kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
  RP Providing |  RP Shop |  PremiumCard |  RP Reise
       
  Newsletter |  RSS |  Mobil |  Apps
Abo & Service | Anzeigen | ePaper | Schulprojekte  
 
       
 
  Gast
Kommentare ()

Salzburger Festspiele: Seelenpein einer Ehebrecherin

VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 30.07.2010 - 07:54

(RP). Bei den Salzburger Festspielen wurde Stefan Zweigs Novelle "Angst" von 1913 in einer dramatischen Version von Koen Tachelet uraufgeführt. In der Inszenierung von Jossi Wieler wurde ein zeitloser Stoff mit Mitteln des modernen Theaters für die Gegenwart präpariert.

Der Alptraum der Ehebrecherin: (unten Elsie de Brauw) wird Bühnenwirklichkeit: die Erpresserin (Katja Bürkle) versucht sich ihrer zu bemächtigen Foto: DAPD, APN

Salzburg Stefan Zweigs Novelle "Angst" erzählt eine archetypische Situation: Eine Frau betrügt ihren Mann, einen angesehenen Rechtsanwalt, mit einem jüngeren Pianisten. Alsbald wird sie von einer Frau erpresst, die behauptet, die Freundin des Pianisten gewesen zu sein. Aus Angst vor Enttarnung und Schmach zahlt sie immer höhere Summen, versetzt am Ende ihren Ehering und gerät in entsetzliche Ohnmacht und Erregung. Was ahnt ihr Mann? Wie oft wird die Erpresserin kommen? Als sie in einer Apotheke Morphium für den Suizid kauft, steht plötzlich ihr Mann hinter ihr – und beichtet selbst: Die Erpresserin sei eine Schauspielerin, die er engagiert habe, auf dass seine Frau unter dem Druck zu ihm zurückkehre.

"Angst" von 1913 ist ein Frühwerk Zweigs (1881–1942), aber es zeigt bereits den virtuosen Beobachter, der zwischen Dialog und innerem Monolog perfekt pendelt. Seine psychologische Genauigkeit, die feinste Seelennuancen mit dem Sensorium der Sprache beherrscht, ist gewaltig. Kein Wunder, dass Sigmund Freud in dem jungen Dichter – zu dessen Hauptschriften ja "Die Heilung durch den Geist" zählt – einen Verbündeten sah; beider Freundschaft hielt Jahrzehnte.

Jetzt ist Zweigs Text zu den Salzburger Festspielen gelangt – nicht etwa als Lesung, sondern als dramatische Variante. Der belgische Theatermann Koen Tachelet hat Zweigs strenge Textstruktur gleichsam geöffnet: Der innere Monolog wird von der Frau selbst vorgetragen, bis sie unversehens in den Dialog mit einem Gegenüber umschaltet. Diesen Kunstgriff müssen die mit Zweig nicht erfahrenen Zuschauer im Landestheater erst begreifen – wer da wann mit wem redet und wann Dialog real ist und wann nicht.

Natürlich hat sich seit der Abfassung der Novelle viel geändert; zudem verkörpert die Frau jenen Typus der damaligen Wiener Oberschicht, "deren innere Bürgerlichkeit so stark ist, dass sie selbst in den Ehebruch eine Ordnung mitbringen". Heutzutage dürfte der Aspekt öffentlicher Scham und Bestrafung eher nachgeordnet sein. Trotzdem wird die Besorgnis der Frau, die nach jedem verbotenen Genuss ohnedies eintritt, durch die Erpressungen potenziert; ihre Angst wird gleichsam zum Adler, der drohend über ihr hockt und sich nicht vertreiben lässt.

Diese Erstarrung unter der Gefahr spielt Elsie de Brauw hinreißend. Dem Anschein nach ist sie eine im Leben stehende Frau, die unter der Dreistigkeit der Erpressung völlig an innerer Festigkeit verliert. Das befreite Lachen und Dehnen der Glieder in den Armen des Geliebten weicht alsbald einer fahrigen, im Finalstadium schlotternden Autonomie der Arme und Beine. Als sie den Ring weggegeben hat, zeigt sich, was für ein famoser Menschenbastler der Regisseur Jossi Wieler ist: Die Verdruckstheit beispielsweise, die Hände befallen kann, die einen ringlosen Finger bedecken sollen, hat er mit Elsie de Brauw wunderbar herausgearbeitet.

Die Bühne von Anja Rabes ist eine simple Bretterkonstruktion mit kleiner Spielbühne, die von allen Seiten zugänglich ist. Dieses ortlose Tableau verstärkt die räumliche Durchlässigkeit – und die Angst: Jeder kann jederzeit hereinkommen. Wenn André Jung als Ehemann auftritt, liegt gütige Schärfe in seiner Stimme, ein Hauch von Mitwisserschaft, die um Reue und Bekenntnis der Gemahlin fast zu bitten scheint.

Nur die Erpresserin hat man sich nach der Lektüre Zweigs anders vorgestellt: feister, vulgärer, abgezockter. Katja Bürkle ist eher ein missratenes Girlie, das eine besser gestellte Dame mal eben um ein paar Euro anhaut.

Der Schluss ist bei Regisseur Jossi Wieler angemessen offen: Die Frage, ob das sittliche Vergehen der Frau durch das halbkriminelle Vorgehen ihres Gatten, das Läuterung gewaltsam herbeiführen will, glücklich neutralisiert wird, bleibt unbeantwortet. Großer Beifall für eine mehr als nur originelle Dramatisierung eines Stoffs, dessen seelische Konflikte zeitlos gültig bleiben.

Quelle: RP

 
Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung:

       
Anzeige:

Aktuell bei RP Online
Justiz lehnt Verbot von "Tim und Struppi" ab

"Tim im Kongo"

Justiz lehnt Verbot von "Tim und Struppi" ab

Die belgische Justiz hat es abgelehnt, den Verkauf des Comicbands "Tim im Kongo" zu verbieten. mehr 

"Revolutionärer" Auftakt der Berlinale

Stars auf dem roten Teppich

"Revolutionärer" Auftakt der Berlinale

Die Berlinale 2012 hat begonnen. Das Defilee der Stars auf dem Roten Teppich hat das erste Blitzlichtgewitter überstanden. mehr 

Videos

Ringerin aus Krefeld trainiert für Olympiaqualifikation

Aline Focken ist 20 Jahre alt und träumt von Olympia. Die Krefelderin hat die Chance sich für die olympischen Spiele 2012 in ... mehr 

Autokamera filmt riesigen Lichtkegel

Das Video könnte auch aus einem Science-Fiction-Film sein. Blogger jedoch wollen herausgefunden haben, dass es die Explosion eines ... mehr 

mehr Artikel aus Kultur Musik
41+dHmPhNIL__SL500_AA300_.jpg

Holstein hört

Soap & Skin: "Narrow"

Ich habe von der neuen CD von Soap & Skin erst einen Song gehört, den aber mindestens zwei Dutzend Mal: „Voyage Voyage“. Von Philipp Holstein   mehr

 
135530024

Einziges Deutschland-Konzert

Madonna kommt nach Berlin

Madonnas einziges Deutschland-Konzert auf ihrer World-Tour 2012 wird am 28. Juni in Berlin stattfinden. Der Ticketverkauf für die Show beginnt am 13. Februar. mehr

 
 

US-Popqueen erscheint als römische Kaiserin

Madonnas Riesen-Show beim Super Bowl

 

Tickets zwischen 27 und 32 Euro

Bayreuther Festspiele live im Kino?

 

Single erscheint schon im März

Neues Tote Hosen-Album kommt im Mai

Möbel aus Turngeräten
Möbel aus Turngeräten
Die Möbel der Firma "Zur schönen Linde" sind .. mehr 
 
Möbel aus Turngeräten
Möbel aus Turngeräten
Die Möbel der Firma "Zur schönen Linde" sind ..
mehr 
Berlinale 2012: Glanz und Glamour auf dem roten Teppich
Berlinale 2012: Glanz und Glamour auf dem roten Teppich
Berlin ist wieder Hauptstadt des Films: Zur Eröffnung ..
mehr 
Bisher unveröffentlichte Bilder von Marilyn Monroe
Bisher unveröffentlichte Bilder von Marilyn Monroe
Marilyn Monroe ist eine Hollywood-Legende. Sie prägte ..
mehr 
Szenenbilder aus "Hugo Cabret"
Szenenbilder aus "Hugo Cabret"
Martin Scorseses erster 3D-Film ist eine ..
mehr 
Szenen aus "Star Wars Episode I - Die dunkle Bedrohung"
Szenen aus "Star Wars Episode I - Die dunkle Bedrohung"
Es war klar, dass sich George Lucas den 3D-Hype nicht ..
mehr 
Neu im Kino: Der Junge mit dem Fahrrad
Neu im Kino: Der Junge mit dem Fahrrad
"Der Junge mit dem Fahrrad" ist der neue Film ..
mehr 
Super Bowl: Madonnas Show und ein Skandälchen
Super Bowl: Madonnas Show und ein Skandälchen
US-Popdiva Madonna hat mit einer überwältigenden Show die ..
mehr 
Bildband Herb Ritts - Verschmelzung von Akt und Mode
Bildband Herb Ritts - Verschmelzung von Akt und Mode
Herb Ritts (1952-2002) gehört mit seinem ..
mehr 
Top-Services