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Gitarrist der Toten Hosen
Breitis Familie lebte im Flüchtlingslager

Michael Breitkopf von Die Toten Hosen: Pegida nervt
Michael Breitkopf ist seit Gründung der Toten Hosen Mitglied der Band. FOTO: dpa, bsc
Düsseldorf. Michael Breitkopf, der Gitarrist der Toten Hosen, spricht im Interview mit unserer Redaktion über seine biografische Verbindung zum Thema Flüchtlinge und Einwanderung. Von Philipp Holstein

Das Hauptquartier der Toten Hosen in Flingern. Michael Breitkopf, den alle nur Breiti nennen, wartet bereits im loftartigen Besprechungsraum, in dem bis vor kurzem Bandkollege Campino gewohnt hat. Die Toten Hosen haben soeben die CD "Willkommen in Deutschland" veröffentlicht, den Mitschnitt ihres Konzerts mit dem Sinfonieorchester der Schumann-Hochschule in der Tonhalle. Der Auftritt war 2013 jenen Künstlern gewidmet, die von den Nazis als "entartet" gebrandmarkt wurden. Breiti trägt ein Holzfäller-Hemd, aus dem er den Kragen herausgetrennt hat. Der 51-jährige sitzt mit durchgedrückten Rücken da, er spricht sehr konzentriert.

Mögen Sie eigentlich Bono?

Breiti Der hat wahrscheinlich viel mehr für Menschen in Not erreicht als wir oder die Leute, die ihn immer kritisieren.

Finden Sie, prominente Künstler haben die Pflicht, sich zu engagieren?

Breiti Jeder muss sehen, wie er sich am besten einbringen will. Es gibt ja auch Künstler, die bewusst entscheiden, sich nicht zu Politik zu äußern. Das ist okay. Für uns kommt das nicht in Frage. Wenn uns ein Thema sehr beschäftigt, wie zum Beispiel die Situation der Flüchtlinge, dann wollen wir unseren Standpunkt klarmachen und die Leute zum Denken anregen. Das können wir zunächst natürlich am besten durch unsere Lieder.

Ein Beispiel ist Ihr Lied "Europa".

Breiti Ein Lied wie "Europa", das sich mit der Flucht der Menschen über das Mittelmeer beschäftigt, erreicht Zuhörer vor allem über das Gefühl. Aber wir finden es auch wichtig, für die Arbeit und die Kampagnen von einer Organisation wie Pro Asyl zu werben, um Leute zum Nachdenken zu bewegen.

Wäre es nicht an der Zeit für ein neues Lied der Toten Hosen zu diesem Thema?

Breiti Nicht unbedingt. Es kann nicht darum gehen, noch ein Lied mit demselben Inhalt zu schreiben. Es ist ja tragischerweise so, dass ein Lied wie "Willkommen in Deutschland", das sich mit Fremdenhass beschäftigt und wie man damit umgeht, noch genauso aktuell ist wie zu Beginn der 90er Jahre, als es geschrieben wurde. Bei unseren Konzerten werden Lieder wie diese von Leuten mitgesungen, die teilweise noch gar nicht geboren waren, als wir sie gemacht haben. Diese Lieder haben also ihre Wirkung, und deshalb muss man nicht alle drei Wochen etwas Neues zu dem Thema schreiben. Es gibt ja viele Möglichkeiten für uns, uns zu Wort zu melden. Unsere Konzerte in der Tonhalle zu Ehren der Komponisten, die von den Nazis geächtet wurden, ist eine davon.

Was ist das Ziel einer solchen Aktion?

Breiti Vorurteile, Meinungen und Verhaltensweisen von damals gibt es noch immer. Je deutlicher man dem entgegentritt, desto weniger Erfolge können Leute verbuchen, die Hass und Vorurteile verbreiten.

Warum treten Sie nicht gegen "Pegida" am Düsseldorfer Hauptbahnhof auf?

Breiti Man kann nicht dauernd und überall dabei sein. Ich glaube, wir sollten uns gut überlegen, wo wir uns engagieren, sonst kann es auch schon mal zu viel werden. "Pegida" nervt, die sind ätzend, aber die kriegen ja nicht mal mehr 100 Leute zusammen. Ich bin privat öfter zu den Gegendemonstrationen gegangen. Ich glaube, der ganz große Aufschlag ist da im Moment gar nicht nötig.

Fotos: Teilnehmerschwund bei dritter"Dügida"-Demo FOTO: dpa, fpt

Wann haben Sie begonnen, sich für Politik zu interessieren?

Breiti Eine meiner ersten Fernseh-Erinnerungen ist Peter Scholl-Latour, wie er im Dschungel von Vietnam steht und die Kampfhandlungen kommentiert. Vielleicht war es auch nur der Garten hinterm Hotel, und er hat so getan, als ob. Egal, es hat mich fasziniert.

Und das Thema Flüchtlinge?

Breiti Ich bin aufgewachsen mit den Geschichten meiner Eltern. Die Familie meiner Mutter wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien vertrieben. Der Vater war gestorben, und nun musste die Mutter jahrelang mit neun Kindern in einem Flüchtlingslager bei Hannover verbringen. Sie wurden von der Bevölkerung mit Steinen beworfen und aufs Übelste beschimpft. Meine Großmutter hat Hitler nur "den ollen Satan" genannt, und deshalb hat mich das alles früh beschäftigt. Dieses Beispiel zeigt, dass Flüchtlinge immer schon das Ziel von Attacken waren. Es wird höchste Zeit, dass sich das ändert.

Wie kann man das ändern?

Breiti Indem man immer wieder gebetsmühlenhaft dafür einsteht, diese Menschen willkommen zu heißen, ihnen ein faires und rechtsstaatlich belastbares Asylverfahren gewährt und sie menschenwürdig behandelt.

Wie informieren Sie sich über Asylpolitik?

Breiti Ich schaue in die Zeitungen und sehe mir an, was ProAsyl, Oxfam und andere Organisationen dazu veröffentlichen. Ich habe auch seit zehn Jahren guten Kontakt zur Diakonie, die in Düsseldorf sehr viel im Flüchtlingsbereich arbeitet. Daher habe ich öfter die Möglichkeit, Unterkünfte von Asylsuchenden zu besuchen. Mit Leuten zu reden bringt am meisten.

Können Sie nachvollziehen, dass manche Leute Angst haben vor dem Zustrom so vieler Menschen?

Breiti Jetzt ist die Stunde für populistische Politiker, die Ängste schüren und vermeintlich einfache Lösungen anbieten, die in Wirklichkeit keine sind. Man macht Flüchtlinge verantwortlich für Dinge, für die sie nichts können. Viele Politiker reden von Ängsten in der Bevölkerung. Ja gut, reden wir über Ängste: Was ist mit den Ängsten jenes Teils der Bevölkerung, der gerade als Flüchtling hier angekommen ist und an vielen Orten jede Nacht damit rechnen muss, dass ihre Unterkünfte angezündet werden? Was ist mit den Ängsten von Frauen, die ein Kopftuch tragen und auf der Straße angepöbelt werden? Von den Menschen, die irgendwie "anders" aussehen, und im Alltag ständig mit Beleidigungen oder abfälligen Bemerkungen rechnen müssen? Dazu möchte ich von Politikern mal was hören.

Sie haben sich dafür engagiert, dass Aldi das Verbot gegen einen Verkäufer des Magazins "Fifty Fifty" zurückzieht, vor dem Geschäft an der Kö zu stehen. Mein letzter Stand ist, dass Aldi das Verbot nicht zurückzieht. Gibt es da Neuigkeiten?

Breiti Das ist auch mein letzter Stand. Die Aktion sollte zeigen, dass es in dieser Stadt viele Leute gibt, die sich darüber freuen, dass diese Menschen ihre Zeitschriften verkaufen. Es ging dabei nicht um die Toten Hosen gegen Aldi, sondern darum, ein Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Leute, die es zu entscheiden haben, sollten zum Umdenken gebracht werden. In diesem Fall hat es leider nicht geklappt.

Welche Rolle heben Sie in der Band? Sind Sie der Ruhige, Zurückhaltende, wie viele denken?

Breiti Das denken viele, weil ich das Fernsehen nicht mag und dort nicht gerne auftauche. Bilder sind mächtig, deshalb entsteht vielleicht der Eindruck, dass ich mich mehr im Hintergrund halte, was mir tatsächlich auch lieber ist, als ständig im Mittelpunkt zu stehen. Aber innerhalb der Band sind wir alle gleichberechtigt, ob das jetzt musikalisch ist, politisch oder in irgendeinem anderen Bereich.

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