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Michael Jackson panorama 1993 ap
  Foto: AP, AP
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Streit um Authentizität der Lieder: Neues Album von Michael Jackson

VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 10.12.2010 - 10:08

Düsseldorf (RP). Kein Künstler hat nach seinem Tod wohl so viel Geld verdient wie der am 25. Juni 2009 gestorbene Michael Jackson. Rund eine Milliarde US-Dollar sollen Berichten zufolge schon zusammengekommen sein. Die Platten des "King of Pop" dominierten wochenlang die Hitlisten. Und ein Ende des Rubelrollens ist nicht in Sicht. Am Freitag veröffentlicht Sony Music das Album "Michael" - mit zehn Songs, an denen Jackson bis kurz vor seinem Tod arbeitete. 

Diese Platte unvoreingenommen zu hören, ist nicht leicht. Und die Frage nach der Urheberschaft gehört noch zu den kleineren Irritationen. Lange vor der morgigen Veröffentlichung ließen Mitglieder des Jackson-Clans verlauten, das sei gar nicht Michael, der in dem einen oder anderen Song auftrete.

La Toya Jackson, Michaels Schwester, gab gar zu Protokoll, das Lied "Breaking News" sei eine Fälschung. Und ein Jackson-Double ergänzte, man habe ihm 2000 Euro pro Song gezahlt, damit er bei den Aufnahmen mitmache und im Stil des vor anderthalb Jahren gestorbenen "King Of Pop" singe. Dabei ist es gar nicht wichtig, wer nun im Studio vor dem Mikrofon stand. Die CD "Michael" hat so oder so mit Michael Jackson so viel zu tun wie Fanta mit Orangensaft.

Skizzen und Pläne

Zehn neue Stücke. Die Plattenfirma beteuert, sie seien kurz vor Jacksons Tod entstanden, bei den Arbeiten zum Album, das 2009 zur Comeback-Konzertreihe in London erscheinen sollte. Der Begriff "Entwurf" ist sehr vage definiert: Manches habe als Skizze existiert, manches offenbar als Plan, der lediglich in Gesprächen knapp umrissen wurde.

Wie nun mit dem Material umgehen? Bevor jemand allzu idealistisch antwortet, sollte man wissen, dass Michael Jackson seit seinem Tod rund eine Milliarde Dollar verdient haben dürfte. Die Plattenfirma wickelt also warme Worte in Brokat und drückt es so aus: "Recht schnell wurde sowohl dem Michael Jackson Estate als auch Sony Music bewusst, dass man nicht nur gegenüber Michaels Fans, sondern auch Michael selbst eine Verpflichtung hat, die großartige Musik nicht in den Archiven verstauben zu lassen. Es wurde entschieden, das Album ordentlich zu vollenden und in einer gewissenhaften Art und Weise zu veröffentlichen, die Michaels Vermächtnis würdig ist."

So hat fast jeder Song einen eigenen Paten, der ihn bearbeiten durfte, um ihn in eine publizierbare Form zu bringen. Lenny Kravitz vollendete "Another Day", Produzent und Sänger Akon übernahm "Hold My Hand", Rapper 50 Cent knüpfte sich "Monster" vor, und Teddy Riley, der 1991 am Jackson-Album "Dangerous" mitgearbeitet hat, hübschte mehrere Stücke auf.

"Aah" und "Uhu"

Man könnte von einer Collage sprechen, allerdings einer, die sich fast vollständig bei dem bedient, was als Trademark-Sound Jacksons gilt: das Kieksen, das charakteristische Atmen vor Beginn einer Textzeile, das "Aah" und "Uhu" am Ende einer Strophe. "Michael" wirft den Künstler, in dessen Namen hier gearbeitet wird, weit in die eigene Vergangenheit zurück. Das Prinzip der Platte ist das der Dokumentation "This Is It", die im Oktober 2009 ins Kino kam: Wiederholung.

Das meiste in diesem bei genauer Betrachtung anmaßenden Projekt ist mittelmäßiger R'n'B, der auf höchstem studiotechnischen Niveau hergestellt wurde, also schlicht überproduziert klingt. Der Schwerpunkt liegt auf der mitunter arg winseligen Ballade, die Jackson auf seinen späten Alben pflegte.

"Keep Your Head Up" ist so eine Hymne, bei der Streicher und ein Chor den Refrain dick einpinseln. Bis zum Überdruss wird der Kehrvers vervielfacht und mit Huchz- und Ach-Lauten bestreut. Die wenigen schnelleren Stücke ächzen unter den Effekten: der Peitschenhieb auf die Trommel, das zerspringende Glas, die harten Breaks, die massiven Beats, mit denen der Refrain vorangetrieben wird. Weniger ist nicht mehr; man könnte die CD mit einem Sticker verkaufen. Aufschrift: "Jetzt noch nöcher".

Zwei Lieder, die versöhnlich stimmen

Wischt man das Mitleid – wohlgemerkt nicht so sehr mit dem sich seiner selbst bewussten Menschen Jackson, sondern viel mehr mit dem an Kräfteschwund leidenden Künstler – beiseite, unterdrückt man den Verdacht der moralischen Verwerflichkeit gegen das Unternehmen, weicht man der Frage "Darf man das überhaupt herausbringen?" aus, dann hört man mindestens zwei Lieder, die versöhnlich stimmen.

"Another Day", das gemeinsame Werk von Jackson und Lenny Kravitz, etwa. Es versucht, die Energie zu vermitteln, die ein Song wie "Dirty Diana" 1987 hatte. Jackson schreit sich auf einem wilden Gitarrenriff reitend durch die Wüstenei der Lieblosigkeit. Ebenso gelungen ist "Behind The Mask", das auf einem Sample der Band Yellow Magic Orchestra von 1979 errichtet wurde. Die Gruppe um Ryuichi Sakamoto galt damals als asiatische Ausgabe von Kraftwerk. Und das elektronisch Verspielte tut dem unter dumpf-bassiger Schwermut leidenden Album gut. Ein Saxofon sorgt vor der letzten Strophe zudem für Aufheiterung. 80er Jahre, Vocoder-Stimme – sehr schön.

Den lichten Momenten zum Trotz: Es sollte klar sein, dass das Werk Jacksons abgeschlossen ist. Alles ist nichts gegen "Thriller" (1982). Der Nachlass, dessen Herausgabe mit "Michael" beginnt, ist ein Verwaltungsakt. Dass er stellenweise gut klingt, beweist aufs Neue das Genie dieses Entertainers.


 
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