| 10.44 Uhr

Besuch bei Neville Marriner
Beim Maestro daheim

Besuch bei dem großen Dirigenten Sir Neville Marriner
Besuch bei dem großen Dirigenten Sir Neville Marriner FOTO: Christiane Keller
London. Der 91-jährige Sir Neville Marriner ist einer der großen Dirigenten unserer Zeit. Wir haben ihn auf seinem Landsitz in England besucht. Von Wolfram Goertz

Pünktlich um 8.20 Uhr verlässt Waterloo Station ein Zug von Gleis 6. Sein Ziel ist Exeter im Südwesten Englands, doch müssen wir früher aussteigen: um 11.02 Uhr in der Kleinstadt Axminster (Grafschaft Devon), die für ihre Teppiche berühmt ist. Wir sind auf das Landgut eines Mannes eingeladen, der auf seine Weise Fäden und Gewebe spinnt und knüpft. Aus vielen Instrumenten formt er einen einzigen großen Klang, er webt sie zu sinfonischen Textilien, die schnittig scheinen und trotzdem wärmen; die modern und zeitlos zugleich wirken.

Wir würden abgeholt, hieß es. Ein Taxi? Ein Chauffeur? Eine Kutsche? In Axminster hat sich England vollends verländlicht, hier könnten auch Schnulzen von Rosamunde Pilcher und Thriller von Elizabeth George spielen. Dann aber erhebt sich ein Brummen, und der Mann höchstselbst fährt vor: Sir Neville Marriner, der 91-jährige Dirigent.

Er bremst seinen Range Rover diskret ab, steigt schwungvoll aus und begrüßt uns strahlend. Wir mögen einsteigen, Lady Molly bereite daheim schon Kaffee vor. Sir Neville fährt flott, eine Fahrprüfung bestünde er immer noch ohne Fehl und Tadel, sieht man davon ab, dass er in jeder Ampelfarbe etwas Dunkelgrünes entdeckt. Kürzlich hat er auch den linken Außenspiegel das Duell mit einer Mauer verlieren lassen. Trotzdem kennt er hier jeden Stock, jeden Stein. Und dann biegt er rechts ab und freut sich, wie wir zu staunen beginnen.

Ein Paradies in Südwest-England: der Landsitz der Marriners. FOTO: Christiane Keller

Das Landgut von Sir Neville ist eine Offenbarung: ein kleines Paradies, ein perfekter Rückzugsort, ein "locus amoenus", wie der Lateiner sagt. Aus wuchtigen Steinen gefügt das Herrenhaus, ringsum geduckte Wirtschaftsgebäude, steinalte Bäume, ein mit Nagelschere und Pinzette gepflegter Rasen, dahinter ein Bach. Alles betreue Lady Molly, sagt Sir Neville, "she runs the office" (sie schmeißt den Laden); sein Daumen sei nicht so grün. Und er müsse ja dauernd seine Partituren lesen und studieren, um sich für Konzerte zu präparieren.

Das scheint Koketterie bei einem Mann, der jede Sinfonie der Musikliteratur inklusive Proben mit mindestens dreistelliger Häufigkeit dirigiert hat, doch Sir Neville meint es ernst. Für ihn ist jedes Konzert eine neue, fast elementare Entbindung, und immer finde er bei seinen Lese- und Lernsitzungen etwas Unbekanntes in den Noten. "Das stimmt", ruft Lady Molly vergnügt aus der Küche. Marriner macht sich die Arbeit unendlich schwer; andere Dirigenten mit weniger Ethos fliegen gern mal unter dem Radar der Genauigkeit her, um Stücke sozusagen erst in der Probe zu lernen. Für Sir Neville wäre das unvorstellbar.

Marriners Name ist untrennbar mit dem eines Orchesters verbunden: der Academy of St. Martin in the Fields, einem Elite-Orchester in London. Marriner hat es im Jahr 1958 gegründet. Hier sammelten sich Londoner Orchestermusiker, die sich für eine stilistisch reinliche und rhythmisch vibrierende Interpretation von Werken des Barock und der Klassik interessierten. Die Besetzung war kleiner als bei den traditionellen Orchestern - der Geist der Academy war schlank, ihre Präsentation elegant.

Sir Neville Marriner im Gespräch mit RP-Redakteur Wolfram Goertz. FOTO: Christiane keller

Marriner besaß als Chef den unschätzbaren Vorteil der Augenhöhe: Er war selbst ranghoher Orchestermusiker (Stimmführer der zweiten Violinen) im London Symphony Orchestra gewesen, gewiss eine sehr beachtliche Stelle. Doch irgendwann hatte er die Pultstars satt, die ihm einen fetten Händel und einen lendenlahmen Mozart abverlangten, und lernte Dirigieren beim legendären Pierre Monteux.

Dass Dirigenten gern über Dirigenten plaudern, zeigt sich an diesem sommerlichen Tag in Axminster mehrfach. Marriner erinnert sich beispielsweise mit jener britischen Höflichkeit, der Ironie kaum merklich aus den Silben sprüht, wie Herbert von Karajan einmal in London die "Eroica" geprobt hat. Marriner saß wieder in den zweiten Violinen und staunte nicht schlecht, dass an einem Tag sogar der mythische EMI-Produzent Walter Legge auftauchte. Der sollte Karajan beraten, weil der mit den ersten beiden Akkorden dieses Werks in London nie zufrieden war.

Marriner holte sich lieber Rat bei seinen eigenen Kollegen, er war und ist bis heute ein Teamplayer, für kreative Vorschläge offen. So lebt er den "spirit of enlightenment", den Geist der Aufklärung, und bleibt trotzdem Chef im Ring. Wie solche Chefs agieren, das hat er in London gelernt. George Szell zum Beispiel kannte alle Namen der Orchestermusiker auswendig, Dimitri Mitropoulos ebenso. Jener war indes ein Zuchtmeister, dieser ein Menschenfreund. Irgendwo dazwischen wollte Marriner stehen.

Während also in Axminster die großen Dirigenten der Vergangenheit durch den Raum schwirren, die Marriner Vorbild und Alptraum waren, muss der Maestro andere Plagegeister abwehren. Durchs Herrenhaus schwirren Wespen. Sir Neville hat einen Wespenkiller gekauft, eine Art Propeller, der mit einem Gummizug von einer Plastikpistole abgeschossen wird. Todsicher. Diebisch freut sich der Mann, der die Zähmung wilder Tiere in Mozarts "Zauberflöte" oft genug vom Dirigentenpult aus erlebt hat, wenn er ein Insekt schachmatt propellert hat.

Ein Tag mit Marriner ist selbstverständlich reich an Anekdoten: wie der große Geiger David Oistrach einmal vor einem Londoner Konzert der Academy im Hyde Park verloren ging. Wie Marriner neben der Kölner Philharmonie stand und die "boring cathedral" tadelte (den Dom). Wie er im Flüsschen hinter dem Haus echte Lachse sah. Wie er in Tokio wieder mal herausfand, wie entscheidend das Gelingen des ersten Taktes für den ganzen Abend ist. Wie er sich immer auf Düsseldorf freut, weil die Tonhalle zumal nach dem Umbau für ihn einer der schönsten Konzertsäle der Welt ist. Wie er einmal den Preis für ein Ölgemälde von 10 000 auf 1000 Pfund herunterhandelte. Und wie Lady Molly auf ihn aufpasst und sein Leben jeden Tag aufs Neue verschönert.

Diese beiden hier: Das ist eine wahre und eiserne Liebe. Sie hatte seine Kinder aus erster Ehe als ihre eigenen angenommen, das wird ihr Sir Neville nie vergessen. Jetzt verschönert Lady Molly den Salat und schneidet Rote Bete. Der Besuch muss derweil mit Sir Neville den Weißwein aussuchen. Wir entscheiden uns für einen trockenen Korsen.

In solchem Alter so aufgeräumt sein wie Sir Neville - das könnte ein Wunsch fürs Leben sein. Tatsächlich ist die Spontaneität des flotten Greises beeindruckend. Dass ihn das Dirigieren fit hält, ist unverkennbar. Von größerem Wert aber scheint die Treue. Bis heute tritt Sir Neville immer wieder ans Pult der Academy, und auch in früheren Jahren hat er andere feste Engagements nur für kurze Zeit angenommen; einmal war er Chef beim Minnesota Orchestra, einmal beim RSO Stuttgart. Seit er aber Axminster hat, weiß er, wo er die meiste Zeit verbringen will. Das Wort vom Lebensabend klingt bei diesem Springinsfeld indes deplatziert. Neulich hat er sich den Grauen Star operieren lassen. Er will wieder sehr gut gucken. Das linke Auge träne zwar noch, aber die Schärfe sei toll. Der andere Außenspiegel wird heil bleiben.

Zum Abschied steht Sir Neville winkend am Bahnhof von Axminster. Wir mögen, so ruft er, doch bitte wiederkommen. Nun, erst einmal kommt er zu uns: Donnerstag, 29. Oktober, Tonhalle Düsseldorf. Natürlich mit der Academy. Auch diese alte Liebe wird niemals rosten.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Sir Neville Marriner: Beim Maestro daheim


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.