"Electric Arguments": McCartney klingt wieder jung
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 03.12.2008 - 07:56Düsseldorf (RP). Vielleicht ist er in einen Jungbrunnen gefallen oder ihm tut die Verliebtheit gut – jedenfalls: Die neue Platte von Paul McCartney (66) klingt so unerwartet frisch, so neu und verblüffend, dass das Hören eine reine Freude ist.
„Electric Arguments“ heißt das Album, das der ehemalige Beatle mit seinem musikalischen Spielgefährten Youth, dem einstigen Bassisten der Band Killing Joke, unter dem Projektnamen The Fireman aufgenommen hat. Die beiden haben in den 1990er Jahren bereits zusammengearbeitet, allerdings beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Vor 15 Jahren erschien die erste Fireman-Platte, fünf Jahre später die zweite. Sie boten instrumentale Skizzen und elektronische Klanglandschaften. Nichts wirklich Großes, eher etwas für Sammler.
Bei „Electric Arguments“ liegt der Fall anders. McCartney singt zum ersten Mal auf einer Fireman-Produktion. Er spielt mit seiner Stimme, und es ist ganz aufregend, ein ganz kleines bisschen wie beim ersten Hören des Weißen Albums der Beatles. Das erste Stück erinnert denn auch an „Helter Skelter“ von 1968. Ein hartes, vertracktes Ungetüm, für das McCartney seine Stimme presst und staucht. In den folgenden Songs tobt er sich weiter aus, mischt Blues und Rock und Balladen und Folk, sogar Techno und Ambient. In manchen Momenten klingt die CD nach den neuen Aufnahmen junger amerikanischer Rock-’n’-Roll-Lümmel in Röhrenjeans. Dann wieder wie aussortierte Aufnahmen aus den Sessions zu „Magical Mystery Tour“. Da meint man „The Fool on the Hill“ von den Beatles herauszuhören, dort ein Stück von den Wings. Und einen sehr schön flirrenden, hymnenhaften Hit birgt das Album auch: Ohne „Sing the Changes“ wird künftig keine Werkschau des Künstlers auskommen.
McCartney will sich in einem Alter, da andere Rockstars Altbekanntes auf Wiedervereinigungs-Tourneen und Best-of-Sammlungen lediglich neu verpacken, offenbar als musikalischer Neuerer zu erkennen geben, als Freund der gemäßigten Avantgarde. Er galt ja immer ein bisschen als Biedermann unter den Fab Four. Aber in den letzten Jahren hat er stets betont, wie sehr er schon zu Beatles-Zeiten mit neuen Technologien gespielt und Komponisten wie Stockhausen und John Cage verehrt habe.
Vor ein paar Tagen kündigte er die baldige Veröffentlichung des sagenumwobenen Beatles-Stücks „Carnival of Light“ an. Das sind der Legende nach 15 Minuten freie Improvisation von 1967. McCartney will John und Ringo und George damals ermutigt haben, einfach mal zu schreien und loszutrommeln und dissonant zu klampfen. Eine ähnliche Stimmung, wenn auch stärker am klassischen Songformat orientiert, muss in diesem Sommer in den Abbey-Road-Studios geherrscht heben, als die neue Fireman-Platte entstanden ist. McCartney und Youth nahmen sich nur zwei Wochen Zeit, jeder einzelne Song musste nach einem Tag fertig sein. So hat diese Veröffentlichung etwas Unfertiges, Charmantes. Das macht ihren Reiz aus.
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