Rock-Revue in Oberhausen: Mit Lindenberg in Udopia
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 19.03.2012 - 16:12Oberhausen (RP). Udo Lindenberg gab in der Oberhausener Arena zwei Konzerte vor je 11.500 Fans. Zweieinhalb Stunden stand der 65-Jährige am ersten Abend auf der Bühne. Er führte durch eine Rock-Revue zwischen Trash und Poesie. Am schönsten war es indes bei "Cello".
"Cello" ist das zweitschönste Lied der Welt, nur "Der Mond ist aufgegangen" ist noch schöner, aber das hat jemand anderer geschrieben. Udo Lindenberg bringt den Hit bald nach Beginn des Abends in einer akustischen Version, er singt ihn zur Gitarre, er behandelt ihn mit großer Zärtlichkeit, für ihn nimmt er sogar die Sonnenbrille ab, denn dieser Titel ist das Juwel im Werk des 65-Jährigen, und er funkelt immer noch: "Du spieltest Cello / In jedem Saal in unserer Gegend / Ich saß immer in der ersten Reihe / Und ich fand dich so erregend."
Eine Artistin tanzt zur Musik in einer schwebenden Kugel, die 11.500 Fans in der Arena Oberhausen schauen und sagen nichts, sie hören dieser kleinen Geschichte zu, die das Lied erzählt. Das ist ja genau genommen eine gesungene Novelle, vor fast 40 Jahren schrieb Lindenberg sie, und man beschließt, die dazugehörige CD daheim aus dem Plattenschrank zu nehmen und sie zwischen die Gedichte von Matthias Claudius und Hermann Hesse ins Bücherregal zu stellen.
Udo Lindenberg gibt das erste von fünf ausverkauften Konzerten in Nordrhein-Westfalen, und es ist ein Triumph. Im Publikum sitzen jene, die "Cello" 1973 zum ersten Mal im Radio gehört haben, und solche, die denken, es stamme eigentlich von Clueso – mit dem Sänger nahm Lindenberg das Stück jüngst neu auf. An einem Zeppelin hängend durchbricht Lindenberg die Bühnenwand, er fliegt zum Ende des Stegs, der tief im Zuschauerraum endet, und singt "Odyssee". Er wirkt für seine Verhältnisse geradezu erregt, Zwischenansagen geraten immer länger und strotzen vor Dankbarkeit und Gemeinschaftsbeschwörungen im Schubidu-Sound: "Wir gehören alle zum Clan der Lindianer."
Zeitweise stehen zwölf Menschen auf der Bühne, sie sind alle da: der Likörchen ausschenkende Bodyguard Eddy Kante, das in Würde ergraute Panik-Orchester und die jungen Duett-Partner wie Josephin Busch, Hauptdarstellerin des Musicals "Hinterm Horizont" in Berlin. Der Abend pendelt zwischen deftigem Rock und filigraner Poesie, zwischen Trash und Betroffenheit, und die größten Momente sind jene, in denen Lindenberg diese Lieder mit Seelenanschluss spielt, "Mädchen aus Ost-Berlin" etwa oder "Gegen den Wind".
Wie er in diesen Titeln mit Sprache spielt, wie er spricht, wie ihm rundgelutsche Wahrhaftigkeiten aus dem Mund purzeln, das erklärt seine neuerliche Popularität. Wer ihn zum ersten Mal hört, sucht in den Versen automatisch nach Ironie und Sarkasmus, er wird nicht glauben können, dass da tatsächlich jemand sagt, was er empfindet, dass einer so unschuldig, auf gute Art naiv sein kann, dass es ein solches Maß an Eigentlichkeit gibt.
Lindenberg ist am besten, wenn er Geschichten erzählt, kleine Bildungsromane, und dabei leicht unscharf bleibt. Die Arglosigkeit in den Texten gerade des frühen Lindenberg hat etwas Erbauliches, man möchte der Frau neben sich auch sagen, dass man sie "bedeutend" finde, denn "bedeutend" ist der treffendste Begriff für das, aber zum Sprechen ist es viel zu laut. Irgendwann steigt Lindenberg einfach von der Bühne, Eddy Kante geleitet ihn durchs Publikum, ganz hinten klettern sie auf ein Podium, und dort zieht sich der Mann in der schwarzen Röhrenjeans erstmal die Stiefel aus.
In giftgrünen Socken singt er "Meine erste Liebe", dann wird ein Sarg hergeschafft, ihm entsteigt ein Vampir, und der beißt Lindenberg in den Hals, als der Song "0-Rhesus-Negativ" gerade zu Ende ist. Das hier ist eine Rock-Revue, nicht alles ist geschmackssicher inszeniert, und doch packt es einen.
Man ist zu Gast in "Udopia", so heißt ein Lindenberg-Album aus den 80er Jahren, und der Meister führt durch sein Egoland mit der Grandezza des Aufrechten. Selbst die leitartikelnden Politsongs aus der mittleren Phase klingen nun angemessen, "Straßenfieber" etwa.
Lindenberg legt sich das Mikro auf die Unterlippe und bringt "Jonny Controlletti" mit dem begnadeten Einstieg: "Neulich war ich mal wieder in Amerika / Und da traf ich einen Herrn von der Mafia / Er lud mich ein in ein Makkaroni-Restaurant / Und ich dachte: Okay, geh' mal mit, vielleicht wird das ganz interessant." Er bringt "Sonderzug nach Pankow", "Reeperbahn" und "Stark wie Zwei". Und als er gegen Ende den Gassenhauer "Andrea Doria" singt, merkt man, dass man an den Fußsohlen doch eine Gänsehaut bekommen kann.
Das zweieinhalbstündige Konzert war eine Veranstaltung zwischen Perry Rhodan und Hermann Hesse, und weil das wieder eine Gelegenheit ist, aus "Cello" zu zitieren, sagt man es einfach so: "Und überhaupt: Mit Dir das war so groß."
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