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Neues Unplugged-Album
Peter Maffay - Der Rock-Arbeiter

Neues Unplugged-Album: Peter Maffay - Der Rock-Arbeiter im Gespräch
Peter maffay auf der Bühne (Archivbild). FOTO: dpa, Uwe Zucchi
Köln. Peter Maffay hat ein Unplugged-Album eingespielt und geht damit auf Tour. Das ist selbst für ihn Neuland, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. Von Jörg Isringhaus

Der Mann meint es ernst, keine Frage. Peter Maffay sitzt rittlings auf einem kleinen Hocker vor seinem Gegenüber, wie ein Arzt, der seinen Patienten davon überzeugen will, doch bitte einmal zuzuhören. Das hat einen Grund: Maffay hat ein MTV-Unplugged-Konzert eingespielt, das er vorstellen will, viele Künstler auf kleiner Bühne, intime Atmosphäre, wenig Technik. Selbst für ein Bühnentier wie ihn ein Riesending. Eine Herzenssache. Und gerade deshalb heikel. "Die Nähe im Konzert ist zwar ein Vorteil", sagt er in dem eigentümlichen, irgendwie coolen, hart akzentuierten Maffay-Singsang. "Die Leute gucken einem auf die Finger, ins Gesicht, und wir transportieren Energie. Aber nur so lange, wie alles stimmt." Deshalb habe er, sagt der 68-Jährige, und legt ein Rocker-Grinsen auf, vor so einem Gig ordentlich Hosenflattern.

Ein Star wie Maffay, nervös? Schwer vorstellbar. Der Mann hat doch alles erlebt, ist gefallen und wieder aufgestanden, hat sich mehrfach, wie man so sagt, neu erfunden. War erst Schlagersänger, später Rockmusiker. Dann so eine Art Sozialarbeiter mit Rockhintergrund. Und Drachenbändiger mit seinen Tabaluga-Alben. Hat rund 50 Millionen Tonträger verkauft, mit bislang 17 Nummer-eins-Alben mehr Platten an der Spitze der Charts als jeder andere deutsche Künstler, dazu unzählige Preise kassiert. Ist Stiftungsgründer, UN-Botschafter, Schul-Pate, engagiert sich gegen Rassismus und für Toleranz. Und, und, und. Dieser Mann soll sich vor einem Konzert fürchten? "Ich bin nicht so ein begnadeter Sänger und Musiker, dass mir das Zeug in den Schoß fällt, ich muss mir das erarbeiten", sagt er.

Ins Trainingslager vor den Auftritten

Deshalb ist er vor den fürs Album aufgezeichneten Konzerten in Halle an der Saale mit der Band sozusagen ins Trainingslager gegangen. Sie hätten sich den Luxus erlaubt, zwei Wochen lang jeden Tag zehn bis zwölf Stunden zu spielen. "Da war nicht einmal mehr die Energie für ein Bier um die Ecke", sagt er. Dafür herrschte in der Band danach ein intuitives Verstehen. Maffay ist das Miteinander viel wert, ein tiefes gegenseitiges Vertrauen. "Eine Band ist ein bisschen so wie eine Burg. Die hat auch mehrere Mauern, und der innerste Teil strahlt die größte Stabilität aus." Soll heißen: Der innere Kern ist die Basis und die halbe Miete. Dann hat man schon gewonnen. "Nein, gewonnen nicht", relativiert Maffay. "Aber man ist auf dem Weg dorthin."

Das ist typisch für ihn: Er will nicht abgehoben klingen. Aber auch keine falsche Bescheidenheit vorschützen. Deshalb wählt er seine Worte sorgfältig, spricht langsam, denkt nach. Niemand soll etwas in den falschen Hals bekommen. Bei seinem Unplugged-Ausflug sind viele Gäste dabei, Johannes Oerding zum Beispiel, Philipp Poisel und Weltstar Katie Melua. Bekommt man als Peter Maffay jeden Künstler als Duettpartner, den man sich wünscht? Maffay wiegelt entschieden ab. "So wichtig kann man sich gar nicht nehmen, dass man in den Wald ruft, und jeder steht stramm." Man kennt sich, man schätzt sich, man trifft sich, und manchmal passt es dann eben. So ist das.

"Es braucht in meinem Alter auch andere Inhalte"

Was nicht passt, wird passend gemacht - auch so ein Spruch, der sich auf Maffay münzen lässt. Der Musiker ist komprimierte Energie, wirkt ständig auf dem Sprung, als würde er gerne selbst zupacken. Mit seinen Stiftungen für traumatisierte Kinder etwa hat er das getan. "Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht damit zu tun habe", sagt er, rund zwei Drittel seiner Zeit würde er darauf verwenden. An manchen Tagen habe er sogar das Gefühl, nicht mehr Musiker zu sein. "Was mir manchmal Kopfzerbrechen bereitet, denn ich bin auf der Aschenbahn mit anderen, die mehr Zeit für ihre Musik haben." Doch dieses Handicap, wenn es denn eines ist, scheint verschmerzbar: "Wenn es die Arbeit in der Stiftung nicht gäbe, dann gäbe es keine Orientierung, kein wirkliches Ziel", sagt Maffay. "Musik ist eine tolle Geschichte, aber es braucht in meinem Alter auch andere Inhalte."

Selbst wenn die Prominenz nicht immer hilfreich ist, sondern Ärger bedeutet. So hat der "Spiegel" kürzlich Kritik am Stiftungsprojekt auf Mallorca geübt. Das Anwesen sei verwahrlost, heißt es in dem Text unter anderem, Maffay würde die Kontrolle über seine Hilfsprojekte entgleiten. "Das waren Fake News. Der Artikel musste daher auch in den wesentlichen Punkten nach einer entsprechenden gerichtlichen Verfügung verändert werden. Übrig blieb eine Mischung aus Gossip und Gerüchteküche. Hätte, wäre, könnte ... so erzeugt man bewusst ein negatives Bild." Das diskreditiere nicht nur ihn, sondern eine ganze Mannschaft von 20 bis 40 Leuten. "Erstaunlich, dass der Spiegel auf dem Niveau unterwegs ist. Rudolf Augstein dreht sich im Grab um."

Generell sei nichts dagegen einzuwenden, wenn das hinterfragt werde, was er tue. "Wir gehen ja schließlich mit Spendengeldern von Sponsoren um", sagt Maffay. "Wenn man exponiert ist, muss man sich diese Durchleuchtung gefallen lassen, das ist legitim und absolut in Ordnung. Manchmal hilft sie auch für die eigene Orientierung, wenn diese Durchleuchtung journalistisch sauber und nicht von vorneherein tendenziös ist." Fest stehe: "Die Arbeit unserer Stiftung geht in allen vier Einrichtungen weiter, ob es dem Spiegel gefällt oder nicht!"

Der Maffay'sche Reflex: Ärmel hochkrempeln, loslegen

Demotivieren lässt sich Maffay also nicht. Genauso wenig wie von den Rechtspopulisten im Bundestag. "Die kann man ja jetzt nicht hinauskomplimentieren, die sind gewählt worden, also muss man mit Argumenten und Programmen antworten, und zwar derart, dass man diejenigen, die AfD gewählt haben, wieder zurückholt. Ich glaube, das ist der einzige Weg." Jetzt überrascht zu tun, sei auch verkehrt. Das komme nicht unerwartet. "Es hat ja Gründe. Die Lösung kann nur in der Analyse liegen: Was hat dazu geführt, dass das so ist? Und was muss man machen, um diese Entwicklung wieder zu korrigieren?"

Der Maffay'sche Reflex: Ärmel hochkrempeln, loslegen. Sich zurückzulehnen und zu denken, es lasse sich nichts ändern an den Verhältnissen, sei dummes Zeug, sagt er. "Wenn ein Teil der Bevölkerung nicht am Wohlstand partizipiert, wenn die Einwanderungspolitik keine klaren Konturen hat und die Leute, die dafür verantwortlich sind, keine klare Position beziehen, dann ist da etwas verschlafen worden", sagt Maffay. Das sei seiner Meinung nach der Grund für die Verwerfungen.

Doch Politik oder Stiftung müssen erst mal warten. "Im Augenblick geht mir nichts anderes durch den Kopf als dieses Album", sagt Maffay und beugt sich vor auf seinem Hocker, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Angekommen. Er meint es ernst, sehr ernst. Mit allem.

Quelle: RP
 
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