Konzert in Köln: Mit Nena in der Hüpfburg
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 16.04.2010 - 10:10Köln (RP). Die 50-jährige Sängerin trat in der Arena in Köln auf. Sie sang alte Lieder wie „99 Luftballons“, die in die Schatzkammer der Bundesrepublik gehören. Und neue, die nicht zu ihr passen.
Man fragt sich, wie sie das macht. Das mit dem guten Aussehen, und das mit der Energie. Nena rennt fast zwei Stunden auf der großen Bühne in der Kölner Arena auf und ab, sie tanzt in enger Jeans und Glitzer-Top, und zwischendurch streicht sie sich kokett durchs modisch geschnittene Haar und seufzt Sphärisches: „Ach, ihr lieben Kölner!“ und „Singen ist schön.“ Sie wirkt, als komme sie soeben vom Hoppeditz-Erwachen, als sei sie in derselben Hüpfburg groß geworden wie Claudia Roth.
Die Grünen-Politikerin ist ein großer Fan der Sängerin, eine Schwester im Geiste. „Klar und herzenswarm“ sei Nena, sagte Roth neulich im Fernsehen, und das Wort „Power“ kam auch vor. Beide Frauen zeichnen sich durch eine naive Unbeherrschtheit aus, durch mitreißende Unbekümmertheit, die einen an guten Tagen glauben lässt, dass Frieden möglich ist. Einige Paare schienen denn auch ausschließlich zum Knutschen ins Konzert gekommen zu sein. An schlechten Tagen indes verzweifelt man an diesem Übermaß an Vorwärtsdrang und Umarmungsdruck.
Vom ersten Moment an hat Nena die Fans in der Hand, da ist viel Sehnen und Zutrauen. Ihr Management tat ihr allerdings keinen Gefallen damit, sie in der Arena auftreten zu lassen. 5000 mögen gekommen sein, die Halle ist nur zu drei Vierteln gefüllt. Nena bringt die ewig jungen Zeilen aus der Geschichte der BRD, „Ich geh mit dir, wohin du willst“ („Leuchtturm“) und „Hast du etwas Zeit für mich, dann singe ich ein Lied für dich“ („99 Luftballons“). Das sind Volkslieder, jeder singt hier mit, und das „ah-aaha-aaha-aha“ im Refrain von „Leuchtturm“ ist der Wonneschrei der baumelnden Seele. Zu Nenas Eigentümlichkeiten gehört, dass sie vor jeder Zeile tief Luft holt. Sie atmet ihre Hörer ein, man lässt sich das gern gefallen. Als sie den Song „Willst du mit mir gehen?“ ankündigt und noch einmal nachfragt, „Willst du?“, antworten die Männer und die Frauen: „Ja.“
Neben den eigenen Erinnerungen, die die versammelten 35- bis 60-Jährigen mit den Liedern verbinden, ist das biografische Phänomen der gelernten Goldschmiedin Gabriele Susanne Kerner aus Breckerfeld bei Hagen das Spannende an dieser Inszenierung. Obwohl sie die meisten seit fast 30 Jahren begleitet, ist sie ein unbekanntes System, von Liebe und Euphorie verfremdet und von einem seltsamen Reichtum an Emphase. Nena ist eine Ausnahme, auch heute noch. Deshalb verwundert sie in jeder Lebensphase neu, deshalb wirkt das Stück „Fragezeichen“ heute ebenso intensiv wie 1985. Die zweifache Großmutter gibt das Lied zur akustischen Gitarre, das ist anrührend: „Niemand kann mir sagen, was hier das Beste ist.“
Die Songs sind es jedoch auch, die diesen Abend gerade im Mittelteil problematisch machen. Nena spielt nun hauptsächlich Stücke des aktuellen Albums „Made In Germany“, und darauf finden sich kaum gelungene Arrangements und bemerkenswerte Verse. Der Titelsong möchte eine Ode an die Heimat sein, wird im Konzert aber unter billigen Techno-Beats begraben. Textfragmente wie „Germany, dich verlass ich nie“ schaffen es leider, zu entkommen. Seit Jahren gelingt es niemandem, Nena einen guten Song zu schreiben. Es gab Gelegenheiten, bei denen sie ihr wunderbares Wesen vorstellen konnte und das, was sie hinter den stets halb geschlossenen Lidern von der Welt wahrnimmt - „Liebe ist“ etwa. Aber die große Entsprechung, das neue Lied von Nena, das gab es nicht.
Sie weiß das, deshalb lässt sie die aktuelle Ware bis zum Überdruss auf höchster Lärmstufe aufmotzen. Eine neunköpfige Band überwürzt „Ich Bin Hyperaktiv“ mit Trance-Flächen und Metal-Riffs, „Schönschönschön“ hat etwas von Großraumdisco in der niederländischen Provinz, und das mit dem Sohn vorgetragene „Ganz viel Zeit“ ist so kitschig, dass man an die Kelly-Family denkt.
Ein Song immerhin ragt heraus, es ist ihre neue Single „In Meinem Leben“. Nena hat ihn selbst geschrieben, er vollendet ihre biografische Erzählung, das ist ein siebenminütiges Fazit, ein intensiver Vortrag über die Frau in der Gesellschaft. „Gestern, das liegt mir nicht“, sang Nena vor 25 Jahren, sie schaute ausschließlich nach vorne. Nun steht sie da, um 180 Grad gedreht, sie guckt zurück. Von der „Angst vorm Sterben“ ist sogar die Rede, und dass es nicht unangemessen wirkt in diesem Rahmen, sondern bewegend, das liegt an ihr, an ihrer Anwesenheit und dem, was man über sie weiß. Die familiären Schicksalsschläge, den Misserfolg, die Rückkehr. 1982 wollte ihre erste Single „Nur geträumt“ zunächst niemand haben. Aber am Tag, nachdem Nena damit zum ersten Mal im Fernsehen auftrat, wurde sie 40000 Mal verkauft. Man sieht ihr gern beim Leben zu. Damals ließ sie die Füße baumeln, heute bewundert man ihren festen Stand.
Die besten von Nenas Liedern gehören in die Schatzkammer der Bundesrepublik. Am Ende sang sie mit dem Publikum „Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann“, den strahlendsten ihrer Songs. Auch wer nicht mit dem Motorrad gekommen war, fuhr auf dem Heimweg „mit Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht“.
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