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Sportfreunde Stiller
"Über manche Songs schütteln wir selbst den Kopf"

Sportfreunde Stiller: "Über manche Songs schütteln wir selbst den Kopf"
Schrobenhausen's Finest: Florian Weber (42) ist studierter Sportwissenschaftler, Schlagzeuger der Sportfreunde Stiller und Autor zweier Romane. FOTO: dpa
Florian "Flo" Weber, der Schlagzeuger der Sportfreunde Stiller, über die Beinahe-Benennung der Band nach einem Fußballer vom Niederrhein, Kritik und Selbstkritik, Schabernack und den Verzicht darauf, Fernseher aus Hotelzimmern zu schmeißen. Von Tobias Jochheim

Das Telefon klingelt.

Hi, servus, hier ist der Flo von den Sportfreunden, und ich hasse Siezen.

Okay, dann gern per Du. Inzwischen gibt es Euch seit 21 Jahren, aber der Legende nach wolltet Ihr nur ein einziges Konzert spielen, danach die Instrumente zertrümmern und euch auflösen...

Das ist keine Legende, sondern die pure Wahrheit! Ich hatte Peter im Sportstudium kennengelernt und wir beide hatten Bock, eine Band zu gründen. Eines der Probleme war, dass wir beide Schlagzeuger waren. Per Münzwurf haben wir dann Peter zum Sänger und Gitarristen erkoren. Entsprechend geringe Überlebenschancen haben wir unserer Band eingeräumt, zumal wir nur fünf oder sechs Mal geprobt hatten. Also einigten wir uns darauf, ein Konzert zu spielen. Unter dem Namen "Endkrass". Wir wollten nur einmal sagen "Hi, wir sind endkrass" und rocken und fertig.

Nicht mal ganz heimlich habt Ihr davon geträumt, dass etwas aus Euch werden könnte?

Nein! Peter und unser erster Bassist Andi spielten gemeinsam in der Band "Vertical Orange Car Crash", und mit den beiden wollte ich bloß mal richtig Energie freisetzen, auf der Bühne des Jugendzentrums in Germering an diesem Februartag 1996. Wir fanden es extrem cool, uns danach sofort wieder aufzulösen.

Was kam dazwischen?

Eigentlich war es kein etwas, sondern ein jemand: Einer aus dem Publikum rief: "Nee, nee, kommt nicht in Frage – Ihr macht mal schön weiter!" Das war Marc Liebscher, unser Manager bis heute.

Was hat er in Euch gesehen?

Unsere Fähigkeiten waren jedenfalls mehr als überschaubar, wir wollten nur Spaß haben und losballern. Vielleicht war es die Kombination aus unserer Energie und kompletter Unbedarftheit, dem Verzicht auf jedes Konzept. Sieben Lieder haben wir gespielt. Eigentlich sogar weniger, denn von diesen sieben kann man manche kaum als Lieder bezeichnen; das war eher... Lärm! (lacht)

Haben von diesen Liedern welche überlebt?

Und ob! "Wunderbaren Jahren", unser erstes Lied überhaupt, war auf unserer ersten Platte 1996, unserem ersten echten Album 2000. Bis heute haben wir es auf jedem Konzert gespielt.

Wie viele hast du denn schon in den Knochen?

Bald steht das 1000. an! Dass uns die Leute auch nach 20 Jahren noch hören wollen und wir damit sogar unser Geld verdienen, ist ein wahnsinniges Privileg, für das wir wirklich dankbar sind. Damit verbunden sind so viele besondere Momente. Wir haben schon vor sieben Fans gespielt und dann später bei "Rock am Ring". 2006 standen wir neben Beckenbauer und Pélé, am Ende haben wir auf der Fanmeile mit der Nationalelf und 100.000 Fans zu "'54, '74, '90, 2010" den dritten Platz bei der Heim-WM gefeiert. 1998 waren wir auf Einladung des Goethe-Instituts in Usbekistan. Das war skurril, aber sensationell. Natürlich hat uns keiner verstanden, aber es war ganz deutlich zu spüren, wie Musik verbinden kann. Am Ende war der Rückflug überbucht, und wir mussten vier Tage auf den nächsten warten. Netterweise hat uns die Familie des deutschen Botschafters aufgenommen und durchgefüttert wie drei kleine Waisenkinder.

Eure Bekanntheit habt Ihr auch dem einzigartigen Namen zu verdanken. Wie kam es dazu?

Dass wir nicht auf Dauer "Endkrass" heißen wollten, war sofort nach dem ersten Konzert klar. "Bodden" war in der engeren Wahl, nach dem Stürmer Olaf Bodden bei Euch aus Kalkar am Niederrhein, der nach einer Station bei Mönchengladbach damals bei 1860 München spielte und es beinahe auch in die Nationalmannschaft geschafft hätte. Oder "Hennings Koffer", weil in einem unserer Lieblingsclubs dauernd dieser Koffer rumstand, von unserem Kumpel Henning.

Stattdessen dann "Stiller"...

...genau, als Hommage an unseren Fußballtrainer beim SV Germering, Hans Stiller. "Sportfreunde" kam unfreiwillig dazu, als uns eine Band aus Hamburg verklagte. Die hießen auch "Stiller", nach dem Roman von Max Frisch. Und zwar schon länger als wir. Da war es egal, dass wir einen Haufen Faxe präsentiert haben, um zu beweisen, dass Konzertveranstalter deutschlandweit uns als "Stiller" kannten. Am Ende mussten wir noch ein Wort davor oder dahinter setzen. Auf "Sportfreunde" kam, glaube ich, ein befreundeter Konzertveranstalter. So heißen ja auch Fußballclubs, "Sportfreunde Siegen" oder "Sportfreunde Lotte" – deshalb passte das perfekt auf uns Sportfreaks. Aber bitte ohne "s"! "Sportsfreunde" klingt immer so verniedlichend und nach Passivsportlern (lacht).

So gesehen könnt Ihr "Stiller" aus Hamburg ewig dankbar sein.

Sind wir definitiv! (lacht) Gehört haben wir aber nie wieder was von den Jungs. Konnten wir aber auch nicht. Sie haben sich kurze Zeit nach dem Rechtsstreit aufgelöst.

Ihr habt nach einem Jahr dafür euren Bassisten eingebüßt.

Ja, Andi Erhard hat im Frühjahr 1997 aufgehört – wir konnten ihn nicht mal überreden, das für den nächsten Abend geplante Konzert noch zu spielen. Er war ein toller Bassist und ist ein pfundiger Kerl...

...aber?

Aber er war einfach nicht gemacht für das Leben auf Tour mit uns – die langen Reisen und ungemütlichen Sofas, die dummen Sprüche und Besäufnisse. Er ist ein ruhiger, gemütlicher Typ. Er hat Germanistik studiert und promoviert, ich glaube, über mittelalterliche Minnegedichte.

Dass ihm eure Melodien und Texte zu platt, zu simpel waren, deckt sich mit einer oft an Euch geäußerten Kritik. Aber ihm war bei euch nicht zu wenig, sondern zu viel Rock'n' Roll im Spiel?

Naja, wir haben schon gesoffen, was reingepasst hat, und hatten lange ein Ritual, dass wir einmal nackt durch jede Stadt flitzen, in der wir spielen. Als Rock'n'Roller würde ich uns aber nie bezeichnen, wir haben eher unsere jugendliche Ader ausgelebt und Schabernack gemacht. Fernseher aus Hotelzimmern geschmissen haben wir jedenfalls nie.

Und mit jetzt Mitte 40 steigt die Lust darauf vermutlich auch nicht?

Genau. Wir haben inzwischen alle Familie, unser Fokus geht ganz woanders hin. Und obwohl Musik mehr ist als nur unser Beruf: Am Ende ist unsere Band nicht nur eine Band, sondern auch eine Firma.

Die ewige Kritik an Euch lautet: zu nett, zu brav, zu bieder.

Wir müssen nicht "das System" niederreden, sagen, dass alles scheiße wäre und alles brennen müsste. Wer die Augen und Ohren aufmacht, weiß natürlich, welche Missstände existieren. Wir können da sicher auch keine Lösungsansätze bieten, aber doch ein Gefühl der Hoffnung verbreiten: Vieles kann besser werden, wenn wir nur aufeinander hören, diskutieren und zusammenarbeiten. Wer uns mal live gesehen hat, weiß, dass wir von Bravheit trotzdem weit entfernt sind. Aber es wäre ja auch schlimm, wenn uns jeder gut fände. Wenn wir lustigerweise damit anecken, dass wir angeblich nicht anecken, dann soll es halt so sein.

Auch Euer Engagement für Flüchtlinge sehen manche kritisch – obwohl Ihr Euch auch für Obdachlose einsetzt, eine dieser Minderheiten, auf deren Kosten Flüchtlingshilfe laut vielen Rechten ja auch geht.

Minderheiten gegeneinander auszuspielen ist das Letzte. Was wäre denn aus Sicht dieser Leute das richtige Vorgehen? Überhaupt nicht helfen, niemandem? Viele Leute sind einfach gern missgünstig. Es heißt ja auch oft, Bono wolle sich mit seinen Charity-Aktionen nur ins Rampenlicht stellen. Ich sage: Wenn dabei Millionen Euro fürs Hilfsprojekte rumkommen, dann verdammt noch mal rein mit ihm in jedes Rampenlicht, das sich irgendwo auftut.

Zurück zur Musik: Was ist Euer Anspruch an Euch selbst?

In erster Linie machen wir Musik, die uns selbst berührt. Gerade beim neuen Album gab es keinen Plan. Vor allem unser "neuer" Bassist Rüde, der erst seit 19 Jahren dabei ist, und ich wollten neue Sachen ausprobieren. Die Reaktion ist zweigeteilt, wie so oft: Den einen sind unsere musikalischen Fähigkeiten immer noch zu schlecht. Ein anderer Fan hat sich neulich bitter beklagt: "Früher habt Ihr Lärm mit Melodien gemacht, der mich berührt hat – heute macht ihr gute Musik, die mich aber kalt lässt." Ähnlich ist es mit den Texten: Der eine will es ein bisschen verklausulierter, der andere bildhafter und deutlicher.

Viele bemängeln, Ihr würdet Euch nicht weiterentwickeln.

Das sehe ich anders. Wir haben sicher unseren Sound, aber ich empfinde es schon so, dass wir immer suchen und forschen. Wir könnten uns sogar vorstellen, dass das nächste Album eine Punk-Platte wird. Ich würde auch gern mal eine HipHop-Platte machen – aber damit stehe ich dann wirklich alleine da, die müsste ich wohl mit wem anders machen (lacht).

Wie bezeichnet Ihr denn eigentlich Eure Musik? Ist das noch Indie-Rock oder schon purer Pop?

Der Musikjournalist Ingo Schmoll hat mal gesagt, wir hätten ein eigenes Etikett verdient, eben "Sportfreunde". Das finde ich ein wunderbares Kompliment. An mir selbst merke ich aber auch, wie man toleranter wird. Früher war ich eigentlich komplett auf Indie, Grunge und Hardcore fixiert und habe nichts anderes gelten lassen. Aber auch die "Beastie Boys" begleiten mich seit meiner Kindheit, Peter hat mich mit seiner Begeisterung für Britpop angesteckt. Mein älterer Bruder ist Jazzmusiker, aber Jazz wurde mir als Schlagzeuger zu kompliziert (lacht), deshalb bin ich davon wieder etwas abgerückt. Stattdessen entdecke ich eben mein Faible für HipHop.

Wie äußert sich das?

Das beste Album des Jahres stammt für mich von einer Band namens "Dicht & ergreifend" – Mundart-Rap aus Niederbayern, kombiniert mit Blasmusik. Viel Schmarrn und Schabernack, aber die Jungs haben auch eine ganz feine politische Nase. Kann ich jedem nur empfehlen – im Booklet stehen die Texte auch auf Hochdeutsch! Fatoni ist super. Ansonsten hoffe ich, dass Dendemann endlich mal ein neues Album macht. Blumentopf haben sich ja leider aufgelöst. Obwohl sie wir wir aus München kommen, haben wir die komischerweise erst sehr spät kennengelernt. Aber dann haben wir uns direkt so gut verstanden, dass wir vier Tage lang zusammen gejammt haben. Vielleicht bekommt man die da entstandenen Lieder ja mal irgendwann zu hören, wer weiß...

Gibt es Songs, für die Ihr Euch im Nachhinein schämt?

Absolut! Es vergehen keine drei Monate nach Veröffentlichung eines Albums, bis man denkt: "Oh-oh... Da wollten wir wohl einfach zu schnell fertig werden." Natürlich schüttelt man da im Nachhinein schonmal den Kopf. Oft gerade bei den Songs, bei denen man nackt durchs Studio gehüpft ist. Da war dann offensichtlich doch zu viel, äh... Orangensaft im Spiel. Aber auch das gehört doch zum Leben! Wer nichts ausprobiert, kann sich auch zuhause einschließen. Aber live spielen wir solche Songs dann eben nicht, deshalb fällt das zum Glück nicht so sehr ins Gewicht.

Auf Konzerten sind ohnehin vor allem die älteren Songs beliebt...

Definitiv. Es ist immer ein Kampf: Man will ja möglichst viele Lieder vom jeweils neuesten Album spielen. Aber "Wellenreiten", "Heimatlied", unser Erstling "Wunderbaren Jahren" und natürlich "Ein Kompliment" sind für unsere Fans echte Monumente. Als wir zwischenzeitlich "7 Tage, 7 Nächte" von der Setlist geschmissen hatten, haben wir selbst es sehr schnell vermisst. Aber auch das Neue wird ja zwangsläufig irgendwann mal zum Alten. Vielleicht sollten wir mal eine komplette Tour für Hardcore-Fans spielen, nur mir B-Seiten wie "Antigone" oder "Telemark" (lacht).

Welchem Gefühl spürt Ihr vor allem nach?

Es geht uns immer um das Verbindende. Bei den aktuellen Konzerten spannt sich eine Lichterkette über die Bühne, über dem Publikum hängen Lampions. Ohne die Leute gäbe es uns nicht. Und ohne uns hätte der eine oder andere vielleicht ein kleines bisschen weniger Leidenschaft oder Hoffnung.

 
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