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Der Hype 2008: Polarkreis 18 – allein in der Eiszeit

zuletzt aktualisiert: 02.01.2009 - 17:41

Düsseldorf (RP). Die Dresdner Band besingt auf ihrem Album "The Colour Of Snow" die neue Einsamkeit. Dass sie damit auf Platz eins der deutschen Charts kletterte, konnte keiner ahnen, die Band selbst am wenigsten. Deshalb machen die Musiker auch weiterhin das, wozu sie Lust haben: Mal Pop, mal wieder Experiment. Und bis dahin singen alle mit: Wir sind allein!

 Foto: Universal
Foto: Universal

Ein Schlachtruf ging 2008 durch die Discotheken: "Wir sind allein!" Bekannt wurde das Lied durch den Abspann des Kinofilms "Krabat" mit Daniel Brühl. So deplatziert es dort wirkt, so trefflich passte das Lied auf die Stimmung des Jahres 2008. Lehman-Brothers-Aktionäre sind: allein. Sandy Meyer-Wölden und Madonna sind: allein. 2008 wird vielleicht in die Geschichte eingehen als jenes Jahr, in dem die Ellenbogen spitzer und die Welt liebloser werden musste. Die Dresdner Band Polarkreis 18 hat, was auch immer sie zu diesem Spürsinn trieb, den Popsong zum Jahr der Finanzkrise und Total-Individualisierung geschrieben. "Allein, Allein“" – ein trauriges Motto, das da in den Charts auf den ersten Platz kletterte. Polarkreis 18 aber sind seitdem enger zusammengerückt – das Sextett tourt in einem Bus durch Deutschland und singt den Superhit. Mit allen zusammen.

Ein Konzert in einem mittelgroßen Club in Köln-Deutz: Das Gebäude 9 ist nicht der Ort, an dem für gewöhnlich Bands der vorderen Chartsplätze spielen. Hier treten Musiker auf, die Alben verkaufen, nicht nur Songs. Auch solche, die Polarkreis 18 selbst verehren. Sigur Ros etwa, mit denen die Band früher verglichen wurde. "Es gibt viele Gruppen, auf die wir uns einigen können", sagt Gitarrist Philipp Makolis, der wie alle Bandmitglieder in Dresden wohnt, drei Jungs leben sogar noch bei den Eltern.

Seitdem Polarkreis 18 diesen seltsam erfolgreichen Nummer-Eins-Hit geschrieben haben, sind sie bekannter. Auf der Straße in Dresden werden sie aber nicht angesprochen. "Das wird wohl auch so bleiben", sagt Philipp, der auch Kritiker des neuen Sounds der Band kennt. "Allein, Allein" polarisiert, weil es Experimentalsound mit billigem Euro-Disco verbindet. Aber nur, weil das Radio einen Song x-mal am Tag spielt, muss es kein schlechtes Lied sein. Das bewiesen 2008 auch die Killers, deren Single "Human" ähnlich gestrickt ist wie das von Polarkreis 18: Disco trifft auf Emotion!

2004 gründete sich die Band Polarkreis 18, die seit 1997 schon im Kopf existierte, weil Sänger Felix Räuber und Keyboarder Bernhard Wenzel, beide Blur-Fans, mit dem Gedanken spielten, Rockstars zu werden. Zuerst nannten sie sich Jacks Of All Trades. Es trafen sich mehr Instrumentenfreaks, die den Reiz der Idee spürten. 2005 machten die Musiker, dann als Polarkreis 18, ein erstes kleines Album: "Look". 2007 folgte das von Kritikern gelobte "Polarkreis 18". Und jetzt "The Colour Of Snow" – eine logische Entwicklung für eine Band, die die Grenzen der Popmusik auslotet. "Wir fingen als stupide Rockmetalband an, haben auf dem zweiten Album viele Experimente gewagt und wollen jetzt echte Popsongs schreiben", sagt Keyboarder Ludwig Bauer. Die Bandziele hat er klar definiert: "Wir wollen Stufe für Stufe mitnehmen." Endstation Stadionrock? Ludwig: "Nein, da gehören wir eigentlich nicht hin."

Allein, Allein! Die Idee mit der deutschen Textzeile sei Sänger Felix Räuber zwischendurch gekommen, sagt Philipp vor dem Konzert in Köln. "Alle fanden es gut, deshalb haben wir mehrere solcher Lieder aufgenommen." Andere Slogans lauten: "Wir kommen nirgendwo an" vom ersten Lied "The Tourist" oder "Wann hört es auf" vom Lied "Prisoner". Philipp sagt: "Wir wollten die deutsche Sprache nur subtil einbringen."

Allesamt dokumentieren die Verse eine nebulöse Kälte. Dazu passt auch der Bandname: Polarkreis 18. Den habe man sich ausgedacht, weil der Vater eines Freundes der Band früher einmal zum Polarkreis wanderte und mit nur noch acht Zehen zurückkam, erzählt Philipp. "Der Name war eigentlich ein Gag."

Inzwischen ist er ein Markenzeichen geworden: Bei Konzerten sind alle Musiker weiß gekleidet. Im Booklet zur CD gibt es das Bild, in dem jedes Bandmitglied zusammengekauert in einem Eisblock sitzt. Ein Marketingexperte würde dies "Corporate Identity" nennen. Polarkreis 18 nennen es Freundschaft. Denn: Allein ist hier keiner.


 
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