Trend: Musik des Mittelalters neu entdeckt
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 30.03.2009 - 07:46Düsseldorf (RP). Zahllose Neuaufnahmen zeugen von einem starken Interesse an den Kompositionen des Mitelalters. Sie beschäftigen sich vor allem mit gregorianischem Choral, bieten aber auch komplizierte Messen, liturgische Dramen, rustikale Sauflieder – und paradiesisch schöne Einfachheit.
Guillaume de Machaut: Messe de Nostre Dame; Diabolus in Musica, Antoine Guerber (Alpha 132)
Chant de L’eglise de Rome: Ensemble Organum, Marcel Pérès (ZZT 081001) Messe de Tournai: Clemencic Consort (Oehms OC 361); Ensemble De Caelis, Laurence Brisset (Ricercar 265)
Carmina Burana/Codex Buranus (Originalversion): Clemencic Consort (Oehms OC 635)
Ludus Danielis: The Dufay Collective (harmonia mundi 907479)
Hildegard von Bingen: The Dendermonde Codex; Katelijne Van Laethem (Klara KTC 4026)
Schon vor einigen Jahren hatte es ein leichtes Beben gegeben, damals guckten wir verwundert, wieso die Welt auf einmal gregorianischen Choral liebte, gesungen von Mönchen aus dem spanischen Silos, die an die Spitze der Verkaufszahlen wandelten. Neulich waren es abermals Ordensbrüder, Zisterzienser aus der Abtei Heiligenkreuz bei Wien, die mit ihrer CD "Chant – Music for paradise" eine international gottgefällige Marke schufen. Die Marke brummte, die Charts summten, und Gott konnte froh sein.
Aber die Mönche sind nur das folkloristische Sahnehäubchen auf Torten von Köstlichkeiten mit mittelalterlicher Musik, die uns seit einiger Zeit und immer häufiger geliefert werden. Keine Woche vergeht, in der nicht kleine Labels – fern der kapitalen und wegen des hohen Niveaus sehr zulässigen Heiligenkreuz-Vermarktung bei Universal – mit Kuriositäten und Kühnheiten aus der Zeit vor 1500 aufwarten.
Es ist ein weites Land, diese Zeit, aber sie verwandelt sich aus einer grauen Zone in ein von Wundern beglänztes Gebiet. Wie ein Wunder klingt die mediale Erweckung des "Ludus Danielis", des Mysterienspiels von Daniel in der Löwengrube. Diese Aufnahme bietet uns eines der kostbarsten Zeugnisse des 13. Jahrhunderts, das junge Kleriker als Schauspiel mit Musik am Altar komponiert hatten. Das Opus, ein liturgisches Drama, erzählt die Geschichte des finsteren Königs Belsazar und des wundersamen Sehers Daniel, der in der Löwengrube überlebt und das Kommen des Messias ankündigt. Eine fromme Story. Brav ist sie nicht. Es ist ein tänzerisches, fideles, reigenhaftes Werk mit teilweise unvergesslichen Melodien. Das Dufay Collective unter William Lyons weiß die Musik mit Harfen, Drehleiern, Glocken, Flöten, Portativen und Fideln wundervoll zu animieren.
Nicht minder wertvoll eine neue Aufnahme der legendären "Messe de Nostre Dame" von Guillaume de Machaut. Sie entführt uns ins Reims des frühen 14. Jahrhunderts. Dort begab sich eine Revolution der Musikgeschichte: Machaut komponierte die erste mehrstimmige Messe überhaupt, zuvor war es üblich, die einzelnen Teile des Ordinariums (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei) einstimmig und im Wechsel Chor/Solo zu singen.
Machauts Pilotmusik setzt die verschiedenen harmonischen und rhythmisch komplexen Möglichkeiten der so genannten Ars Nova ins Recht, was den Zorn der Kirche erregte. Rom mochte keine Musik, die emotional und expressiv war. Einstimmigkeit galt als wahrer Ausdruck des Schlichten, Demütigen und Gottgefälligen, und wenn mehrere Sänger sangen, war es immer noch die Vielheit in der Einheit. Aber Mehrstimmigkeit – pfui Teufel!
Was fasziniert uns Hörer an dieser Musik jener Zeit? Vermutlich die Tatsache, dass sie einen intellektuellen Konflikt einmal löst, einmal verschärft. Wer stets eine Musik von übersichtlicher Einfachheit erwartet, bei der man gewiss ausruhen kann, bekommt oft die reine Komplikation geboten; die alten Niederländer wie Guillaume Dufay oder Josquin des Prez waren Knobelmeister nach Noten.
Doch fraglos bedient die Musik des Mittelalters die Bedürfnisse nicht nur esoterisch gesinnter Runden. Meditation ist hier beim Hören in der Tat gut möglich, weil diese Musik wenig Reibungspunkte bietet – und fast nach Weihrauch duftet. Sie kann auch etwas fromm Einlullendes haben wie ein gebeteter Rosenkranz. In dieser Gleichförmigkeit liegt freilich die Kraft. Vor allem ist die Wirkung so stark, weil diese Musik immer gesungen wird – mit einem natürlichen menschlichen Atem, der Pausen gestattet.
Anderswo weht noch ein bisschen alte Komponiertechnik nach – – etwa jener berüchtigte schluckaufhafte Hoquetus-Rhythmus der Ars antiqua, der etwa in der "Messe de Tournai" von 1300 für lustige Erregung sorgt. Diese Messe zeigt in zwei Neuaufnahmen – einmal mit Damen-, einmal mit Männerstimmen –, dass im Paradies von damals zahllose Wohnungen sind. Niemand wird sich an diesen Varianten stoßen; bei Bach bräche darob ein Glaubenskrieg aus. Natürlich haben wir, wenn wir an das Mittelalter denken, einen verspäteten Prototyp im Kopf: Carl Orffs "Carmina Burana", in denen das Mittelalter schon auszuschwingen scheint. Wie die Aufnahme dieses Codex Buranus mit dem Clemencic Consort zeigt, ging es im 13. Jahrhundert vermutlich recht rumpelig zu.
Aber alles Rustikale muss schweigen, wenn die Kirche spricht – neuerdings sogar mit haarfein rekonstruierten Gesängen der römischen Kirche aus dem 6. bis 13. Jahrhundert. Das Ensemble Organum hat eine Musik wiederentdeckt, deren Liegenoten im tiefsten Grund des Männergesangs einen nicht nur anrühren, sondern auch – erden. Weiter hat sich musikalischen Archäologie noch nicht vorgewagt.
Aber das ist noch gar nichts gegen die himmlische Zartheit, die uns im Dendermonde Codex der Hildegard von Bingen (12. Jahrhundert) einhaucht. Eine Sängerin, eine Fidel im Untergrund: Mehr brauchte man damals nicht, um Gott zu loben. Und mehr braucht man heute nicht, um zur Ruhe zu kommen.
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