| 10.09 Uhr
Toten-Hosen-Sänger Campino im Interview
"Mit Frauen ist es komplizierter als mit Pasta"
Heimspiel für die Toten Hosen in Düsseldorf
Heimspiel für die Toten Hosen in Düsseldorf FOTO: Peter Wafzig
Düsseldorf . Der 50-jährige Sänger der Toten Hosen spricht über ein erfolgreiches Jahr, seine Sympathie für Angela Merkel und Frauen, für die er kocht. Von Philipp Holstein

Das Szenelokal "Miss Moneypenny" im Düsseldorfer Studenten-Stadtteil Bilk. Campino trägt eine Baseballjacke und darüber einen schwarzen Mantel. Unter der dunklen Wollmütze erkennt man ihn zunächst nicht.

Der Sänger der Toten Hosen ist gut gelaunt. Während er seinen Rucksack ablegt, erzählt er, dass er Weihnachten in Düsseldorf bleiben und die Ruhe genießen will. Zu Silvester fährt er zu seinem Sohn nach Berlin. Campino bestellt schwarzen Kaffee und dazu ein Kännchen heißes Wasser.

Sie klingen erkältet.

Campino Ach, das geht schon.

Haben Sie ein Geheimmittel gegen Erkältungsbeschwerden?

Campino Inhalieren mit Bepanthen-Lösung! Der Hals wird dann nicht trocken. Der Hals ist das Wichtigste, der ist der häufigste Grund für abgesagte Konzerte. Außerdem löst sich die Spannung im Gesicht.

Ich trinke dann einen Sud aus Zwiebeln und Süßholzwurzel. Familienrezept. Schmeckt nicht, hilft aber.

Campino Ich glaube auch ganz fest an Hausmittel. Ich frage mich zuerst: Was würde meine Oma machen? Cortison zum Beispiel nehme ich nur im absoluten Notfall.

Haben die Toten Hosen einen Arzt, der sie auf Tour begleitet? Eine Art Dr. Müller-Wohlfahrt des Punkrock?

Campino Wir haben einen Physiotherapeuten. Den kenne ich seit meinem Mittelfußbruch. Vor den Konzerten verbindet er mir die Füße. Das ist zum Ritual geworden. Ich fühle mich dann wie ein Ritter in seiner Rüstung. Ich weiß: Jetzt kann mir da unten nichts mehr passieren.

Sie gehen auf die Bühne wie ein Fußballer aufs Feld?

Campino Ich trage sogar Knieschoner. Dieselben, die auch Handballer benutzen.

Und wenn die Stimme weg ist?

Campino Ab zu meinem Stimmbandspezialisten nach Wien! Der sagt, ob es sich zu kämpfen lohnt.

Tun die Spagat-Sprünge nicht weh?

Campino Dann würde ich die nicht machen. Für mich ist Bewegung Schutz vor der Situation. Es gibt nichts Schlimmeres, als dazustehen und nichts zu tun – das habe ich beim Theaterspielen gemerkt. Ich weiß: Wenn ich agiere, kann mir niemand was. Die Sprünge kommen aus mir heraus, die sind keine Show.

Wussten Sie, dass "Tage wie diese" oft bei Beerdigungen gespielt wird?

Campino Ich habe davon gehört. "Nur zu Besuch" wünschen sich die Leute auch oft.

Welches Lied würden Sie wählen?

Campino Uff. Zuerst Sie.

"Never Gonna Give You Up" von Rick Astley.

Campino Nicht schlecht. Ich bin hin- und hergerissen zwischen witzig und ernst: "Smoke On The Water" oder "Always Look On The Bright Side Of Life".

Wie froh sind Sie, dass "Tage wie diese" endlich "Zehn kleine Jägermeister" als bestverkauften Hosen-Song abgelöst hat?

Campino Also, zu den "Jägermeistern" habe ich ein freundschaftliches Verhältnis. Und Freunden kehre ich nicht so einfach den Rücken.

Als "Tage wie diese" im Sommer veröffentlicht wurde, fanden plötzlich alle die Toten Hosen gut.

Campino Ich habe das auch so wahrgenommen. Uns ist eine Welle an Sympathie entgegengeschwappt. Es hat vielleicht auch mit unserem 30. Geburtstag zu tun. Den Leuten ist aufgegangen, wie viel Zeit sie schon mit uns teilen.

Das Lied ist lebensbejahend.

Campino Allerdings erst, seit ich es umgeschrieben habe.

Wie meinen Sie das?

Campino Die Urversion handelte von den Wiederholungen im Leben und davon, dass wir uns nach den ewig gleichen Mustern bewegen. Im Original lautete der Refrain so: "Wie wir immer unsere Kreise drehen". Als ich das schrieb, dachte ich, das wird jetzt entweder total magisch oder verdammt langweilig.

Und wer hat dann gesagt, dass Sie sich noch mal dransetzen müssen?

Campino Ich spielte das Stück meinem Bruder vor. Er sagte: So ein Lied kannst du doch nicht veröffentlichen, wenn deine Band 30 wird! Ich erzählte das Kuddel, unserem Gitarristen. Er sagte: Die Melodie ist gut, aber der Text wird ihr nicht gerecht.

Warum ist die Band so beliebt?

Campino Wir unterliegen den Zeitgeist-Schwankungen ähnlich wie AC/DC. Die galten auch mal als uncool, haben immer weitergemacht, und nun stehen sie auf dem Höhepunkt und gelten als Kult. Es war für uns ein tolles Jahr. Wir standen unter enormem Druck, weil wir den Geburtstag drei Jahre lang vorbereitet haben. Wir wussten, dass das Album gut werden muss. Was wir uns da für Gedanken gemacht haben, war hart. Aber jetzt sitze ich hier und kann sagen, es hat sich gelohnt.

In Ihren Konzerten stehen Fans der ersten Stunde neben ihren Kindern. Sie sind nun eine Familien-Band.

Campino Uns befriedigt es sehr, dass die Toten Hosen ein generationenübergreifendes Phänomen geworden sind. Wir haben keine andere Chance. Denn wir können schon lange nicht mehr sein, was wir gewesen sind: eine rebellische, laute Rockgruppe, die sich bewusst gegen andere Generationen und Schichten abgegrenzt hat. So eine Pose heute noch bedienen zu wollen, wäre eine Lüge. Jede Rockband, die einen langen Weg geht, muss ihr eigenes Leben in ihr jeweils aktuelles Sein einfließen lassen. Das geht den Rolling Stones und Iggy Pop nicht anders.

Wie politisch sind die Toten Hosen heute noch?

Campino Ich glaube, dass wir unsere politische Einstellung stärker ins Gewicht werfen als früher. Allerdings nicht mehr mit so viel Getöse. Ich muss dazu sagen, dass wir nie den Mainstream unserer Bewegung verkörperten. Wir wollten nicht uniform auftreten, Lederjacken tragen und "Scheiß Bullen!" rufen. Deshalb haben wir eine Art Gaga-Haltung entwickelt. Wir wollten stärker die Probleme auf der Straße thematisieren als die weltpolitische Situation.

Ende der 80er dozierten Sie in Talkshows über die weltpolitische Lage.

Campino Damals ging in der Rockmusik der politische Anspruch über die Wupper. Für uns war es an der Zeit, die Lücke zu schließen. Deshalb haben wir Lieder wie "Sascha" gemacht. Heute nehmen die Leute das nicht mehr so stark wahr, weil ich mich aus TV-Shows verabschiedet habe. Trotzdem unterstützen wir immer noch Institutionen wie Pro Asyl und Oxfam.

Glauben Sie noch an die Macht der Straße? An öffentliches Dagegensein?

Campino Ja. Aber es ist die Frage, wie sehr es brennt.

Die Demo als letztes Mittel?

Campino Ja. Man kann das an der arabischen Welt sehen. Wenn den Leuten der Kragen platzt, wollen sie dahin gehen, wo der Sündenbock sitzt. Ganz wertneutral: Das ist eine Kraft, und die liegt da draußen. Aber wenn es passiert, hat es natürlich auch etwas Bedrückendes.

Sind die Leute interessiert an Politik?

Campino Ja – nur nicht an den ewigen Reden und Kaugummiaussagen. Man nehme Guido Westerwelle und seine Rede zu Israel und den derzeitigen Streitigkeiten neulich. Er wiederholt in fünf Sätzen ständig dieselbe Aussage. Das ist respektlos den Zuhörern gegenüber. Es gibt wenige Typen, die anecken oder sich mit der eigenen Partei anlegen. Leute von Format sieht man in unserer Politik selten.

Hat Angela Merkel Format?

Campino Ich glaube, dass sie keinen beneidenswerten Job hat. Sie muss in vielen Sachen gleichzeitig vermitteln. Sie wird von ihren Leuten gebrieft, wie es in dem und dem Themenbereich aussieht, dann geht es ums Durchschwimmen. Teilweise hat sie auch nicht sehr viel mehr Einfluss als ein Sportkommentator auf das Geschehen auf dem Platz.

Sie mögen sie?

Campino Es könnte uns schlechter erwischt haben. Merkel ist ein Pragmatiker. Sie muss sich nicht unterstellen lassen, dass sie nie eine Aussage macht, die gegen ihre Partei ist. Außenpolitisch trifft sie häufiger den Ton, als man befürchtet hat.

Lassen Sie es 2013 ruhiger angehen?

Campino Nach Ruhe schreit nicht viel in mir. Vor uns liegt ein heißer Konzertsommer mit Auftritten bis nach Indien. Außerdem habe ich zwei Filmprojekte. Und Schauspielerei ist für mich wie Urlaub.

Sie haben mal gesagt, wenn Sie eine Frau kennenlernen, laden Sie sie ein und kochen Nudeln. Wenn sie danach bleibt, könnte es was werden.

Campino Ich koche heute lieber Fisch und Gemüse. Das ist gesünder. Ich gehe in den Bioladen und. . .

Nicht ausweichen, bitte.

Campino Mit Frauen ist es komplizierter als mit Pasta. Aber sagen wir mal so: Ich habe es seit einiger Zeit einfach nicht mehr nötig, aus diesen Gründen Nudeln zu kochen. Ich bin gut aufgehoben.

Quelle: RP/csr/csi
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung.
Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.


Melden Sie diesen Kommentar