| 11.55 Uhr

Rihanna-Konzert in Köln
Musik ist nicht mehr so ihr Ding

Instagram-Fotos vom Konzert
Instagram-Fotos vom Konzert
Köln. Eine Stunde lang ließ Rihanna ihre Fans im Kölner Stadion warten - dann bot sie eine magere Vorstellung mit viel Playback. Ihr Auftritt am Donnerstagabend dauerte nicht einmal 90 Minuten, für eine Zugabe reichte es nicht.  Von Philipp Holstein

Irgendwann während dieses in jeder Hinsicht mageren Auftritts fragte man sich, ob Musik vielleicht einfach nicht mehr so ihr Ding ist. Rihanna wirkte stellenweise wie die Parodie einer Sängerin, den Hit "Work" etwa sang sie nur gelegentlich mit, "Rude Boy" gar nicht, was das Stück wie eine Instrumentalversion wirken ließ, und ansonsten beschränkte sie sich größtenteils darauf, das Playback mit Lautmalerei zu verzieren. Für Heiterkeit unter Zynikern sorgte dann die Stelle, als sie "Come on!" rief, während ihr Gesang vom Band kam: Sie feuerte tatsächlich ihr eigenes Playback an.

Rihanna trat im Rheinenergie-Stadion in Köln vor 31.000 Fans auf, und man kann nicht genau sagen, ob diese Künstlerin nun für das Ende einer Entwicklung steht oder ob mit ihr eine neue beginnt. Jedenfalls ist sie die Reinform jenes Typus von Popstar, der seine Profession als Zehnkampf betracht, bei dem das Singen an sich nicht so wichtig ist.

Das ist Rihannas Modekollektion "Fenty" FOTO: ap

Rihannas Job ist es nur noch, anwesend zu sein

Jedes Album ist nur noch Statusmeldung und hat kaum mehr Bedeutung als ein Post bei Facebook. Rihanna ist in erster Linie Name und Körper. Man kann ihren Namen auf CD-Hüllen drucken, aber auch auf Sonnenbrillen, Nagellack-Fläschchen, Schuhe und Filmplakate. Man kann ihren Körper mit Klamotten behängen und mit Firmenlogos ausstaffieren, und man kann Bilder davon im Internet teilen, das inzwischen ohnehin ihr natürlicher Lebensraum ist. Sie ist ihre eigene Marktwirtschaft. Rihannas Job ist es, unter allen Zuschreibungen und Projektionen Rihanna zu bleiben, also alles logisch und möglich erscheinen zu lassen. Ja, ihr Job ist es im Grunde nur noch, anwesend zu sein.

Selbst diese Aufgabe erfüllte sie in Köln nicht voll befriedigend. Sie ließ eine Stunde auf sich warten, sie spielte kaum 90 Minuten ohne Zugabe, und ihre Show, die man bitte nicht Konzert nennen möge, war ein Rätsel. Rihanna begann mit einer Ballade, mit dem schönen "Stay", das war noch verheißungsvoll, so ein ruhiger Beginn ist ungewöhnlich in der Champions League des Pop. In einem weißen Boxermantel schritt sie durchs Publikum zu einer kleinen Bühne mitten im Auditorium. Sie trug einen Anzug, der vorne lang und hinten gar nichts war, und als sie einen Plexiglas-Steg über den Köpfen der Zuschauer betrat und sich bückte, konnte jeder bis nach Jericho sehen. So sieht Laszivität aus, wenn man sie vor einem Werbebanner von Gaffel Kölsch ausprobiert. Mancher Kommentator hält das für weibliche Selbstermächtigung, in Wirklichkeit ist es billig und – Verzeihung – echt asi.

Als Rihanna auf der Hauptbühne angekommen war, fragte man sich, was die Zellophanfolie da soll, die überall herumlag. Sie wurde im Verlauf des Abends zu hässlichen, Engerling-artigen Gebilden zusammengeschoben und später zu einer Bahn gestrafft, über die Schaum auf die Bühne rutschte. Sinn: unklar. Mehr Deko war nicht. Rihanna tanzte vor dieser Landschaft des Ungefähren, das heißt, sie ging mitunter in die Knie und ließ die rechte Hand über dem Großraum Venushügel kreisen. Manchmal packte sie auch zu, dazu streckte sie ihre Zunge raus, und direkt danach lachte sie auf kleiner Flamme, als wolle sie sagen: Ist nur Spaß.

Chromverspiegelter Körper im Irrlicht

Das Publikum war in der Mehrheit weiblich, manche hatten sich schick gemacht, Kleid und hohe Hacken, bisschen Pailletten. In der Bahn zum Stadion wurde flaschenweise "Hugo Rosé" getrunken, und einige männliche Gesichter meinte man aus dem "Aktuellen Sportstudio" zu kennen. Die Stimmung war gediegen, Euphorie kam nicht auf. Rihanna wirkte auf hohem Niveau abwesend, ein chromverspiegelter Körper im Irrlicht.

Ihren Welthit "Umbrella", auf den sich viele gefreut hatten, spielte sie in einer verstümmelten Version, die nach dem zweiten Refrain abbrach und in das Lied "All Of The Lights" überging, das wiederum nach dem ersten Refrain abbrach. Das Publikum wartet auf solche Hits, an diesen Liedern hängen Erinnerungen, aber Rihanna ist das offenbar egal, vielleicht weil sie selbst nicht an ihr Werk glaubt. Sie war zumindest an diesem Abend weit weg von der Lässigkeit, die man ihr zuschreibt, das dokumentiert auch die Auflage, dass keine Pressefotografen kommen durften. Offenbar will sie nicht, dass man die Wahrheit abbildet.

Ihr Lied "Diamonds" widmete sie dann den Opfern des Terroranschlags in München. Sie streute ein paar Begriffskrümel von der Ethiktheke ein, "Love" und "Peace", und auch die Deutschland-Fahne ließ sie flattern. Wie ernst und echt dieser Moment der Andacht war, merkte man, als er vorbei war. Da fragte sie ungerührt: "Seid ihr gut drauf? Ja? Lauter!".

Irgendwie traurig war man also beim Verlassen des Stadions. Man wusste nicht, ob da gerade die Wirklichkeit zerhauen worden oder ein Traum zerplatzt war. Am Ausgang gab es dann noch Rihanna-T-Shirts. Darauf stand das Wort "Role Model", also Vorbild. Es war durchgestrichen. Preis: 35 Euro.
 

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Rihanna im RheinEnergie-Stadion: Musik ist nicht mehr so ihr Ding


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.