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Terroranschläge in den USA: Popmusik seit dem 11. September

VON SEBASTIAN PETERS - zuletzt aktualisiert: 10.09.2008 - 20:00

New York (RP). Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben die Kultur politisiert. Die Popmusik hat sich seitdem verändert. Alte Fronten scheinen auf einmal durchlässig. Der Pop legte sein altes "Dagegen" ab und ist nun in Deutschland und Amerika immer öfter "Dafür".

Die grausamen Sequenzen gingen schneller um die Welt als jedes andere Fernsehbild zuvor. Von einer neuen „Macht der Bilder“ war die Rede, als am 11. September 2001 die New Yorker Twin Towers einstürzten und alle Welt via Bildschirm zuschaute.

Was aber bei der medialen Umsetzung des 11. September in den Fernsehanstalten fehlte, war der Ton. Die Amateurfilmer vor Ort konnten das Geräusch zur Katastrophe nicht erfassen. Und so diente den Fernsehstationen fortan ein Lied der irischen Sängerin Enya als Sound zur Katastrophe. Das seichte Ballädchen „Only Time“ verkaufte sich millionenfach. Die Popmusik zu 9/11 begann sehr unpolitisch. Umso schneller aber politisierte sie sich danach.

150 Popsongs auf dem Index

Die Popmusikforschung hat in den vergangenen Jahren die Auswirkungen des 11. September auf vielerlei Art beleuchtet. Nach 9/11 sei die Politik in den amerikanischen Popsong zurückgekehrt, stellt der Musikwissenschaftler Sascha Seiler fest. Auf die amerikanische Kultur jedenfalls hatte der Terrorismus unmittelbaren Einfluss – so setzte die weltweit größte Radiokanalkette „Clear Channel Communications“ mit 1200 Sendern in 47 US-Bundesstaaten eine Liste von 150 Popsongs auf den Index, die nach dem 11. September nicht mehr gespielt werden sollten.

Neil Young veröffentlichte sein patriotisch-kämpferisches Lied „Let’s Roll“, Bruce Springsteen thematisierte auf „The Rising“ die amerikanische Befindlichkeit nach 9/11. Stars wie Geri Halliwell, Mariah Carey und Jennifer Lopez polieren ihr Image seitdem mit Truppenbesuchen im Irak und Afghanistan.

Rundumschlag gegen Präsident Bush

Die linke Popkultur von Radiohead bis zu den Dixie Chicks wiederum holte zum Rundumschlag gegen Präsident Bush aus. Und neuerdings üben sich Stars von Kid Rock bis Madonna im Plädoyer für Obama und gegen die Republikaner. Ohne Zweifel ist Popmusik in Amerika nach dem 11. September politischer geworden.

Der Streit darum aber, wie 9/11 den deutschen Pop beeinflusst hat, ist schwerer zu belegen. Hat sich die Popmusik verändert oder ist sie Routinemaschine geblieben? Der Kulturwissenschaftler Dietrich Helms sagt auf die Frage: „Selbstverständlich kehrt die Politik nicht in den Pop zurück – jedenfalls nicht so pauschal. Es hat immer seit den Sechzigern politische Songs gegeben, aber sie werden inzwischen nicht mehr als solche gehört. Auch wenn Musiker politisch zu sein versuchen, sie werden nicht als politische Bands gehört.“

Nach 9/11 wurde die Popmusik in Deutschland sehr leise – der Musiksender Viva schaltete sogar sein Programm ab. Seitdem aber haben viele Bands ihr gesellschaftliches Engagement verstärkt. Der Rapper Curse veröffentlicht nach der Katastrophe im Internet sein Lied „Nichts mehr wie es war“, der Schlagersänger Christian Anders schreibt das Lied „Der Tag, an dem die Erde still stand.“ Die schnellen Reaktionen im Pop zeugen allesamt von der Ergriffenheit der Kunst vom Terrorakt.

Ja zur Heimat

In den Folgejahren nehmen viele Bands des Alternativspektrums in Deutschland kritischere Positionen ein: Die Musiker Peter Licht, Tocotronic, Grönemeyer etwa kritisierten ihr Heimatland. Andere Bands wiederum zeigten sich engagiert für Deutschland. Weil Globalisierung und Terrorismus die Weltordnung aufgewirbelt haben, diente Popmusik fortan immer häufiger als Besänftiger, nicht mehr als Unruhestifter.

Die Welt im Kleinen im Reinen halten und sie im Großen engagiert verändern – das ist das Ziel von Bands wie Wir sind Helden, Klee oder Mia, die sich nicht kritisch gegen ihr Heimatland äußern, wie dies früher die populäre Musik von Politrock bis Punk tat, sondern sich stattdessen für Menschenrechte und Toleranz stark machen. „Wer Respekt will, muss auch Respekt zeigen“, sagte Mia-Sängerin Mieze jüngst in einem Interview zur Veröffentlichung des Albums „Willkommen im Club“.

Auch die Sportfreunde Stiller sind Stellvertreter dieser x-ten „Neuen Deutschen Welle“. Ihr Lied „54, 74, 90, 2006“ sagt laut Ja zur Heimat, Solche Positionen waren zuvor exklusiv dem Schlager vorbehalten, plötzlich landen sie in der Pop-Mitte. Pop ist seit dem 11. September auch in Deutschland wieder politisch aufgeladen.

Quelle: RP

 
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