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Eurovision Song Contest 2008: Was wir aus dem Desaster von Belgrad lernen können

zuletzt aktualisiert: 25.05.2008 - 17:31

Belgrad (RPO). Die "No Angels" erschienen in der Nacht gezwungen fröhlich zum Interview. "Don't worry, be happy", trällerten sie nach der Show in die Kamera. Nicht ärgern, fröhlich bleiben. Die Antwort des Verlierers nach einem bemerkenswerten Eurovision Song Contest.

Der Gewinner in Belgrad heißt Russland. Und ausnahmsweise sogar zu recht. „Believe“ von Dima Bilan könnte nach vielen Jahren der erste Eurovisions-Sieger sein, den man auch eine Woche nach dem Song Contest noch im Radio hört. Respekt. Der Sänger - ein kleiner Enrique Iglesias – barfuß, muskulöser Oberkörper, offenes weißes Hemd, dass er natürlich während des Songs aufreißt. Und er ist nicht unbekannt: Bilan ist in Russland ein Superstar und hat es immerhin schon einmal in die deutschen Charts geschafft. Geigen als Begleitung hatten viele, aber nur Russland eine echte Stradivari von 1697. Und: Der Tänzer auf dem Bühne ist nicht irgendwer, sondern der weltbeste Eiskunstläufer. Das neue selbstbewusste Russland weiß, wie man Eindruck macht.

Man mag es kaum schreiben: Ausgerechnet Ralf Siegel hat ein bisschen Recht. Der Eurovision-Veteran bewunderte die „neue Musikkraft im Osten Europas“. Der Song Contest hat dadurch an Seriösität zurück gewonnen. Diesmal.

Doch was lernen wir aus dem Abend, der für Deutschland zur Schmach wurde und für Russland zum Triumph?

Erstens: Eine Windmaschine als das wichtigste Instrument der Bühnenshow ist zu wenig, zwei sind nicht besser, sondern schlechter.

Zweitens: Sängerinnen gewinnen nicht dadurch, dass ihre Kleider zwanzig Zentimeter oberhalb des Knies enden.

Drittens: Osteuropäer haben mehr Mut zur eigenen Sprache. Selbst die Franzosen versuchten sich erstmals mit einem englischen Lied.

Viertens: Schwarz und weiß sind noch immer die beliebtesten Farben auf der Grand Prix-Bühne.

Fünftens: Diesmal trägt keine osteuropäische Verschwörung die Schuld am Abschneiden Deutschlands.

Sechstens: Für Männer ist der Anzug immer noch ein Muss auf der Bühne. Wer keinen Anzug trägt, braucht kräftige Oberarme und zusätzlich am besten Six-Packs.

Siebtens: Weder das Recyceln erfolgreicher Sängerinnen (Schweden) noch die Wiedergeburt alter Ohrwürmer garantieren viele Punkte.

Achtens: In Deutschland ist das Interesse an serbischer, türkischer und griechischer Musik größer als erwartet. Diesen Ländern geben wir die meisten Punkte.

Neuntens: Was viele Punkte bringt, weiß niemand wirklich genau.

Zehntens: Deutschland bleibt musikalisches Entwicklungsland. Unser Quartett „No Angels“ zeigte sich nur bei der Kleiderlänge als international tauglich.

Elftens: Die Realität ist hart, aber wir sollten ihr ins Gesicht blicken: Keiner mag uns mehr. Nicht einmal die Schweizer hatten mehr als zwei Punkte für Deutschland übrig. Wäre Lucy nicht auch ein Star in Bulgarien, hätte sich Deutschland ganz alleine auf dem letzten Platz einrichten müssen.

Zwölftens: Vielleicht würde ein Deutscher Beitrag mehr Erfolg bringen, wenn wir uns eine Band zusammencasten, die aus osteuropäischen Landsmännern besteht. Denn das Konzept ging schon 1999 ganz gut auf, als die Band "Sürpriz" mit dem deutsch-türkischen Song "Reise nach Jerusalem" den dritten Platz nach Deutschland holte. Um ganz sicher zu gehen, sollten am besten gleich die Europäer über den deutschen Beitrag abstimmen.

Das Ergebnis wird nicht schlechter sein als der Versuch mit unserem eigenen Geschmack oder nach musikalischen Kriterien zu nominieren.


 
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