Neue Platte: Progressiv: Peter Gabriel wird 60
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 12.02.2010 - 13:41(RP). Das ist ein Großkünstler des Pop, und was ihn auszeichnet, ist das Quere, der Mut, etwas falsch zu machen, der unabhängige Geist. Peter Gabriel, der morgen in Bath in England seinen 60. Geburtstag feiert, wurde zumeist belohnt für diesen Mut, 1989 etwa, als er den Soundtrack zum Scorsese-Film "Die letzte Versuchung Christi" komponierte. Das hätte in die Hose gehen können, der Film war danach, aber die Doppel-LP "Passion" ist ein Höhepunkt im Werk Gabriels, Weltmusik und Ambient, perkussiv und schwebend, und wer das heute auflegt, spürt immer noch, dass es etwas Großartiges ist.
Gabriel wirkt stets gelassen, ein spöttisches Lächeln liegt auf seinem Gesicht, aber innerlich ist er gehetzt, ihn treibt die Lust am Neuen um, an der Entdeckung. Das war schon damals so, in seiner Zeit bei Genesis, die viele für die beste dieser Band halten und die bis 1975 dauerte. Als Fuchs verkleidet betrat er die Bühne, um Zehn-Minuten-Songs von Konzeptalben wie "The Lamb Lies Down On Broadway" zu singen. Prog-Rock nannte man das, Prog wie progressiv: Die Kunst von Gabriel ist dem Vorstoß gewidmet, er will irgendwo hin, am liebsten in unvermessenes Land.
Er revolutionierte mit dem Film zum Song "Sledgehammer" das Medium Video-Clip, und noch bevor Prince ein reguläres Album einer Tageszeitung beilegen ließ, gratis natürlich, exerzierte Gabriel dasselbe mit einer Best-of-CD durch. Zwei seiner Solo-Platten veröffentlichte er in englischer und deutscher Sprache, das sollte man gehört haben, und wenn er Millionen abverkaufte wie bei "Solsbury Hill" und "So", dem Album-Juwel aus der Goldgräberzeit der Plattenindustrie, dann finanzierte er damit die kleineren Sachen quer, das Label "Real World", das sich der globalen Folklore widmet. Manchmal nur geht etwas daneben, die Sache mit der vor sechs Jahren gegründeten Union der im Internet veröffentlichenden Künstler etwa, da blieben er und sein Kompagnon Brian Eno die einzigen Mitglieder.
Das alles wäre reichlich und noch nicht genug, damit würde er zwar als populärer Widerspenst durchgehen. Aber die Zuneigung der Menschen, ihr Gewogensein, das sichert ihm doch zuerst seine Stimme. Sie ist heiser und zugleich klar, kräftig und von einigem Umfang. Ihren schönsten Auftritt hat sie in "Don't Give Up" neben Kate Bush, das ist ein Song, der bleibt.
Zum Geburtstag macht Gabriel sich ein Geschenk: "Scratch My Back" heißt das neue Album, das heute erscheint. Darauf covert er seine Lieblingslieder von Kollegen, die meisten jünger als er: Radiohead, Bon Iver, Magnetic Fields. Man hört kein Schlagzeug und keine Gitarren, stattdessen von John Metcalfe arrangierte Orchester-Musik. Die Herren wollen leider allzu viel, sie haben reichlich Arvo Pärt und Steve Reich gehört, und so verunglückt "Heroes" von Bowie und einiges andere, dafür gelingt "Boy In The Bubble" von Paul Simon. 2011 wird das Projekt fortgesetzt, die zitierten Bands spielen Lieder von Gabriel nach. Die Platte soll "I'll Scratch Yours" heißen, und das klingt wieder sehr interessant.
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