| 21.06 Uhr

Semperoper in Dresden
Lichtblick im Osten

Semperoper in Dresden: Lichtblick im Osten
FOTO: Christoph Münch/ Dresden Marketing GmbH
Dresden. Die Semperoper in Dresden schrieb mit zahlreichen Uraufführungen etwa von Richard Wagner und Richard Strauss Operngeschichte. In der Zeit der Wende wurde das traditionsreiche Haus zum Zeichen der Unbeugsamkeit. Von Wolfram Goertz

Unmöglich, sie zu vergessen und ihr zu entgehen. An jedem Abend bittet sie zu sich, an jedem Tag flimmert sie in unser Fernsehzimmer. Seit es diesen Vertrag mit einer nahen Brauerei gibt, derjenigen aus Radeberg, ist die Semperoper noch präsenter, als sie es ohnedies ist. Die Werbebilder sind so mächtig, dass der eine oder andere Zuschauer gar getäuscht wird, und irrtümlich daran glaubt, dass das epochale Bauwerk inmitten der Dresdner Altstadt gar die Brauerei sei.

Für die Opernwelt ist die Semperoper seit ewigen Zeiten ein magischer Ort. Dort haben - auch nach der Wende - alle Großen gewirkt, gesungen, inszeniert, dirigiert. Die Semperoper ist ein Mythos. An der Abendkasse gibt es tatsächlich sehr oft Schlangen, viele Busse sieht man dort. In der Saison 2012/2013 besuchten mehr als 300.000 Besucher die Symphoniekonzerte, Opern- und Ballettaufführungen in der Oper. Dies entsprach einer Auslastung von 91 Prozent - für Intendanten ein Traumwert, weil er einen hohen Kostendeckungsgrad von fast 40 Prozent bietet.

Das Haus steht also sehr gut da, vor allem weil es musikalisch auf schillerndste Weise dominiert wird. Im Graben herrscht derzeit der deutscheste der deutschen Dirigenten, Christian Thielemann. Er hat München verlassen, um in Dresden wirken zu können. Das war und ist ein Bekenntnis.

Die Staatskapelle Dresden hat nun aber auch einen Beinamen, der sie über alles erhebt: die "Wunderharfe". In diesem Haus, das Baumeister Gottfried Semper 1841 fertigstellte, hat ein Jahr später bereits der junge Richard Wagner als Kapellmeister in Graben gestanden; in Dresden gab es die Uraufführungen von "Rienzi", dem "Fliegenden Holländer" und dem "Tannhäuser", das war die Zeit, in der Wagner linke Literatur las, Deutschland am liebsten eigenhändig in die Revolution getrieben hätte und lautstark auf den Barrikaden aktiv war, im entscheidenden Moment aber im Bett lag, als die Kämpfer verhaftet wurden. Da hatte Wagner wieder mal Glück gehabt.

Ein gutes halbes Jahrhundert später folgte dann die zweite Welle von staatstragenden Uraufführungen. Ernst von Schuch, der Generalmusikdirektor der Semperoper, hatte blendenden Kontakt zu Richard Strauss, dem jungen hochstrebenden Komponisten, und rang ihm drei maximal wichtige Premieren ab: Nacheinander kamen in Dresden die Opern "Salome", "Elektra" und "Der Rosenkavalier" heraus, was insofern noch heute für historische Erregung sorgt, als diese drei Opern die mit Abstand besten Werke aus Strauss' Kollektion sind - es handelt sich um Kulturwerke, die den Dresdner Ruf ins Granithafte befestigte. An diesem Haus und an diesem Orchester kam man nicht mehr vorbei. So liest sich denn die Liste der Dirigenten nach Schuch bis heute formidabel: Fritz Reiner, Fritz Busch, Karl Böhm, Karl Elmendorff, Joseph Keilberth, Rudolf Kempe, Otmar Suitner, Kurt Sanderling, Herbert Blomstedt, Giuseppe Sinopoli, Semyon Bychkov, Bernard Haitink, Fabio Luisi. Und nun Thielemann.

Das Orchester besaß (und besitzt noch heute) allerdings auch eine Klangkultur, die hervorsticht aus dem Potpourri vieler anderer Ensembles. Die "Wunderharfe" klang immer schon seidig und blühend in den Streichern, edel in den Holzbläsern und markant beim Blech; sie besaß eine ausgezeichnete Wachheit und Reaktionsschnelligkeit - und es war famos darin, Sänger zu begleiten. Diese Kunst darf man bei einem Opernorchester nie unterschätzen. Wer mit den Sängern zu atmen gelernt hat, der trägt sie durch und über einen Abend. Deshalb treten in Dresden die Gesangsstars, wenn sie sich für den Applaus bedanken, am Ende auch nahe an den Orchestergraben, als ob sie den Beifall weiterleiten wollten. Akustisch ist der große Saal ohnehin eine Marke für sich. Der Rundbau in den Formen der italienischen Frührenaissance, den Semper kreiert hatte, wurde schnell als eines der schönsten europäischen Theater berühmt, in dem Musik zudem über alle Maßen gut hallte. Die Einfachheit der Bauweise, die Klarheit der Proportionen, der Verzicht auf pompöse Schnörkel und ornamentalen Firlefanz sorgte für eine wunderbare Resonanz.

Noch heute erregt aber auch die oberhalb der Bühne angebrachte Digitaluhr des Dresdner Uhrmachers Johann Christian Friedrich Gutkaes Aufsehen; von Beginn an besaß sie die vornehme Aufgabe, das Publikum über den zeitlichen Fortgang der Aufführung zu informieren - eine humanistische Zugewandtheit, die heutzutage unmöglich wäre und in Dresden auch nur aus nostalgischen Gründen weitergepflegt wird. Bewahrung ist bei der Semperoper ohnedies ein zentrales Thema, denn das edle Haus ist in seiner Geschichte mehrfach Opfer verheerenden Brände und Bombardierungen geworden. Aber ausradieren ließ sich die Semperoper nie, denn die Dresdner waren Meister darin, die Erinnerung wachzuhalten - und stets den baldigen Wiederaufbau voranzutreiben. So wurde die Semperoper zum Zeichen der Unbeugsamkeit. Und in den Zeiten, da sich deutsche Geschichte neu justierte, war sie mit ihrem weiten Vorplatz zahllose Male der Ort, an dem Demonstranten die Musik der Freiheit zu singen begannen, bis ihre Stimmen übermächtig und unüberhörbar waren.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Semperoper in Dresden: Lichtblick im Osten


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.