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Bob Dylan zum 70. Geburtstag
Rastlos und genial

Bob Dylan gibt Konzert in Peking
Bob Dylan gibt Konzert in Peking FOTO: AFP
Frankfurt/Main (dapd). Kurz vor seinem 70. Geburtstag hat sich Bob Dylan persönlich an seine "Fans und Anhänger" gewandt. Der Mann, der auf seinen Konzerten seinem Publikum meist nicht einmal "Guten Abend" sagt, hat eine Erklärung abgegeben, im Grunde nur eine Gegendarstellung zu Berichten über seine Konzerte in China. Aber der letzte Absatz enthält eine sarkastische Beschreibung seines Status als Rocklegende und die Einladung, es solle ruhig jeder ein Buch über ihn - nein, nicht schreiben - "kritzeln", "scribble" steht da im Englischen.

"Man kann nie wissen, vielleicht trägt jemand ein großartiges Buch in sich", schreibt Dylan. Ich Dichterfürst, ihr Fußvolk? Wieder einmal hat er sich bestimmt nicht irgendjemanden angebiedert.

Dylan hat sich nie angepasst, ist nie einem Trend gefolgt - der am 24. Mai in Duluth im US-Staat Minnesota als Robert Allen Zimmermann geborene Dylan hat im Gegenteil nachhaltig die Popkultur der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts geprägt, hat Entwicklungen angestoßen. Und seine "Never Ending Tour" ist auch in diesem Jahrhundert noch nicht zu Ende.

Entwicklung ganzer Genre vorgegeben

Dylan wurde ein Leben lang gefeiert und geschmäht. Er wurde zum Sprachrohr einer Generation erhoben und als Verräter verschrien, als Genie verklärt und als schräg singender Protestbarde abgetan: Dylan ließ keine indifferente, unentschiedene Haltung zu. "Blowin' In The Wind", "The Times They Are A-Changin'", "Like A Rolling Stone" - niemand hatte vor ihm so raffiniert einfache Folk-Strukturen mit den Themen der Zeit in sprachgewaltiger Lyrik ausgedrückt.

Dylans Universum steht scheinbar jedem offen, es lässt sich aber besser erschließen, wenn man sich gründlich mit der Bibel, der amerikanischen Freiheitserklärung und der nachfolgenden Geschichte beschäftigt hat. Auch die Lektüre einiger Gedichte von Arthur Rimbaud und dem Künstlernamengeber Dylan Thomas ist hilfreich.

Viele Musikerkollegen haben Dylans Lieder bewundert und versucht, ihnen in eigenen Interpretationen neue Facetten abzugewinnen. "All Along The Watchtower" in der Version von Jimi Hendrix und "Mr. Tambourine Man" von den Byrds sind womöglich noch immer bekannter als Dylans Originale. Aber die Originale haben die Entwicklung ganzer Genre vorgegeben: Progressive Rock, Psychedelic Rock, mehr oder weniger alle Spielarten der Popmusik seit 1963.

Lebenslauf auf Dylan-Art in "Chronicles"

In seinem autobiografischen Buch "Chronicles" hat Dylan einiges über seine Anfänge in New York 1961, aber auch seine schwere Krise als ausgebrannter Rockstar in den 80er Jahren erzählt. Der berühmte Motorradunfall vom Sommer 1966 wird mit einem Satz abgehandelt - er war wohl eine Gelegenheit, eine Auszeit zu nehmen.

Dafür schildert Dylan, wie in ihm erst nach etlichen Auftritten in der New Yorker Folkszene allmählich der Entschluss reifte, selbst Lieder schreiben zu wollen. "Man wacht nicht eines Tages auf und beschließt, dass man Lieder schreiben muss", erzählt er.

Rund 600 Songs in 50 Jahren

Schritt für Schritt habe sich die eigene Kreativität Bahn gebrochen: "Manchmal will man etwas auf seine eigene Art erledigen, will sehen, was hinter diesem nebligen Vorhang ist." Am Anfang habe er Visionen sehen können, heute könne er nur noch Träume träumen, sagte er vor einigen Jahren "Newsweek". Viele Interviews hat Dylan nicht gegeben.

Rund 600 Songs hat Dylan in fast einem halben Jahrhundert geschrieben. Seit den 60ern hat er unzählige Konzertreisen gemacht, nach Deutschland kam er aber zum ersten Mal erst 1978. Zum Konzert vor 70.000 Fans auf dem Nürnberger Zeppelinfeld, dem früheren Reichsparteitagsgelände, sagte er einmal, es habe ihn "als Juden auf diesem Platz" fast umgebracht.

Geprägt hat Bob Dylan die Rock-Welt mit seinen in den 60er Jahren geschriebenen Liedern. Nach "Song To Woody", der ersten Eigenkomposition, wird jede Auszählung aus dem Fundus jener Zeit willkürlich: "Desolation Row", "It's Allright Ma (I'm Only Bleeding)", "Masters Of War", "Sad Eyed Lady Of The Lowland" - jedes Lied kann heute noch eine Inspiration sein.

"Nur Lieder schreiben und spielen"

Aber Dylan wollte nie Stimme seiner Generation sein, wie er einmal in einem Radiointerview sagte. "Das ist ein Begriff, der einem nur Probleme macht", sagte er dem Sender NPR. "Besonders, wenn man es einfach halten und nur Lieder schreiben und spielen will. Diese kolossalen Lobpreisungen und Titel kommen einem nur in die Quere."

Dylan ist ein Meister der musikalischen Maskerade; selten spielt er ein Lied auf einem Konzert in der exakt selben Version wie am Abend davor. Er verfremdet und verzerrt, seine Launen in dieser Hinsicht sind völlig unberechenbar. Manchmal erkennen selbst die textsichersten Fans einen Song erst an einer besonders charakteristischen Stelle.

In den 80er Jahren, sagt er im NPR-Interview, habe er nicht mehr an seine eigenen Lieder geglaubt. Dann habe er in Sessions mit den Grateful Dead entdeckt, was diese Lieder anderen Musikern bedeuten konnten - das Album "Dylan & The Dead" entstand aus dieser Zusammenarbeit. Dafür müssen alle Dylan-Fans noch heute dem inzwischen verstorbenen Jerry Garcia dankbar sein.

In den 90er Jahren ließ Dylan sich auch von einer lebensbedrohlichen Krankheit nicht mehr von seinem musikalischen Weg abbringen. "Time Out of Mind" markierte den Beginn eines kolossalen Alterswerks, es folgten "Love & Theft", "Modern Times", "Together Through Life" und ein Weihnachtsalbum. Ende Juni spielt Dylan zwei Konzerte in Mainz und Hamburg. Auf den Plakaten steht: "Don't You Dare Miss It!" ("Untersteh dich, das zu verpassen!")

Tourdaten: 25.06. Mainz (Volkspark), 26.06. Hamburg (Stadtpark)

(AP/csr)
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