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Spotify, Tidal und iTunes
Wandel durch Streaming

Spotify, Tidal und iTunes: Wandel durch Streaming
FOTO: YouTube
Seit gut einem Jahr werden in den Offiziellen Deutschen Single-Charts auch Streaming-Dienste berücksichtigt. Der Blick auf das Ranking zeigt: Der digitale Markt verändert die Musikwelt nachhaltig. Aber es gibt noch Ausnahmen. Von Ludwig Krause

"Carlo Cokxxx Nutten 3" hat es geschafft. Das sechste Nummer-Eins-Album von Bushido kletterte Ende Februar nicht nur sofort an die Spitze der Offiziellen Deutschen Album-Charts. Der Rapper brachte mit der Platte auch ein Kunststück fertig, das auf dem nationalen Musikmarkt seinesgleichen suchen dürfte: Gleich zwölf der 16 Lieder stiegen in die Top 100 der Single-Charts ein.

Was bis vor kurzem noch undenkbar gewesen wäre, macht heute der digitale Markt möglich. Wandel durch Download und Streaming: Wer in den Top 100 der Deutschen Single-Charts auftaucht, muss längst keine Single mehr in den Handel gebracht haben. "Der Markt hat sich stark verändert und wir haben uns angepasst", sagt Hans Schmucker, Sprecher der Gesellschaft für Konsumforschung (GFK), die in Deutschland für die offizielle Erhebung der Charts verantwortlich ist.

Hintergrund: Das ist der Musikdienst Spotify FOTO: Spotify

Seit gut einem Jahr bezieht die GFK in ihre Single-Charts auch Streaming-Portale mit ein. "Allerdings nur Titel aus Premium-Angeboten ab einer Spieldauer von 30 Sekunden", erklärt Schmucker. Will heißen: das werbefinanzierte Angebot von Spotify bleibt noch außen vor. Wer sich aber ein komplettes Album bei einem kostenpflichtigen Streaming-Dienst anhört, treibt jedes der einzelnen Lieder ein Stückchen weiter nach oben in den Single-Charts.

Streaming ist der maßgebliche Trend

Noch bleiben Fälle wie der von Bushido Ausreißer, aber der digitale Markt wächst. Die Internet-Verkäufe machten im Jahr 2014 bereits 25 Prozent des Gesamtumsatzes aus, acht Prozent davon entfielen auf Streaming-Kunden. "Das Musikstreaming zählt derzeit zu den maßgeblichen Trends der Musiknutzung", sagt Hans Schmucker. "Um dieser wachsenden Bedeutung gerecht zu werden, wurde auch das Streaming in die Wertung der Top 100 Single-Charts miteingeschlossen."

Noch radikaler verfährt man auf dem wichtigsten Plattenmarkt der Welt: den USA. Die renommierten amerikanischen Billboard-Charts beziehen seit dem vergangenen Jahr auch sämtliche werbefinanzierten Streaming-Dienste mit ein. Dort werden Streams, Downloads und physische Verkäufe aber miteinander verrechnet: Ein gekauftes Album entspricht zehn Downloads oder 1500 Streams.

Druck auf Künstler wächst

Das Umdenken bei den Prestige beladenen Charts setzt zunehmend auch die Künstler unter Druck, die sich bisher geweigert haben, ihre Lieder auf den Streaming-Portalen zur Verfügung zu stellen. Pop-Sängerin Taylor Swift hatte Ende vergangenen Jahres unter großer medialer Beachtung Diensten wie Spotify den Rücken gekehrt. Wohl auch unter dem Eindruck ihres Erfolgs: Schließlich hat keine Musikerin weltweit mehr Verkäufe im Jahr 2014 erzielt als die 25-Jährige.

Doch die Abstinenz der Sängerin hielt nicht lange: Vor wenigen Tagen wurde – unter ähnlich großer medialer Beachtung – bekannt, dass die Lieder von Swift wieder gestreamt werden können: auf dem Portal ihres Kollegen Jay Z. Das trägt den Namen Tidal, ist mit 500.000 Nutzern am Anfang dieser Woche eher ein kleines Licht in der Branche, würde aber in Deutschland als kostenpflichtiger Premium-Dienst gelten.

Von der geänderten Zählweise der amerikanischen Charts profitieren laut Billboard übrigens Künstler wie Maroon 5, Ariana Grande und Hozier. Deren Streaming- und Download-Zahlen übersteigen die der CD-Verkäufe deutlich. So weit möchte man es in Deutschland aber nicht kommen lassen, wie die GFK betont. "Ausschlaggebend für eine Platzierung in den Offiziellen Deutschen Single-Charts ist der erzielte Umsatz. Aus diesem Grund werden nur die Premium-Dienste gezählt", sagt Sprecher Schmucker. Die USA sind neben Norwegen und Schweden – dem Heimatland von Spotify – bisher das einzige Land, das auch kostenfreie Dienste berücksichtigt.

Auch kostenfreie Streams werden gezählt

Die werden von der GFK hierzulande in gesonderten Charts erfasst, den Deutschen Streaming-Charts. Der Vergleich mit den Single-Charts zeigt, dass das Nutzungsverhalten im Internet ein deutlich anderes ist als das der Kunden im Laden. Ein Blick auf die Rankings der Kalenderwoche 12/2015 zeigt: Kein einziges Lied der aktuellen Top 10 Single-Charts bekleidet denselben Platz in den Streaming-Charts. Drei Stücke der Top 10 Single-Charts tauchen bei den zehn am meisten gestreamten Liedern nicht einmal auf.

Zu den prominentesten Streaming-Verweigerern in Deutschland gehören Die Ärzte und Die Toten Hosen. Titel, die Ärzte-Schlagzeuger Bela B. unter eigenem Namen veröffentlicht, lassen sich bei Spotify und Co. jedoch finden. Gleiches gilt für das Musikprojekt "Band Aid 30", deren deutsche Variante von Hosen-Frontmann Campino ins Leben gerufen wurde.

Eines dürfte dabei jetzt schon feststehen: In einigen Monaten, pünktlich zur Winterzeit, werden auch in diesem Jahr wieder alte Weihnachts-Kamellen in den Top 100 Single-Charts auftauchen. Ohne dass eine Single davon im Laden verkauft wurde. "Von der veränderten Zählweise bei den Single-Charts profitieren Künstler und Musikfans gleichermaßen. Welche Genres und Künstler im Einzelnen erfolgreich sind, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab", sagt GFK-Sprecher Schmucker. "Der Markt ist deutlich breiter geworden."  

Dem Geschäft ist dabei ein Teil des magischen Feenstaubs verloren gegangen. Musik-Romantikern graut es bereits: Die Zeit, in denen die Album-Auskopplung des Lieblingskünstlers im Laden vergriffen ist und Fans über darauf enthaltene Bonustracks diskutierten, dürfte langsam aber sicher zu Ende gehen.

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