Jacksons letzter Moonwalk: "This Is It" ist ein zwiespältiges Erlebnis
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 29.10.2009 - 10:15(RP). Michael Jackson ist jetzt in der Dokumentation "This Is It" weltweit in den Kinos zu erleben. Der Film zeigt den vor vier Monaten gestorbenen Künstler bei den Proben zu seiner Comeback-Show. Ein zwiespältiges Erlebnis.
Aus moralischer Sicht ist dieser Film eine verwerfliche Angelegenheit. Nur vier Monate nach dem Tod Michael Jacksons startete gestern die Dokumentation "This Is It" über die Proben zu den Comeback-Konzerten, die der Popstar in London in diesem und im nächsten Jahr geben wollte. Das ist eine zweistündige Collage von Aufnahmen, die Jackson hauptsächlich auf der Probebühne zeigen, manchmal auch dahinter. Die erwarteten Einnahmen aus der auf zwei Wochen begrenzten Spielzeit in den Kinos und den DVD-Verkäufen liegen bei einer Milliarde Dollar. Wäre Jackson wirklich in der O2-Arena aufgetreten, hätten die Beteiligten lediglich 100 Millionen eingenommen. Der Tod ist ein gutes Geschäft.
Man erlebt zwölf Songs, zum Teil weitgehend fertig choreografiert, zum Teil so gut wie gar nicht. Ein Kommentar fehlt, am Anfang heißt es lakonisch und wohlfeil: "Für die Fans". Der Künstler selbst war für seine Perfektion bekannt, er hätte das Material niemals freigegeben. Es zeigt, wie schwer erarbeitet die Tanzeinlagen und Gesangsparts waren, auch für ihn, wie langwierig das ihm in Ehrfurcht verbundene künstlerische Personal eingeführt werden musste und auch: wie er immer wieder scheitert. Zu sehen ist ein Mann, dessen Kopf mal wie ein Totenschädel anmutet, der eine Szene später viril und jugendlich wirkt, am jeweiligen Morgen vielleicht – oder doch mit einiger Sicherheit – nicht ohne chemische Hilfsmittel fit geworden ist und der sich doch engagiert für das, was er tut. Weil er offenbar daran glaubt, dass er die Schwerkraft überwinden und zum letzten Mal den Moonwalk tanzen kann.
Und damit ist man an dem Punkt, wo der Fan und Träumer im Kinogeher über den Moralisten siegt. Was für eine Show hätte das werden können! Allein das 3D-Video, das zur Aufführung des "Earth Song" auf einer Leinwand laufen sollte: Es zeigt ein Mädchen im Urwald auf der dramatischen Flucht vor einer Maschine, die Land rodet. Sie gräbt einen Sprössling aus, da taucht das dampfende Ungetüm hinter ihr auf und bricht mit Wumms auf die Bühne, wo der Song um die echte Planierraupe herum in den Schlussteil getanzt wird.
Die Gespräche Jacksons mit seinem Personal zeigen einen präsenten Künstler, der mit großer Sanftheit um jede Nuance kämpft. Er zeigt, wie sie tanzen sollen, wie die Gitarre zu heulen hat und wie man am Ende von "Beat it" fühlen muss, um das Lied angemessen ins Bild zu setzen. Immer wieder durchlaufen ihn zufällig diese magischen Bewegungen, sie fahren plötzlich in seine Füße und aus den Händen wieder heraus. Und am Ende gelingt ihm sein Tanz, der Moonwalk.
"This Is It" macht Jackson nicht zur Zirkusnummer. Auch von Heiligsprechung kann keine Rede sein. Der Film wischt über körperliche Gebrechen, über den Niedergang weg. Das war zu erwarten. Dass einen dieser kurzweilige Werkstatt-Bericht mit gemischten Gefühlen zurücklässt, hat aber einen anderen Grund. Auf der Leinwand ist ein Künstler zu sehen, der zur Wiederholung gezwungen ist, der die Kontrolle über sein Werk verloren hat. Nach dem Tod mehr als zuvor.
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