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Musik
Wie die Stradivari des Herrn Yu nach Köln kam

Stradivari: So kam sie zu Frank Peter Zimmermann nach Köln
Der Geiger Frank Peter Zimmermann mit seiner neuen Stradivari in seinem Haus im Kölner Süden. FOTO: Andreas Endermann
Köln. Lange suchte Frank Peter Zimmermann nach einer neuen Geige. Jetzt fand er sie - in Shanghai. Früher spielte Arthur Grumiaux sie. Von Wolfram Goertz

Der Kölner Süden. Villen hinter Mauern und Gittern. Türen mit Klingel und Kamera, doch ohne Namen. Elektronisch sich öffnende Tore. Die Bewohner schauen mit Argusaugen, wenn Unbekannte vor ihrer Tür parken. Neulich wurde hier in großem Stil eingebrochen.

Artig bedienen wir die Schelle. Lautlos weitet sich das Tor. Wir gehen langsam auf ein Haus zu. Von außen sieht man ins riesige Wohnzimmer, in der Mitte ein gewaltiger Konzertflügel. Der Besitzer von Haus und Klavier ist einer der berühmtesten Geiger der Welt: Frank Peter Zimmermann. Zu ihm hat NRW eine innige Verbindung. Im vergangenen Jahr musste der aus Duisburg stammende Künstler seine kostbare Stradivari namens "Lady Inchiquin" an Portigon, den Rechtsnachfolger der WestLB, zurückgeben - am Tag vor seinem 50. Geburtstag, den er in New York mit den dortigen Philharmonikern zu feiern gedachte. Seitdem leidet er unter einem furchtbaren Amputationsschmerz. Zimmermann könnte Paganini auf jeder Holzschachtel spielen. Aber die "Lady" ist ihm unvergesslich. Er sagt: "Sie ist möglicherweise meine große Liebe. Und ich hoffe immer noch, dass sie eines fernen Tages zu mir zurückfindet."

Zimmermann kommt soeben aus den USA zurück und fliegt gleich weiter nach Berlin, wo er morgen Abend mit den Philharmonikern die deutsche Erstaufführung des Violinkonzerts von Magnus Lindberg spielen wird. Und erstmals wird er wieder auf einem Instrument musizieren, bei dem ihm das Herz aufgeht. Natürlich ist es abermals eine Stradivari, und auch nicht irgendeine: Es handelt sich um die "General Dupont", die einst der große belgische Geiger Arthur Grumiaux besaß.

Zimmermann ist wie alle Geiger ein Dogmatiker. Eine Geige der ruhmreichen Geigenbauer-Familie Guarneri kann bei Brahms oder Sibelius männlich auftrumpfen, dass ein Saal sich einer herrlichen Kanone mit vier Saiten gegenüberwähnt. Aber wer es rätselhaft und schimmernd liebt, feinsinnig und singend, der wählt eine Stradivari. Das liegt auch an deren kapriziösem Anspruch. Eine "Strad" gibt sich nur Auserwählten zu erkennen, will erobert werden, benimmt sich wie eine Diva. Dafür bedankt sie sich mit Nuancen, für die es keine Worte gibt. Zimmermann wählt einen Vergleich aus der Kunstgeschichte: "Die Guarneri gleicht einem Caravaggio. Eine Stradivari ist wie ein Michelangelo."

So bitter sein Abschied von der "Lady Inchiquin", so elektrisierend die erste Begegnung mit der neuen Stradivari: "Ich spielte am 19. Oktober in Shanghai mit dem WDR-Sinfonieorchester Köln; es gab das Brahms-Konzert. Ich war erst Minuten vorher aus Peking eingetroffen. Um 18.50 Uhr, kurz vor der Anspielprobe, klopfte ein Chinese an meine Garderobentür und fragte mich, ob ich seine Geige ausprobieren wolle. Die Zeit war extrem knapp, aber der Herr war reizend in der Art, wie er mich beschwor, und ich tat ihm den Gefallen. Ich spielte drei Töne und war wie vom Donner gerührt. Ich hielt eine unglaubliche Violine in Händen und hatte eine Eingebung: Sollte dies das legendäre Instrument von Grumiaux sein, das vor einem Jahr ein unbekannter chinesischer Käufer in New York für eine unbekannte Summe erworben hatte? Und sollte dieser Herr wissen, dass ich eine Geige suchte?"

Ein Blick auf die Decke des Instruments gegenüber dem F-Loch verschaffte ihm Gewissheit: Dort prangt ein schwarzer Fleck, der als das Muttermal des "General Dupont" gilt. Herr Yu (so sein Name) willigte ein, dass Zimmermann das Instrument aufs Podium nahm und das Konzert mit ihm bestritt. Es war wie eine Initiation, die auch Herr Yu spürte. Der hatte das Instrument chinesischen Nachwuchsgeigern leihen wollen, doch niemand vermochte ihr solche Töne zu entlocken wie Zimmermann. Der darf sie jetzt für vorerst drei Jahre spielen.

Von Zimmermann ist bekannt, dass er sogar eine Holzschachtel zum Klingen bringen könnte, aber mit einer Stradivari tun sich neue Dimensionen auf. Doch immer mit der Ruhe: "Auch diese Stradivari ist eine Sphinx. Sie stellt dir nicht nur drei, sondern 30 Rätsel. Sie kann bockig sein. Aber wenn du sie ergründet hast, schenkt sie dir Einsicht in die letzten Wahrheiten." Das Konzert in Shanghai muss ein Traum gewesen sein, erzählt Zimmermann weiter: "Die Geige spielte sich insgesamt wie Öl, trotzdem musste ich beim Konzert ein paar Mal fluchen. Herr Yu hatte die Saiten lange nicht gewechselt, sie sprachen schlecht an." Die erste Amtshandlung Zimmermanns: Er folgte jenem Rat, den ihm vor 25 Jahren der Geiger Salvatore Accardo gegeben hatte, und spannte Darmsaiten auf die tiefen Saiten. "Jetzt atmet das Spiel, es ist so, als ob man durch eine Wolke geht, die Saiten sprechen ganz leicht an, anders als synthetische Saiten, die nur laut sind. Selbst ein Pianissimo klingt auf Darmsaiten wie von selbst, man kann wirklich unglaublich leise spielen."

Für einen Geiger wie Zimmermann sind solche Voraussetzungen lebenswichtig. Er ist das Gegenteil des musikalischen Muskelprotzes, ein sensibler, von Skrupeln geplagter, sich und seinen Ton immer wieder prüfender Künstler. Das zahlt sich aus: Seine Ausdruckskraft, seine stilistische Kompetenz und Brillanz werden derzeit nur von wenigen anderen Kollegen erreicht.

Natürlich kommt es Zimmermann gelegen, dass die "General Dupont" ihrerseits Vorlieben hat. Bei Mozart, Bach oder Mendelssohn, die Grumiaux so unvergesslich auf ihr spielte, spinnt sie helle, glühende Fäden in die Luft, zugleich scheint es, als schaue man der Musik auf den Grund. Die "Lady Inchiquin" war aber auch für deftigeres Repertoire famos. Zimmermann: "Die G-Saite der Lady klingt wie ein alter, undurchdringlicher Bordeaux. Die G-Saite der General Dupont erinnert mich an einen Burgunder." Seine frühere Geige liegt seit Monaten im Tresor eines Stuttgarter Geigenbauers; die NRW-Landesregierung als Hauptgesellschafter von Portigon hat offenbar keine Vorstellung, wie es mit der "Lady Inchiquin", die sie zurückverlangte, weitergehen soll. Nun, in einem Tresor wird sich ihr Marktwert nicht erhöhen: Geigen, die keiner spielt, werden schlechter, weil das Holz zu arbeiten aufhört.

Herr Yu hat sich seinen Zimmermann also genau ausgesucht, und als beide einander kennenlernten, erfuhr der Musiker, dass Yu einen deutschen Pass besitzt und in Berlin lebt. In China war er mit dem Import deutscher Wandfarben wohlhabend geworden. Demnächst importiert er auch einen echten Zimmermann: Der will ihm helfen, dass die Yu-Stiftung in China den Geigernachwuchs taxiert und berät. Ein Deal, den Zimmermann gern erfüllt. "Dafür spiele ich jetzt auf einer Stradivari, die sogar im Weltraum zu hören ist." Damit meint er die legendäre Datenplatte, die mit den Raumsonden Voyager 1 und 2 ins All geschossen wurde, damit Außerirdische dereinst das musikalische Vermächtnis von Mutter Erde begutachten können. Die Festplatte enthält Musikstücke aus allen Genres - und zwei Sätze aus J. S. Bachs E-Dur-Partita, gespielt von Arthur Grumiaux auf der "General Dupont".

Jetzt ist Zimmermann der berufene Erbe, diese legendäre Stradivari vom Himmel wieder auf die Erde zu holen.

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