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Reinhard Mey über neues Lied der Toten Hosen
"Campino ist ein schlauer Kollege"

Reinhard Mey über die Toten Hosen: "Campino ist ein schlauer Kollege"
Der Liedermacher Reinhard Mey im Jahr 2013 in einer Talkshow von radio Bremen (Archiv). FOTO: dpa, iwa vfd sab
Berlin. "Über den Wolken" heißt eines der erfolgreichsten Lieder von Musiker Reinhard Mey. Dass die Toten Hosen ihn nun auf ihrer neuen Single "Unter den Wolken" zitieren, darauf ist er stolz. Von Philipp Holstein

Reinhard Mey gibt nur sehr selten Interviews, und jede Anfrage unserer Redaktion beschied seine Agentur in den vergangenen Jahren mit dieser Formulierung: "Herr Mey hat seine Interviewplanung bereits abgeschlossen." Nun haben aber die Toten Hosen eine neue Single veröffentlicht, die "Unter den Wolken" heißt, und das ist natürlich eine Verbeugung vor dem berühmtesten Lied des 74-Jährigen.

"Über den Wolken" ist ein Herzenslied der Deutschen, ein Volkslied. Als das ZDF 2005 über die Hits des Jahrhunderts abstimmen ließ, erreichte es Platz vier. Das Stück mit dem umwerfenden Reimpaar "Jacke / Luftaufsichtsbaracke" erschien 1974, ein Jahr, nachdem Reinhard Mey seine Privatpiloten-Lizenz erworben hatte. Also fragten wir noch einmal an: Ob denn Herr Mey nun nicht doch etwas sagen möge, es habe sich ja eine neue Dringlichkeit ergeben. Einen Tag später erreichte uns eine Mail: Überraschung, Herr Mey hat die von uns mitgelieferten Fragen schriftlich beantwortet.

Campino zieht im neuen Lied der Toten Hosen Bilanz, und sie fällt nicht gut aus. Berührt Sie das – sowohl die Verbeugung, als auch das Fazit des neuen Songs, der Ihr Lied zitiert?

Reinhard Mey Als ich das Lied während meiner Flugausbildung vor 45 Jahren schrieb, war ich mir durchaus im Klaren darüber, dass der strahlenden Helligkeit über den Wolken Unrecht, Leid und Dunkelheit darunter gegenüberstehen. Und genau diese Erkenntnis ist im Refrain "alle Ängste, alle Sorgen" ja schon ausgesprochen. Ich freue mich, wenn das Lied weiterlebt, gesungen, in Überschriften und in Zitaten, und wenn ein gestandener, schlauer Kollege wie Campino es zitiert, erst recht.

Wie haben Sie sich mit den Toten Hosen über den Song ausgetauscht? Hat die Band Sie informiert?

Mey Die Platte lag eines Morgens auf meinem Tisch, und Campino hat mir einen liebevollen Brief dazu geschrieben.

Campino ist ein großer Fan von Ihnen. Überhaupt sprechen viele nachgeborene Sänger hochachtungsvoll über Ihr Werk, vor allem über Ihren Umgang mit Sprache. Was bedeutet Ihnen das?

Mey Wenn das so ist, freue ich mich natürlich. Wer würde sich denn nicht über Zuneigung und Anerkennung als Belohnung für seine Arbeit freuen!

Sie sind ein Leser. Wenn Sie Ihren Zeitgenossen drei Bücher empfehlen sollten, die jedem helfen, die Gegenwart besser zu verstehen, welche würden Sie nennen?

Mey "Deutschstunde" von Siegfried Lenz. "Die Berlinreise" von Hanns-Josef Ortheil. "Roman eines Schicksallosen" von Imre Kertész.

Wie machen Sie einem acht Jahre alten Kind begreiflich, wie schön die deutsche Sprache ist?

Mey Ich beobachte es gerade mit Freude am Beispiel eines Fünfjährigen, meines Enkels: Indem man vom ersten Tag an mit dem Kind spricht, mit ihm Lieder singt, aus guten Büchern vorliest, Gedichte aufsagt und lehrt, mit ihm ins Theater geht, erfährt es von Anfang an mühelos und lustvoll, wie wunderbar unsere Sprache ist.

Bitte definieren Sie den perfekten Song.

Mey Wenn jedes Wort stimmt, wenn jede Note die richtige ist und beide einander ergänzen. Wenn eine Melodie ein Gedicht in Leib und Seele tragen kann und beide gleichsam berührt, dann ist man nah an einem vollkommenen Lied.

Sie haben eine Vorliebe für Friedhöfe. Was fasziniert Sie an diesen Orten?

Mey Die Lektion über unsere Vergänglichkeit, die sie uns bei jedem Betreten erteilen: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." (90. Psalm) Die Lehre über Hochmut und Bescheidenheit, über das Vergessen und Erinnern, die ewige Liebe. Ich liebe die Stille und die Gelassenheit, die mich umfängt, sobald ich durch das Friedhofstor gehe. Ich liebe es, unter den alten Bäumen zu wandeln, die schweigen und doch alles wissen.

Was denken Sie über die politischen Veränderungen in Amerika und Europa? Könnten diese Veränderungen Auswirkungen auf den persönlichen Umgang der Menschen miteinander haben?

Mey Ich glaube schon. Der Umgang wird rauher. Das Miteinander weicht einem Gegeneinander der Interessengemeinschaften, die sich selbst im Inneren spinnefeind sind. Einen vermeintlich sicheren Raum gibt es nur noch in der Familie, unter Freunden, man schottet sich ab, bleibt unter sich. Die Bilanz fällt nicht gut aus.

Wie erleben Sie die Gegenwart?

Mey Im stetigen Umbruch, der Wahnsinn regiert, die Dummheit triumphiert, und die Welt geht aus den Fugen – aber tut sie das nicht schon seit dem Urknall?

Wie leben Sie? Würden Sie uns einen typischen Tag skizzieren?

Mey Aufwachen, Laufschuhe an und Morgenlauf oder Radtour, Tante- Emma-Laden, Zeitungen und Frühstück, Schreibtisch, Gitarre und einspielen für die Tournee, Gartenarbeit als Kontrastprogramm, Enkelkinder besuchen, gemeinsam um den Küchentisch sitzen, kochen und essen, Abendspaziergang, manchmal mit dem Hund unserer Tochter, Tagesschau oder Theater oder Kino, schlafen, aufwachen, Laufschuhe an . . .

Sie sind Porsche-Fan. Können Sie beschreiben, warum der 911 das schönste Auto der Welt ist?

Mey Der 356 war das schönste Auto der Welt, als ich zwölf war, der 912 mit 4- Zylinder-Boxer, als ich 18 war. Das ist lange her! Das schönste Auto der Welt ist für mich heute eins, das mich sicher von A nach B bringt und mit dem ich gemütlich im Stau stehen kann.

Sie wirken stets ausgeglichen. Wie sind Sie glücklich geworden?

Mey Nun wache ich nicht morgens auf und bin schon mal von Amts wegen glücklich, aber ich bin grundsätzlich mit mir im Reinen, das liegt wahrscheinlich zuallererst in den Genen, die mir meine Eltern mitgegeben haben. Ich versuche, den Widrigkeiten des Lebens mit offenem Visier entgegenzutreten, das Leben zu meistern, Stolpersteine aus dem Weg zu räumen, auch mit dem festen Vorsatz, mich zu freuen, ja, und auch glücklich zu sein.

 
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