"Exile on Main St.": Rolling Stones legen ihr Meisterwerk neu auf
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 12.05.2010 - 08:03(RP). Diese Platte steht unter Strom, sie zuckt und wehrt sich beim Hören, man kann ihrer nicht habhaft werden. "Exile On Main St." erschien 1972, viele meinen, es sei das beste Album der Rolling Stones, und kaum einer wird widersprechen, wenn man sagt: Es ist auf jeden Fall ihr spannendstes, packendstes.
So hört man gerne wieder hinein, die neue Plattenfirma der Band legt die Doppel-LP am Freitag in überarbeiteter Fassung vor, und Universal packt gleich noch zehn weitere Songs aus den Sessions von damals dazu.
"Exile On Main St." hat kaum Hits, "Tumbling Dice" bloß und "Happy", den von Keith Richards gesungenen Titel, der heute ein Konzert-Klassiker ist. Das Album scheppert, der Sound ist rau und unpoliert, eine brutale Platte. Mick Jagger mag sie nicht besonders, heißt es, es könnte daran liegen, dass sein Gesang weit nach hinten gemischt wurde, überhaupt waren die 18 Stücke des Originals das Baby von Keith Richards. In seiner Villa an der Cote d' Azur hockten die Stones im Sommer 1971 zusammen, ein ehemaliges Nazi-Hauptquartier, das der zum Extremen neigende Gitarrist in eine Drogenhölle mit Studio verwandelte. Es gab Streit, immer wieder flohen einzelne Bandmitglieder, nur Hausdealer Spanish Tony war stets zugegen.
Die Stones waren eine dekadente Band in jener Zeit. Jagger hatte das Model Bianca Pérez-Mora Macías aus Nicaragua geheiratet und feierte mit ihr und dem internationalen Jetset die Schönheit und den Reichtum. Richards gab mit der von Brian Jones und Jagger übernommenen Anita Pallenberg ebenfalls viel Geld aus; 7000 Dollar die Woche, davon 1000 für Alkohol und 2500 für Drogen. Der Heroin-Rausch liegt denn auch wie ein Schleier über der Platte. Er hat indes nichts mit Euphorie zu tun. Düster fühlt sich das an, aggressiv. Was man da hört, ist ein irres Gebräu aus elektrifiziertem Blues, Rock, Country und Soul, es hat einen unheimlichen Groove, Kraft und Wucht.
Die Fotos, die der CD beigegeben sind, zeigen junge Menschen von nicht mal 30 Jahren, die müde wirken, abwesend. Nackte Oberkörper, bequeme Kleidung, langes Haar. Überall stehen leere Flaschen vor den schimmeligen Wänden und Gerätschaften zur Verstärkung der Kicks. Kabel und Müll liegen auf einem Teppich, den man lieber nicht an die Haut lassen möchte. Den Strom zapften sie illegal vom Versorgungsnetz des Villenviertels ab. Die Polizei kam oft, sie griff aber nie durch, weil man sie mit Geld und signierten LPs beruhigte.
Dass in diesem Klima des Verfalls großartige Aufnahmen entstehen konnten, gehört zu den Wundern der Rock-Historie. Das 70-minütige Kondensat einer höllischen Zeit, das kurz nach der Veröffentlichung auf Vinyl vor 38 Jahren in den USA und Großbritannien auf Platz eins der Hitparaden stand, hätte der digitalen Aufbereitung nicht bedurft. Keith Richards blieb dem Remastering fern, er wolle sich nicht an der Bibel vergreifen, ließ er verlauten. Die Wiederbegegnung ist dennoch ein Erlebnis. Mit dieser Platte wird man nicht fertig.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






