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Rapper Marco und Fabian Döll
Flyheit, Weichheit, Brüderlichkeit

Mädness und Döll: Zwei Brüder haben Erfolg mit klugem Deutschrap
Brothers nicht from another, sondern from the same mother: Fabian (links) und Marco Döll. Das erste gemeinsame Album von "Döll" und "Mädness", steigt auf Platz 21 der Charts ein. FOTO: André Grohe
Mit dem Gegenteil von Gangsta-Gepose mischt ein verletzliches, nachdenkliches, aber maximal unpeinliches Brüderpaar den deutschen HipHop auf – genau 20 Jahre nach den "Stieber Twins". Von Tobias Jochheim

Beim "Isch" trennt sich für manchen Mittelschichtsbürger die Spreu vom Weizen. Wer "Isch" sagt oder gar rappt, so der Gedankengang, der ist latent gefährlich, der hat trainierte Fäuste, ein Messer oder gar eine Knarre, dealt mit Drogen, überfällt Banken oder benutzt jedenfalls viele Schimpfwörter.

Und dann heißt es im Titeltrack des ersten gemeinsamen Werks der HipHop-hochbegabten Brüder Marco und Fabian Döll "Isch und mein Bruder, das zweide Weltwunder...". Die Dölls mögen ihre Mundart und babbeln Hessisch, doch das scheint es nicht zu sein. Des Rätsels Lösung lautet: Die Zeile ist ein Sample, als Hommage an die "Stieber Twins", die vor zwanzig Jahren in Heidelberg Pionierarbeit im Deutschrap leisteten – und zwar in breitem kurpfälzischem Singsang.

Komplett lautet die Zeile übrigens: "Isch und mein Bruder, das zweite Weltwunder / kleben aneinander wie im Sommer frische Puddingplunder". So viel zur Gefährlichkeit. Sie seien lieber "ehrlich der Letzte als durch Beschiss der Beste" rappten die Stiebers 1997 ebenfalls, und das meinten sie auch so. Ihr erstes und letztes Album "Fenster zum Hof" ist ein, wenn nicht der Meilenstein des Deutschrap – nicht zeitlos, dafür hat sich Hip-Hop zu weit entwickelt, aber doch ungewöhnlich gut gealtert.

Stieber: "Sie haben jeden denkbaren Erfolg verdient"

44 Jahre alt ist Martin Stieber heute und steht mit beiden Beinen im Leben. Der erste Anruf bei ihm kommt unpassend, er kümmert sich gerade um die Vorsteuer im Büro seines Ladens, in dem er Platten vertreibt, Klamotten und Graffiti-Sprühdosen in 174 Farbtönen. Beim zweiten Versuch erzählt er umso bereitwilliger. Die Freude ist ihm anzuhören, als er berichtet: "Die Jungs haben mir das Album brühwarm vorgespielt, sobald es fertig war. Ich find's gelungen!" Bessere Nachfolger als diese klugen, wortgewaltigen und technisch starken Burschen könne er sich nicht wünschen, sagt er. "Das Wichtigste ist: Sie sind authentisch sind und haben Sinn für Selbstironie." Ob es sich allerdings auszahlen wird, dass Marco Döll (36) und sein acht Jahre jüngerer Bruder Fabian "all in" gegangen sind und das Rappen zum Beruf gemacht haben, wagt er nicht zu beurteilen. "Das Geschäft ist so schnelllebig geworden. Aber ich wünsche ihnen nur das Beste, sie hätten jeden denkbaren Erfolg verdient."

Die Dölls sind keine Newcomer, im Gegenteil, schon seit mehr als 15 Jahren rappt Marco alias "Mädness". Doch erst 2014 sorgen sie für Furore, mit den EPs "Maggo" (Mädness) und "Weit entfernt" (Döll). Die Szene applaudiert nicht nur, sie verbeugt sich – doch die Dölls stehen sich mit ihrem Perfektionismus selbst im Weg. Bei Live-Auftritten glänzen sie, aber neues Material bleibt aus. Im vergangenen Jahr allerdings schmeißen sie ihre Jobs, lösen die gemeinsame WG in Darmstadt auf und ziehen nach Berlin, um beim Label Four Music das gemeinsame Album fertigzustellen, dessen Fundament sie gemeinsam mit dem Produzenten Torky Tork im selbstgewählten Exil irgendwo im thüringischen Nirgendwo gegossen haben.

Nun ist es da, es ist nachdenklich und emotional, mit Mut zu schleppendem Tempo und mancher gesungenen Hook, aber es fließt und kracht. Dem "Höher, Schneller, Breiter" des Gangsta-Rap setzen sie Tiefe entgegen. Man kann "Ich und mein Bruder" als Konzeptalbum verstehen. Wie "A Grand Don‘t Come for Free" von The Streets kommt es mitten aus dem Leben, ohne banal zu sein. Vermisst, gesucht und schließlich wiedergefunden wird hier anstatt Pfundnoten aber nicht weniger als die eigene Identität.

"Jeden denkbaren Erfolg verdient" hätten die Döll-Brüder, sagt Martin Stieber, der vor 20 Jahren gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Christian das legendäre Album "Fenster zum Hof" veröffentlicht hatte. Bessere Nachfolger könne er sich nicht wünschen. FOTO: Robert Winter

Plötzlich Coverboys

Im Kern geht es um Selbstertüchtigung, um Emanzipation von übertriebenem Sicherheitsdenken, falschen Freunden und dem Lechzen nach Anerkennung, um alte Wunden und neue Chancen. "Hinterlässt du was, oder lässt du dich hindern?", fragen die Brüder, und betonen: "Es ist, wie du‘s nimmst – nicht, wie es kommt, Mann!"

Zu Recht zieren die Dölls nun auch das Cover des größten HipHop-Fachblatts "Juice". 2014 hatte Marco alias Mädness diesen Traum noch abgehakt: "Ich muss es nicht mehr auf's Juice-Cover schaffen. / Hab' genug an der Backe. / Ich will von eurem Kuchen nix abha'm, denn bei mir läuft's ziemlich gut aus'm Zapfhahn." Das war keine Koketterie, damals, er war so gut wie raus aus dem ganzen Rap-Ding, um Bier und Apfelwein mit dem schönen hessischen Wort "Gude" (= Grußformel wie etwa "Moin", aber auch "Prost") zu vertreiben. Aber die Zeiten ändern sich, zum Glück. Deutschrap braucht Akteure mit Mut zur Weichheit; stark genug, um ihre Schwächen zu zeigen. Männer, die etwas zu sagen haben zu ernsten Themen, und das weniger misanthrop tun als Audio88 & Yassin, und mit weniger Ironie und Metaebene als Fatoni.

Ob die Stiebers die Beach Boys des Deutschrap seien und die Dölls die Gallagher-Brüder, hatte ich Martin Stieber noch gefragt. "Pff, was'n Vergleich", kommt staubtrocken zurück vom Altmeister, der die naheliegenden Gags über fragwürdigere Geschwister-Combos wie die "New Kids on the Block" oder die "Kelly Family" elegant liegenlässt: "Wir sind die Fugger und die Dölls die Albrecht-Brüder!"

 
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