Cohen auf der Insel Hydra zusammengelebt. Es waren die späten 60er Jahre, und wie es zugegangen sein muss zwischen der Norwegerin und dem Kanadier, sieht man auf der Cover-Rückseite der LP "Songs From A Room". Da sitzt Marianne an seinem Schreibtisch, sie ist sehr kokett in ein weißes Handtuch gewickelt, und sie schaut ziemlich verliebt. Cohen widmete ihr die drei schönsten Lieder der Welt: "Bird On A Wire", "Hey, That's No Way To Say Goodbye" und natürlich "So Long, Marianne". Aber die Liebe, sie währte nicht, und so trennten sich die beiden. Als Cohen nun hörte, dass Marianne an Krebs erkrankt war, schickte er ihr eine Nachricht ans Sterbebett: "Du weißt, wie sehr ich dich geliebt habe. Ich wünsche Dir eine gute Reise. Auf Wiedersehen, alte Freundin. Ich sehe Dich am Ende der Straße. Ich folge Dir bald." Am 28. Juli 2016 starb die frühere Gefährtin. Ihre Angehörigen sollen am Schluss "So Long, Marianne" für sie gesummt haben.

Leonard Cohen ist 82 Jahre alt, er hat ein neues Album veröffentlicht, es heißt "You Want It Darker", und darauf breitet er die letzten Dinge auf schwarzem Samt aus. Er flüstert nur noch. Das ist eine umwerfende Platte, sie gehört zu Cohens besten, und sie ist unglaublich intensiv. Man kann das nicht nebenbei weghören, man muss die neun Stücke über Kopfhörer abspielen und die Augen schließen, dann spürt man Cohens schartigen Bariton unter der Schädeldecke kratzen.

"Aber nun ist es zu spät"

Vor wenigen Wochen empfing er David Remnick, den Chefredakteur des US-Magazins "New Yorker", in seinem Haus in Los Angeles. Er ordne seine Angelegenheiten, berichtete er, um seine Gesundheit stehe es schlecht. Und auch wenn Cohen Tage später anmerkte, er habe da ein bisschen übertrieben, er wolle 120 Jahre alt werden, mutet das Album wie ein Testament an. Es wirkt, als sei mit dem Tod Mariannes auch die Liebe gestorben – das aktuelle Album ist jedenfalls die erste Platte Cohens, dieses Poeten der Libido, die ohne Galanterie auskommt. Es geht um Spiritualität, Cohen bittet die Hörer zu sich, auf dass sie seine Weisungen entgegennehmen. Und so steht man vor diesem Mann, der so unfassbar toll aussieht, und hört ihm dabei zu, wie er mit Gott hadert. "Ich wünschte, es hätte einen Vertrag gegeben zwischen deiner Liebe und meiner", klagt Cohen im letzten Stück, in dem er nach drei Minuten Geigen-Intro nur kurz die Stimme erhebt: "Aber nun ist es zu spät."

Cohen spielte die Songs in seinem Wohnzimmer ein, arrangiert wurden sie von seinem Sohn Adam, und der hat die Stücke fein und minimalistisch um das mächtige Wispern seines Vaters herumgebaut. Man hört Streicher, und manchmal tauchen Cherubime auf und seufzen. Das Titelstück gleitet auf einem groovenden Bass in die Finsternis, das ist der Hit für die Existenzialisten-Disco. Der Kantor der Synagoge in Montreal, die Cohen als Kind besuchte, singt im Hintergrund, und irgendwann ruft Cohen auf Hebräisch: "Hineni, Hineni!". "Hier bin ich!", heißt das, und es sind die Worte, die Abraham sprach, als Gott ihm befahl, seinen Sohn zu töten.

Bei aller lyrischen Endgültigkeit haben die Stücke durchaus etwas Federndes, überhaupt weiß man bei Cohen ja nie so genau, ob er einem aus der Tiefe nicht doch zuzwinkert. Er liebt die Koketterie, das Spiel mit den großen Gesten der Sehnsucht, und so hofft man immerzu auf die Erlösung, die Befreiung. Allein: Es ist schwierig, sie hier zu finden. "Ich bin bereit, Herr", singt er. Der Dandy des opaken Schwarz meint es ernst.

Dass wir diese schmerzhaft schöne Platte überhaupt zu hören bekommen, ist ein Glück, das wiederum aus dem Unglück geboren wurde. Cohen hatte sich auf der Suche nach Sinn einige Jahre in ein Zen-Kloster zurückgezogen und sich zum Mönch ausbilden lassen. Und als er zurückkehrte, hatte seine Managerin seine Konten gelehrt. Er musste wieder Platten aufnehmen und touren, und zwischen 2008 und 2013 stand er auf den Bühnen der Welt, und seine hingebungsvollen Konzerte konnten dreieinhalb Stunden dauern. Das waren Messen, Cohen kniete auf einem Teppich und rief die höheren Mächte an, und dass es ihm stets gelang, den Kitsch zu umschiffen, ist nicht die geringste Leistung.

"Höchster Berg der Welt" 

Er ist erst mit Anfang 30 zum Sänger geworden, er hatte da schon eine Karriere als Schriftsteller hinter sich, und im Gegensatz zu Bob Dylan mochte er Auftritte nie besonders. Die beiden gelten als größte lebende Songwriter, und neulich erklärte der 75 Jahre alte Dylan, wie sehr er den Kollegen verehre. Er schwärmte von dessen Art, Songs zu bauen, Melodien zu flechten. Cohen bedankte sich, indem er anmerkte, die Verleihung des Nobelpreises an Dylan wirke in etwa so, als bringe man eine Plakette mit der Aufschrift "Höchster Berg der Welt" am Mount Everest an.

Dylan inszeniert sich als großer Verschwinder, er ist nicht zu fassen, nicht mal für die Nobelpreis-Jury. Cohen hingegen ist der weise Mann, der mehr weiß als wir, in Liebesdingen, über die großen Geheimnisse und das Sehnen. Auf dem nur 36 Minuten langen Album "You Want It Darker" schreibt Cohen nun das Buch des Lebens mit Bleistift in sein Notizbuch. Er reicht uns dieses Brevier, es ist ein Geschenk. Es ist alles, was er hat, und nun trennen sich unsere Wege. Am Ende steht er nackt da, nur den Hut behält er auf.

So kann er Gott grüßen, falls der doch noch vorbeikommt.

(hol)
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