Neue Erkenntnisse: Wurde Beethoven vergiftet?
VON JÖRG ZITTLAU - zuletzt aktualisiert: 15.10.2008 - 07:37Bonn (RP). Lange hieß es, Ludwig van Beethoven sei an den Folgen einer Syphilis gestorben. Doch jetzt haben Wissenschaftler Beethovens Haar untersucht und darin hohe Bleiwerte gefunden. Nun vermuten sie, dass Beethoven an den Folgen der schädlichen Therapieversuche seiner Ärzte starb.
Krankheit und Genie – in der Kulturgeschichte fiel beides immer wieder zusammen. Ludwig van Beethoven kompensierte seine Leiden mit einer gigantischen Schaffenskraft. Schon als 28-Jähriger war er schwerhörig, und am Ende praktisch taub. Legendär ein Konzert vom 7. Mai 1824, als er seine Neunte „dirigierte“ und danach von einem Helfer in Richtung Publikum gedreht werden musste – denn er selbst hörte nichts mehr vom tosenden Applaus.
Darüber hinaus wurde der Komponist von Pocken, Masern und Typhus heimgesucht. Sein Arzt notierte rheumatische Beschwerden, außerdem litt er immer wieder unter Schnupfen, Atemnot, Nasenbluten und Unterleibskrämpfen. 1810 stürzte er schwer auf seinen Kopf, weil er aufgrund seiner Kurzsichtigkeit kaum etwas sehen konnte. In seinen letzten Lebenswochen lag Beethoven nur noch im Bett, täglich kamen mindestens zwei Ärzte zur Visite. Am 23. März 1827 notierte sein Freund Ferdinand Hiller: „Matt und elend lag er da, zuweilen tief seufzend, kein Wort entfiel mehr seinen Lippen, der Schweiß stand ihm auf der Stirn.“ Einen Tag darauf starb er, im Alter von 56 Jahren.
Wissenschaftler rätseln seitdem über die Ursachen für Beethovens Leidensgeschichte. Bei der Obduktion seines Leichnams fand man zwar deutlich verkümmerte Hörnerven, doch auch das musste ja irgendeine Ursache haben. Später wurde dem Musiker eine Syphilis angedichtet, doch Hans-Peter-Zenner von der Universitäts-HNO-Klinik in Tübingen bezweifelt, „dass sie allein das Gehör betraf und ansonsten völlig folgenlos an seinem Körper vorüberging“. Beethovens Typhus-Infektion und auch sein Schädeltrauma würden als Ursache ebenfalls ausscheiden, weil dort der zeitliche Zusammenhang fehle. „Und für eine Altersschwerhörigkeit wurde er nicht alt genug“, erklärt Zenner.
Der Wiener Gerichtsmediziner Christian Reiter fand in Beethovens Haaren – der tote Komponist wurde dereinst von Andenkenjägern fast kahl „gepflückt“ und einige der Locken existieren noch heute – extrem hohe Werte an Blei. Das Schwermetall gelangte vermutlich durch ärztliche Therapieversuche in den Körper. Denn Beethoven litt in seinen letzten Lebensmonaten an einer Lungenentzündung, die man damals gerne mit Bleisalz behandelte, dem eine schleimlösende Wirkung zugesprochen wurde. Darüber hinaus wurde der wassersüchtige, aufgedunsene Musiker immer wieder punktiert, und die Wunden verklebte man danach wahrscheinlich mit Bleiseife.
„Giftige Schwermetalle wie Blei, Quecksilber oder Arsen vertraten seinerzeit die Antibiotika“, erklärt Reiter, „und ihre giftigen Nebenwirkungen wurden als das kleinere Übel, etwa im Vergleich zu einer Bauchfellentzündung, angesehen“. Offen bleibt dennoch, ob das Blei nicht nur für Beethovens Ableben, sondern auch für seine akustischen Probleme verantwortlich war. Denn Bleivergiftungen führen ausgesprochen selten zur Ertaubung, dafür aber umso häufiger zu Bewegungsstörungen in Händen und Armen – doch die wurden vom filigranen Klavierspieler Beethoven nie erwähnt. Wahrscheinlicher ist, dass er seine Hörnerven durch übermäßigen Alkoholkonsum ruinierte. Als Spross einer Alkoholikerfamilie saß er schon mit elf Jahren im Wirtshaus, und später standen eigentlich immer Wein oder Bier neben seinem Essensteller. Nicht umsonst litt er schon früh an einer schweren Leberzirrhose. Und es ist wohl auch sein Alkohollaster, das ihn letzten Endes sein Leben kostete. Denn mit einer gesunden Leber hätte er die Bleibelastungen möglicherweise überlebt.
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