Neue Platte von Tocotronic: Wenn das Ich schmunzelt
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 22.01.2010 - 07:47(RP). Über Tocotronic zu reden macht selten Spaß. Die Band löst in vielen Menschen ein Bedürfnis nach Wichtigtuerei aus, es fallen Worte wie Diskurs und Generation, und schon beginnt das Spiel mit dem Namen Oberseminar. Man kann das just wieder beobachten.
Über die neue Platte "Schall und Wahn" schreibt ein Musikmagazin, sie widerspreche "der optimistischen Deutung, das Ich könne sich in der durchindividualisierten Warenwelt verwirklichen". Das hört sich an, als müsse man vorm Hören erst mal den Bleistift spitzen.
Muss man aber gar nicht. "Schall und Wahn" ist ein heiteres Album, das zum Besten gehört, was das Quartett produziert hat. Es macht verhalten euphorisch. Da gibt es wunderbare Textzeilen, die aufs T-Shirt gehören – "Von heute an leben wir ewig" etwa. Bei vier Songs bekommt Sänger Dirk von Lowtzow weibliche Unterstützung, was ganz herrlich klingt, und die übrigens auch sehr hörenswerte Band Ja König Ja hat mondäne Streicherpassagen arrangiert. Die Gitarren tanzen mitunter Polka, brüllen aber auch mal rum. Das ist sicher die musikalisch vielfältigste Platte der wichtigsten deutschsprachigen Band.
In den Texten geht es wieder um Freud und Leid ausgedehnter Adoleszenz, den Streit zwischen Höflichseinmüssen und Aufbegehrenwollen. "In mir strahlt das ewige Licht, doch dahinter gibt es nichts", heißt es. Und, schön gaga: "Wer zu viel selber macht, wird schließlich dumm, ausgenommen Selbstbefriedigung". Da schmunzelt sogar das Ich.
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