Grace Jones' neues Album nach 19 Jahren: Verflixt gut gemacht
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 07.11.2008 - 11:00Düsseldorf (RP). Nach 19 Jahren hat die Sängerin wieder ein Album eingespielt. „Hurricane“ gehört zum Besten, was die 60-Jährige produziert hat. Die neuen Songs spielen mit dem Image der ehemaligen Warhol-Muse und Schauspielerin: „männermordendes Partygirl“.
Sie reitet auf einem Ungeheuer zurück in die Arena. Mit einem Dröhnen beginnt die neue Single von Grace Jones, es schwillt an, und spät, ganz spät beginnt ein Bass zu wüten, der so wuchtig ist und mächtig, dass es unheimlich wird. Quietschende Gitarren kitzeln dieses Ungetüm, aber kurz bevor es außer Kontrolle gerät und um sich zu beißen beginnt, tritt die Herrin auf, die Erfinderin dieses Sound-Zirkus.
Grace Jones’ Stimme zischt wie eine Peitsche durch den Song mit dem Titel „Corporate Cannibal“. Im Kommando-Ton verkündet sie: „Ich bin eine Menschen fressende Maschine.“ Man denkt: Das ist aber verflixt gut gemacht. Wie früher. Nur mit mehr Selbstironie. Sie ist zurück. Und sie hat sich kaum verändert.
Zeitlose Songs
Um es gleich zu sagen: „Hurricane“, das erste Album der Warhol-Muse, Sängerin, des Models, Mannweibs, Anti-Bondgirls, der Skandal-Nudel und des Party-Hasen seit 19 Jahren ist umwerfend, zum Niederknien. Grace Jones und ihr Produzententeam haben nicht den Fehler gemacht, eine moderne Platte einzuspielen, einfach die Musik der Gegenwart unter eine bekannte Stimme zu mischen.
Die Songs klingen zeitlos. Ein bisschen Elektronik haben sie benutzt, um den Klang wuchtiger zu machen, und ein paar düstere Beats. Ansonsten dominieren Reggae-Muster, weite Synthesizerflächen, eine gut geschmierte Rhythmusmaschine, die das Ganze vorantreibt und, na klar, das Organ der Jones. Ihr Sprechgesang ist tiefer geworden, abgründiger, aufregender.
Aus einer anderen Zeit
Grace Jones kommt aus einer anderen Zeit, umso erstaunlicher ist ihr Comeback. Sie wurde vor 60 Jahren auf Jamaika geboren, und sie zog mit den Eltern früh nach Amerika. Schule, das war nichts für sie, Störungen im Sozialverhalten notierten die Lehrer in ihr Zeugnis, da ging sie lieber schauspielern, in New York. Sie übernahm tagsüber ein paar Rollen in drittklassigen Filmen, und sie wurde nachts zum Star in den Discos der Stadt. Studio 54, Les Mouches, diese legendären Läden, die für Außenstehende etwas von Sodom und Gomorrha hatten, waren ihr Zuhause. Andy Warhol hatte sie gern um sich, sie modelte, und weil ihren maskulinen Leopardenkörper niemand buchen mochte, ging sie nach Paris.
Dort bildete sie ein Duo infernale mit Jerry Hall, Mannequin und spätere Gattin von Mick Jagger. Die beiden tanzten nach den Schauen von Yves Saint-Laurent und Claude Montana auf den Tischen, gaben sich hin und sangen auch mal. Und weil so was schnell ging damals, spielte man mit Jones eine Platte ein – der Titel war ganz auf sie zugeschnitten: „I need a man“.
Daheim in New York wurde das ein Hit, und Grace Jones war fortan hauptberuflich Sängerin – eine, die erst mal kaum jemand ernst nahm. Aber Jones hat ein Gespür dafür, was gut für sie ist. Sie versammelte die besten Produzenten um sich, und 1981 erschien ihr Meisterwerk: „Nightclubbing“, von den Reggae-Königen Sly & Robbie auf Jamaika komponiert, bietet Hits wie „Walking in the rain“ und „Pull up to the bumper“. Es ist Pop und New Wave und etwas Eigenes, es ist amazing Grace, und es ist eines der besten Alben der 80er Jahre.
Killer-Lady May Day
Es folgte die Zeit ihrer größten Popularität. Citroen produzierte den Werbespot, in dem ein Auto ihren Kopf als Garage benutzt. Und „Slave to the Rhythm“ erschien, ihr anderes großes Album, das wie eine Audio-Biografie funktioniert und das Titelstück in acht verschiedenen Versionen darreicht.
„Hurricane“ ist qualitativ ähnlich hochwertig. Außer den alten Gefährten Sly & Robbie kümmerte sich Roxy-Music-Gründer und U2-Produzent Brian Eno um die Musik.
Sie haben das Werk auf den Superstar zugeschnitten, und sie spielen mit dem Image der Jones. Mit ihrem Auftritt neben Arnold Schwarzenegger in „Conan, der Zerstörer“.
Mit der Killer-Lady May Day, die sie 1985 im James-Bond-Film „Im Angesicht des Todes“ spielte. Mit all den Geschichten von Exzess, Divenhaftigkeit und Drogenrausch. Die neue Platte kreist wie die besten der alten um ein Thema: Grace Jones. Und weil sie nicht nur Sängerin ist oder Interpretin, sondern eine Performerin, kann man sich nicht satt hören an diesen Liebesliedern, die sie ausschließlich an sich selber richtet.
Grace Jones beherrscht die Kunst der dramatischen Erzählung. Ihr aktuelles Werk funktioniert wie die Schlussszene eines alten Films: eine Party, sehr spät in der Nacht, alle sind schon gegangen, nur eine Person tanzt noch unter den Kronleuchtern, sie lacht ein bisschen zu laut. Es ist Grace Jones.
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