Ex-"Kraftwerk"-Mitglied Michael Rother: "Wir hatten eine Vision"
VON PHILIPP HOLSTEIN FÜHRTE DAS INTERVIEW - zuletzt aktualisiert: 31.07.2009 - 07:38Düsseldorf (RP). Michael Rother, Gitarrist und ehemaliges Mitglied der Bands Kraftwerk, Harmonia und Neu!, erzählt im Interview über seine Zeit in Düsseldorf, die Renaissance der Musik aus den 70er Jahren und seine gescheiterte Zusammenarbeit mit David Bowie.
Michael Rother wurde 1977 zum Star. Damals veröffentlichte er sein Album „Flammende Herzen”, auf dem der 1950 geborene Musiker sphärische Elektronikflächen und hypnotische Gitarrenschleifen auslegte. In kurzer Zeit verkaufte sich die Platte 150.000 Mal.
Rother hat eine reiche musikalische Biografie vorzuweisen hat, die in Düsseldorf beginnt. Er war 1971 Mitglied von Kraftwerk, gründete die Gruppen Neu! und Harmonia, die die Popmusik revolutionierten.
Diese Bands und ihre Musik aus Psychedelik, Elektronik, Jazz und Rock erleben derzeit eine Renaissance unter der Rubrik „Krautrock”. Derzeit bereitet Rother, der im Weserbergland lebt, mit Herbert Grönemeyer die Neuausgabe von Aufnahmen von Harmonia und Brian Eno aus dem Jahr 1976 vor.
Herr Rother, ganz schön schwer, Sie ans Telefon zu bekommen. Es ist immer besetzt.
Rother Ja, unglaublich. Ständig rufen Leute an, um über die alten Zeiten zu sprechen, über meine Bands Kraftwerk, Neu! und Harmonia. Aus England, Australien und Japan kommen die Anrufe. So viele Artikel über Harmonia wie im vergangenen Jahr sind in den 30 Jahren zuvor nicht erschienen.
Heutige Musiker nennen Sie als Referenz, es erscheinen Tribute-Sampler und Neuausgaben ihrer Platten. In Kürze bringt Herbert Grönemeyer Aufnahmen ihrer Band Harmonia mit Brian Eno von 1976 heraus. Wie erklären Sie sich den späten Erfolg dieser Musik aus den 70ern?
Rother Zum einen durch das Internet. Die Musik ist einfach leichter verfügbar, man muss sie nicht in entlegenen Läden suchen. Zum anderen ist das die kulturelle Entwicklung. Viele Bands, die etwa den Sound von Neu! aufgegriffen haben, beeinflussen junge Künstler. So wird das Interesse weitergetragen.
Sie revolutionierten die Musik von Düsseldorf aus.
Rother Mein Vater war Manager bei der Lufthansa, er wurde oft versetzt: England, Pakistan, München. 1963 kamen wir nach Düsseldorf. Zwei Jahre später starb mein Vater, und wir blieben dort. Ich spielte Gitarre in der Schülerband Spirits of Sound, zu der später auch Wolfgang Riechmann und Wolfgang Flür stießen. Wir coverten Beatles und Kinks, und ich entdeckte meine Neigung zu Melodien.
Nach dem Abitur am Rethel-Gymnasium leisteten Sie Ihren Zivildienst in Neuss.
Rother In der Psychiatrie des Alexius-Krankenhauses in Neuss. Das war die Zeit, da ich zu Kraftwerk stieß.
Wie ergab sich das?
Rother Es war Zufall. Ich beteiligte mich an einer Demonstration auf dem Jan-Wellem-Platz. Ehrlich gesagt: Ich weiß gar nicht mehr, gegen was wir demonstrierten. Danach fragte mich ein Zivi-Kollege, ob ich Lust hätte, ihn auf ein Konzert zu begleiten. Wir gingen in die Mintropstraße, in die heutigen Kling-Klang-Studios. Dort griff ich kurzerhand zum Bass und jamte mit Ralf Hütter. Es war eine wegweisende Erfahrung, selten habe ich bei jemandem solche Ähnlichkeiten in der harmonisch-melodiösen Ausrichtung bemerkt. Das haben auch Klaus Dinger und Florian Schneider so gesehen, die einen Raum weiter saßen. Wir tauschten Telefonnummern aus, und dann ging alles seinen Gang.
Wie war das damals in Düsseldorf?
Rother Es war 1971, Kraftwerk hatte gerade das erste Album veröffentlicht. Es deutete sich an, dass die jungen Leute ein Ohr hatten für diese Art von Musik. Bei einem Auftritt im Forum in Leverkusen kamen bereits 1000 Leute. Damals passierte so viel, vor allem rund um die Kunsthalle, wo wir bei Performances auftraten. Es war eine Zeit des Aufbruchs, auch im Hinblick auf die Ästhetik.
Warum gründeten Sie mit Klaus Dinger das Duo Neu! Sie waren doch beide bei Kraftwerk.
Rother Ein Automatismus. Wir scheiterten bei den Aufnahmen zum zweiten Kraftwerk-Album. Im Studio ließ sich diese intuitive Musik einfach nicht entwickeln, Die Atmosphäre war zu kühl. Außerdem gab es Spannungen zwischen Klaus und Florian. Ralf Hütter war damals vorübergehend ausgestiegen. Und auch ich stand im Widerspruch zu den anderen. Klaus und ich hatten immerhin eine gemeinsame musikalische Vision.
Wie sah die aus?
Rother Einfach spielen. Nach vorne streben, sich am Horizont ausrichten. Nicht gucken, was links und rechts ist. Sich nicht bremsen lassen. Durch alle Mauern. Grenzen sprengen. Fliegen.
Das erste Album von Neu! erschin bereits 1972.
Rother In Zusammenarbeit mit Conny Plank. Den hatten wir bei Kraftwerk kennengelernt. Wir finanzierten die Platte aus eigener Tasche, produzierten erstmal und boten sie dann erst der Plattenfirma an.
Brain Records. Die Platte ist ein Meilenstein.
Rother Wir haben uns nie über theoretische Aspekte der Musik unterhalten. Klaus formte am Schlagzeug die rhythmische und dynamische Grundfigur, ich schmückte sie mit Farben aus. Das war meine Aufgabe an der Gitarre. Ich war von Musik aus Pakistan inspiriert, die auf Unendlichkeit ausgelegt ist, von Wiederholungen lebt. Aber wir haben uns nicht hingesetzt und gesagt: Wir machen jetzt eine ganz neue Musik. Es war eine Magie, die sich durch Zufall ergab. Auf einmal hatte ich ein Feedback auf dem Instrument, mit dem ich die Töne lang wie Fäden ziehen konnte. Conny Plank ließ die Aufnahmen rückwärts laufen, es ergab sich einfach.
War Ihre Musik in der Stadt präsent?
Rother Das erste Neu!-Album war ein großer Erfolg. In der Düsseldorfer Altstadt hörte man die Titel „Negativland” und „Hallogallo” in jeder Disco. Die Platte stand in den Fenstern der Läden.
Trotzdem traten Sie selten damit auf.
Rother Unser erster Auftritt war bei einem Festival in Essen. Ich hatte Tonspuren im Studio vorbereitet und spielte sie live ein. Eine frühe Form des Sampling. Aber das Publikum reagierte irritiert, konnte damit nichts anfangen. Und ich vermisste die Mehrspur-Technik, die wir im Studio anwandten. Da ich bereits damals relativ klare Vorstellungen von der Musik hatte, die unter meinem Namen erscheinen soll, gaben wir im November 1972 unser letztes Konzert.
Wo?
Rother In der Messehalle in Düsseldorf. Bei den Jusos für Willy Brandt. Dorthin kam übrigens ein Mitarbeiter der Firma United Artists, der uns für eine Tour in England buchen wollte.
Daraus wurde nichts.
Rother Nein, aber das wussten wir zunächst nicht. Erstmal suchte ich noch nach geeigneten Live-Musikern für diese Konzerte. Ich hatte kurz zuvor Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius von Cluster kennengelernt, die schienen passend und wurden ebenfalls von Conny Plank produziert. Das Stück „Im Süden” vom Album „Cluster II” bot mehrere Übereinstimmungen mit unserer Musik. Es basiert auf vier Tönen, die harmonische Grundidee war ähnlich. Also besuchte ich die beiden Ostern ‘73 im Weserbergland.
Und zwar in eben jenem Haus in Forst aus dem 16. Jahrhundert, das sie heute bewohnen.
Rother Ich habe mich sofort in die Landschaft verliebt und auch in die Musik der beiden. Ich schloss mich Cluster an, wir nannten uns fortan Harmonia. Unsere Musik war vollwertig, experimentel.
Aber mit Neu! produzierten Sie weiter. Und mit „Für immer” gelang Ihnen ein weiteres maßgebliches Stück Musik.
Rother In Wirklichkeit war ich mit dem Album „Neu! 2” nicht glücklich. Die Auffassungen von mir und Klaus wurden unterschiedlicher. Ich sage es mal so: Er hatte eine größere musikalische Skrupellosigkeit. „Für immer” ist ein gutes Stück, ja. Aber es fehlt ihm die Magie. Wir sind bei den Aufnahmen einfach nicht damit klar gekommen, dass uns die doppelte Spurzahl zur Verfügung stand. Wir verzettelten uns, drohten die gebuchte Zeit im Studio zu überziehen. Also füllten wir die zweite Seite der LP mit Manipulationen an Plattenspielern und Cassettenrekordern auf.
Heute gilt Ihr Vorgehen als visionär.
Rother Die Kritiker damals sahen das anders. Ihre Reaktionen waren vernichtend. Erstaunlicherweise verkaufte sich die Platte dennoch gut. Zu der Zeit habe ich begriffen: Du darfst dich weder durch Lob noch durch Tadel vom Weg abringen lassen.
Ihr Herz hing aber längst am ländlichen Projekt Harmonia.
Rother Ja. Harmonia war friedlicher, freundlicher, abstrakter. Neu! war mir zum damaligen Zeitpunkt musikalisch zu dünn. Trotzdem machten wir mit „Neu! 75” ein weiteres Album, weil der Vertrag mit Brain es vorsah. Harmonia war dann 1976 am Ende. Wir hatten nie so viel Aufmerksamkeit bekommen wie Neu! und scheiterten ökonomiisch.
Sie begannen, unter eigenem Namen zu musizieren.
Rother Jedes Harmonia-Mitglied machte Solo-Projekte mit Conny Plank. Ich hatte zuhause ein Vier-Spur-Gerät, mit dem ich experimentierte. Mit den Stücken bin ich zu Jacki Liebezeit gefahren, dem Drummer von Can. Wir spielten 1977 „Flammende Herzen” ein, auf eigenes Risiko.
Die LP wurde einer ihrer größten Erfolge.
Rother Die Plattenfirmen glaubten daran aber nicht und lehnten reihenweise ab. Erst Sky Records sprang an, das vom ehemaligen Brain-Mitarbeiter Günter Körber gegründet worden war. Die drei LPs „Flammende Herzen”, „Sterntaler” und „Katzenmusik” verkauften such rund 250.000 Mal.
In den Jahren danach erschien immer mal wieder ein Album von Ihnen.
Rother Ich war immer ausschließlich Musiker. Durch die große Popularität von „Flammende Herzen” hatte ich hohe Einnahmen. Davon richtete ich mir in Forst ein Tonstudio ein. Ich habe auch Musik fürs Theater gemacht.
Haben Sie den Aufstieg von Kraftwerk und das neue, ebefalls erfolgreich Projekt von Klaus Dinger, La Düsseldorf, verfolgt?
Rother Ja, sicher. Das Konzept Mensch-Maschine beeindruckte mich durch seine Klarheit. Und zu Zeiten von „Autobahn” rief Florian Schneider noch einmal an und fragte, ob ich mich Kraftwerk für die anstehende Tournee in den USA anschließen wolle. Aber ich war so sehr mit eigenen Projekten beschäftigt, dass ich absagte.
Haben Sie heute noch Kontakt zu Kraftwerk.
Rother Eher nicht. Florian Schneider begann in den 70ern, sich zurückzuziehen. Das Leben als Roboter ist anstrengend. Wolfgang Flür und Karl Bartos, die späteren und inzwischen ebenfalls ausgestiegenen Kraftwerk-Mitglieder, haben sich kürzlich über meine Myspace-Seite bei mir gemeldet.
Sie hatten mal ein Angebot von David Bowie. Über das Nichtzustandekommen der Kooperation gibt es viel Gerüchte. Welche ist wahr?
Rother Brian Eno, Bowies Produzent, besuchte Harmonia im Herbst 1976 im Weserbergland. Die Stücke, die wir damals produzierten, erscheinen nun unter dem Titel „Tracks and Traces” bei Grönland. Er fuhr danach direkt weiter zu Bowie, um „Heroes” aufzunehmen. Kurz danach klingelte das Telefon. Eine Mitarbeiterin von Bowie fragte mich, ob ich Lust hätte, an seinem neuen Album mitzuarbeiten. Ich sagte ja, bat aber darum Bowie möge sich persönlich melden. Am nächsten Morgen rief er tatsächlich an. Wir verstanden uns gut, und ich sagte zu. Kurz danach rief ein Manager an und sagte, Bowie habe es sich anders überlegt, es werde keine Zusammenarbeit geben. 2001 las ich dann in einem Interview mit Bowie eine Bemerkung über meine Absage. Ich nahm sofort Kontakt auf, wollte alles klarstellen. Dabei ergab sich, dass seine Plattenfirma wegen einbrechender Verkaufszahlen befürchtet hatte, Bowies Sound werde noch experimenteller durch meine Mitwirkung und damit unverkäuflich. So sagte jemand in Bowies Namen mir ab, ein anderer in meinem Namen Bowie.
Woran arbeiten Sie zurzeit?
Rother Ende des Jahres soll eine Vinyl-Box mit sämtlichen Aufnahmen von Neu! erscheinen. Mit Fotos von Peter Lindbergh und Anton Corbijn. Dafür digitalisiere ich Aufnahmen von 1986, die Klaus hinter meinem Rücken in Japan herausgebracht hat. Durch diese Arbeit empfinde ich wieder eine große Nähe zu Klaus, trotz aller Schwierigkeiten, die wir hatten.
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