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Globale Charts
Max Martin ist der König des Pop

Max Martin ist der König des Pop
Max Martin weiß, was einen Hit ausmacht. FOTO: Grafik: RP
Berlin. Er ist die Hitfabrik der globalen Charts: Der 44-jährige Schwede, der sich Max Martin nennt, baut die großen Songs der Gegenwart. Von Philipp Holstein

Dieser Kerl ist der mächtigste Mann der Gegenwartskultur, er ist so einflussreich wie George Lucas und Steven Spielberg in ihren großen Tagen. Je nachdem, welchen Sender man eingeschaltet hat, kann man eine Stunde über die Autobahn fahren und im Radio ausschließlich Songs hören, die er geschrieben hat. Sein Name ist Karl Martin Sandberg, er ist 44 Jahre alt und stammt aus Stockholm, und er hat fast jedes Lied zu verantworten, das in den vergangenen 20 Jahren zum Ohrwurm wurde: "Quit Playin' Games" von den Backstreet Boys etwa, "Oops! ... I Did It Again" von Britney Spears, "I Kissed A Girl" von Katy Perry, "Shake It Off" von Taylor Swift und "Love Me Like You Do" von Ellie Goulding. 21 Stücke brachte er auf Platz 1 der US-Charts.

Sandberg arbeitet stets unter Pseudonym, Max Martin ist ein häufig verwendetes, deshalb kennen ihn so wenige. Er hält sich im Hintergrund, weil die Künstler, für die er arbeitet, den Mythos vom eigenständigen Singer-Songwriter aufrecht erhalten wollen. Sein Erfolg verrät einiges über den zeitgenössischen Musikmarkt. Es gibt im Mainstream-Pop zwei Typen von Hits: die aus dem so genannten Bereich Urban, unter den man auch Rap- und R 'n' B-Künstler wie Jay Z, Beyoncé und Rihanna fasst. Hiermit hat Sandberg nichts zu tun, dort herrschen Leute wie Dr. Dre, Timbaland und Pharrell Williams. Sandbergs Metier ist der zweite Bereich, den man als Europop bezeichnet. Diese Stücke klingen wie Abba mit Beats, sie haben einfache Akkorde, süße Melodien und ein eindeutiges Strophe-Refrain-Schema, wobei Sandberg Refrains noch zusätzlich aufmotzt: Sie müssen den Song zum Explodieren bringen.

Sandberg/Martin arbeitet in den Cheiron-Studios in Stockholm. Cheiron ist in der griechischen Mythologie der Kentaur, der Dionysos das Singen und Tanzen lehrte. Sandberg hat die Musikfabrik von seinem Mentor, dem früh verstorbenen Produzenten Denniz PoP alias Dag Krister Volle, übernommen. Der veredelte auf eigene Faust Songs fremder Interpreten und schickte ihnen seine Versionen: Guck mal, so wäre es besser gewesen. Er machte Dr. Alban und Leila K. berühmt und die Band Ace Of Base, die 1994 mit den Liedern "All That She Wants" und "The Sign" 48 Wochen ununterbrochen in den US-Top 10 stand. Dieser Rekord hielt fast 20 Jahre, dann brach ihn Katy Perry: 52 Wochen Top 10 – und zwar mit Liedern von Sandberg.

In den Cheiron-Studios gibt es für jedes Song-Element Spezialisten: Einige arbeiten an den Intros, einige an der Bridge, ganz viele an den Refrains. Sandberg achtet darauf, dass kein Lied mehr als sieben Sekunden benötigt, um zu verfangen. Er hat einen Trademark-Sound, für den er Snare, Kickdrum und Handclaps so nah aneinander mischt, dass sie ein Geräusch ergeben, dem die Synapsen nicht widerstehen können – man höre sich nur den Anfang von "The Sign" an, dann weiß man Bescheid. Seine Studios sind also im Grunde ein Drogenlabor. Wenn ein Lied fertig ist, singt es Sandberg höchstpersönlich ein, danach wird es nach Kalifornien geschickt, wo ein Mitarbeiter den "L.A. Car Test" macht: Der Song muss auf einer Autofahrt am Pacific Coast Highway funktionieren. Dann erst wird er an die Künstler ausgeliefert. Sandberg weiß, dass er Teen Pop produziert, eine Musik, die nicht in den In-Vierteln von New York gehört wird, sondern auf Parkplätzen, in Malls, Aquaparcs und auf der Fahrt dahin.

Im Musikgeschäft sind Hits die Währung. 90 Prozent der Einnahmen stammen von 10 Prozent aller Songs, und ein Prozent aller Künstler sorgt für 70 Prozent der Einnahmen. Hits sind die Eingangspforte für Ruhm, Einfluss und Geld. Am meisten bringen das Copyright an der Komposition und das Copyright an der Aufnahme ein. Das zweite kann man mit einem Grundstück vergleichen, das erste mit den Überflugs- und Schürfrechten. Sandberg besitzt oft beides. Was das bedeutet, zeigt ein berühmtes Beispiel: "Stairway To Heaven" von Led Zeppelin soll den Rechteinhabern bis 2008 weit mehr als eine halbe Milliarde Dollar eingebracht haben.

Sandberg hat ein Ideal, er will den sogenannten "Bliss Point" treffen, jenen Moment also, in dem der Hörer keine Abwehr mehr empfindet, keine Langeweile, nur mehr Zustimmung. Er lässt die Beats mit der Melodie arbeiten und nicht gegen sie. Und er sucht sich die Wörter für den Text nach phonetischen Aspekten aus, damit sie schneller ins Hirn flutschen. Ein Beispiel dafür ist die Zeile "The taste of his cherry chap stick" in "I Kissed A Girl". Der US-Journalist John Seabrook listet in seinem erhellenden Buch "The Song Machine" die Platten auf, die Sandbergs Eltern zuhause hatten: Elton John, Queen, "Eine kleine Nachtmusik" und "Die vier Jahreszeiten". Sandberg selbst sagt, perfekte Stücke seien für ihn "The Model" von Kraftwerk und Donna Summers "I Feel Love". Das ist der Kanon des Hitmakers.

Was bedeutet der immense Erfolg des Mannes, der den Soundtrack zum Aufwachsen unserer Kinder liefert? Sänger-Persönlichkeiten wie Katy Perry müssen nur mehr Stimme, Performance und Image liefern, der Rest wird industriell gefertigt, aus maschinengenerierten Sounds sowie Samples bereits vorhandener Musik. Sandberg hat sich neulich ein Haus in Los Angeles gekauft. Es gehörte einst Frank Sinatra.

That's Entertainment.

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