Neues Album: Tocotronic - sanfte Rebellion
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 31.05.2007 - 22:12Düsseldorf (RP). Das ist nicht bloß ein neues Lied, das ist ein Bericht zur Lage der Generation, das ist „Sag alles ab“ von Tocotronic. Seit den frühen 90er Jahren besorgt die Hamburger Band den Soundtrack zum Erwachsen der prekären Jugend. Ihre Titel „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, „Wir kommen, um uns zu beschweren“ und „Aber hier leben, nein danke“ benutzen Autoren gern als Motto für den ersten Roman, Regisseure motzen damit das Debüt am Stadttheater auf. Tocotronic sind Sprecher, Aus-der-Seele-Sprecher, und nun rufen sie die Klasse zum sanften Ungehorsam auf.
Der Song kommt als Zwei-Minuten-Punknummer daher, es geht direkt nach vorn, nichts mehr da vom Bombast des letzten Albums „Pure Vernunft darf niemals siegen“. Sänger Dirk von Lowtzow treibt den parolenhaften Text schmucklos und ohne Umweg in Hörers Hirnrinde. „Du musst nie wieder in die Schule gehen“, heißt es in „Sag alles ab“. „Die Bäume werden doch auch von selber grün / Frag nicht nach dem Zweck / Spreng deine Ketten / die Karriere macht mal Pause / Sag alles ab / geh einfach weg / lass die Maschine laufen.“ Das Lied, das zunächst nur im Internet auf www.myspace.com zu hören und auf einer auf 1500 Exemplare limitierten Vinyl-Single zu kaufen ist, bevor es am 22. Juni als CD erscheint und in der Woche darauf das Album folgt, ist rätselhaft und zugleich magnetisch.
Tocotronic besingen den Abgrund der Möglichkeiten, sie lassen einen sprechen, der nicht mehr annehmen will, sondern lieber vorzieht - vorzieht, etwas nicht zu tun. In dieser Haltung findet man Bartleby wieder, den Kopisten aus der gleichnamigen Erzählung des „Moby Dick“-Autors Herman Melville. Bartleby treibt seinen Chef zur Weißglut, indem er jeden Auftrag mit den Worten quittiert: „Ich würde vorziehen, es nicht zu tun.“ Der Chef weiß nicht, wie ihm geschieht, er weiß nur: „Nichts erbittert einen entschlossenen Menschen so sehr wie passiver Widerstand.“
Das Lied ist ein sehr schönes Stimmungsbild der Zeit. Es dokumentiert die Sehnsucht nach Innehalten, es lässt anklingen, dass man könnte, wenn man wollte, dass die Möglichkeit besteht, die eigene Nutzlosigkeit zu genießen - wider die Geschäftigkeit der anderen. Das Lied ist die reine Selbstvergewisserung.
Aber es ist eben auch Ausdruck eines In-der-Schwebe-Seins. Das Mögliche, die Wirklichkeit ist nur als Lichtspalt sichtbar in diesem trotz seiner Struktur nie rotzigen, sondern eher melancholischen Song. Ein Experiment ohne Wahrheit wird hier durchgespielt, ein Denkmodell, das so lange gültig ist, wie der ICE für die Strecke von Berlin zurück nach Hamburg benötigt. Die Jugend, sie ist sich selbst ein weißes Blatt.
Was bleibt, ist ein verflixt guter Popsong, eine Beschwörung der Freiheit und der eigenen gesellschaftlichen Potenz. Der Sprecher in diesem Lied und seine Adressaten sind sich einig: Wir können, ohne absolut zu wollen. Das stiftet Gemeinschaft, das verbindet, das ist die Kraft des rebellischen Posierens. Und eine Pointe hat das Ganze auch. Denn am Ende denkt man nicht mehr so sehr an Melville, sondern an Karl Valentin: „Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






