Des Kaisers neue Kleider: Märchenhaft: David Bowie in der KölnArena
zuletzt aktualisiert: 03.11.2003 - 11:25Düsseldorf (RP). David Bowie gilt als Visionär, als chamäleongleicher Trendsetter, als Pop-Kaiser, der sich in ständig neuen Kleidern gefällt. Kurz nach Erscheinen seines neuen Albums geht er auf Welttournee - eine der Stationen: Köln.
Als erklärter Anhänger einer schönen neuen Medienwelt stellte der 56-jährige Weltstar vor wenigen Wochen, am 8. September, mit einer virtuellen Werbeaktion sein neues Album „Reality“ vor. Ein eigens in einem Londoner Club aufgenommenes Konzert ging via Satellit um die Welt. Das Video zeigte den immerjugendlichen Dorian Gray des Popgeschäfts so vital wie lange nicht mehr. Mit Spannung wurde deshalb die anschließende Welttournee erwartet. In der ausverkauften Kölnarena gab David Bowie vor rund 17000 Fans sein einziges, längst nicht so mitreißendes NRW-Konzert.
Unter dem Jubel der Fans erscheint David Robert Jones, so sein bürgerlicher Name, ganz zivil in schwarzen Jeans, T-Shirt und Weste auf der Bühne. Er geht kein Risiko ein, mit dem rockigen „Rebel, Rebel“ bringt er das Publikum sofort dazu, im Rhythmus der eingängigen Gitarrenriffs zu klatschen.
Der Show-Profi weiß aber, wie wichtig Distanz ist, um die mühsam erworbene Aura einer Pop-Ikone zu bewahren. So läßt er keinen Fotografen an den Bühnenrand, und die Videobilder, die dem Publikum auf den hinteren und höheren Rängen zumindest das Gefühl geben sollen, irgendwen auf der Bühne erkannt zu haben, sind eine grobkörnige Zumutung.
Mit freundlichem, doch keinesfalls begeistertem Applaus werden Songs wie „New Killer Star“ vom „Reality“-Album oder das elegische „Heathen“ quittiert. Die Stimmung treidelt in lauwarmer Atmosphäre dahin, bis der nächste Klassiker sie wieder hochkochen lässt. Allerdings scheint Bowie vom „China Girl“ längst genug zu haben; zu leidenschaftslos, ohne den gehauchten Hauch exotischer Erotik serviert er das Mädchen ab.
Zudem setzt die gitarrenlastige Band einseitig auf groovenden Hochdruck, will offenkundig mit brettharten Sounds Frische und Jugendlichkeit demonstrieren. Bei Songs wie „I’m Afraid Of The Americans“ paßt die harte Gangart; doch allzu oft wird deutlich, dass die Band musikalisch nur bedingt Zugang zu den differenzierten Klang-Arrangements des älteren Songmaterials hat.
Immerhin beweist Bowie Humor von der schwarzen Sorte, wenn er nach „Under Pressure“, das er einst im Duett mit Freddie Mercury gesungen hat, Erlösung vom allgemeinen Druck verspricht und dann „Ashes to Ashes“ intoniert. Im Zugabenteil - bereits nach 100 Minuten - läßt es Bowie mit „Suffragette City“ noch einmal richtig krachen, ehe er bei „Ziggy Stardust“ dann nochmals einen Eindruck von der Intensität seines früheren Charismas spüren läßt.
Letztlich aber zeigt sich der Pop-Kaiser mit den immer neuen Kleidern wie im Märchen, nämlich musikalisch ziemlich nackt.
Von BERND SCHUKNECHT
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