| 17.09 Uhr

Goertz' 100
Platz 10: Frédéric Chopins Etüden

Ranking: Das sind Wolfram Goertz' Top 100
Ranking: Das sind Wolfram Goertz' Top 100 FOTO: RP
Paris . Frédéric Chopin – das ist nie und nirgends bloßes Geklingel im Salon. Untersucht man seine kleinen und großen Klavierwerke, stellt man fest: Sie sind ein Kompendium vielfältigster Ideen und Zeugnis eines visionären Geistes. Das trifft vor allem auf die Etüden zu. Jenseits ihrer technischen Ansprüche erfüllen sie wundervolle poetische Programme, und selbst den Halsbrechern unter ihnen wohnt ein Zauber inne. Von Wolfram Goertz

Mit ihren weit ausgreifenden Akkordbrechungen stellt die erste Etüde C-Dur eine überdimensionale Variante von J. S. Bachs Präludium C-Dur aus dem ersten Band des "Wohltemperierten Klaviers" dar. Man mag darin eine Rückversicherung sehen, die Chopin zu den alten Meistern herstellte; diese Etüde ist aber auch das Portal zum Neuen und Unerhörten. Tatsächlich ist bereits die Etüde Nr. 2 a-Moll mit ihrer chromatischen Übergriffigkeit unkonventionell; in der Etüde Nr. 5 Ges-Dur berührt die rechte Hand keine einzige weiße Taste; die Etüde Nr. 4 cis-Moll hingegen genügt sämtlichen Anforderungen an ein furioses Konzertstück, die sich ein mit allen Wassern gewaschener Pianist nur wünschen kann.

Im Zyklus der Etüden op. 25 zeigt beispielsweise die Etüde Nr. 6 gis-Moll mit ihren vibrierenden Terzen, dass Chopin auch der Assoziationskraft neue Dimensionen öffnete. Hier denkt der Hörer an rauschend beschleunigte Molekülketten; nebenbei eilt die Musik durch fremde harmonische Räume und wirkt wie ein rasender Innovationsreport. Wohin diese von Chopin nicht vorhergesehene Enthemmung des Vortragskünstlers führen kann, zeigte Swjatoslaw Richters berüchtigter Moskauer Klavierabend vom 10. Oktober 1976: Er schaffte jene Etüde cis-Moll in unfassbaren 1:42 Minuten. Sie überlebte nur keuchend.

Gelegentlich kann ein Konzertflügel auch Sarg sein, in welchem die Musik beerdigt wird – wie es zuweilen der Etüde E-Dur op. 10 widerfährt, die einmal in der Schlager-Hitparade ("In mir klingt ein Lied") auftauchte und immer noch von nicht ganz stilsicheren Pianisten zur Kitschnummer herabgewürdigt wird. Die sie nicht ist: Der wahnwitzige Mittelteil erweist sich als ein bizarres Meisterwerk psychologischer Verunsicherung; das angeblich Heile gibt sein Konfliktpotenzial zu erkennen – und danach ist nichts mehr, wie es vorher einmal war. Ein typisches Zeichen für ein Meisterwerk von höchsten Graden.

Meine Lieblingsaufnahme der beiden Zyklen ist die weniger bekannte frühe Einspielung von Maurizio Pollini: Das ist Himmelsstürmerei mit faszinierendem Tiefgang.
 

Die Liste zum Anhören

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Das Ranking

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Die Plätze 9 bis 1 werden wir in den kommenden Tagen verraten und in Einzeltexten würdigen. Und wie sähen Ihre "Top 100" aus? Lassen Sie uns diskutieren!

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