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Interview mit Diedrich Diederichsen
Zur Popmusik gehört die Pose

Das sind Beth Ditto und ihre Band Gossip
Das sind Beth Ditto und ihre Band Gossip FOTO: SonyBMG/Lee Broomfield
(RP). Interview Kultur-Theoretiker Diedrich Diederichsen spricht über den veränderten Umgang jugendlicher Subkulturen mit Popmusik. Ihr fehle der globale Resonanzraum, sagt er. Dass die Welt wie bis in die frühen 90er Jahre auf London schaue, das werde es nicht mehr geben. Von Das Interview Führte Philipp Holstein

Die Jugendkultur ist in eine kaum zu überblickende Zahl an Milieus zerfallen. Die Popmusik scheint ihre Macht eingebüßt zu haben. Wir sprachen darüber mit Diedrich Diederichsen (52), dem wichtigsten Theoretiker der populären Kultur. Am 1. Dezember beginnt der Hochschullehrer der Akademie der Bildenden Künste in Wien eine Vortragsreihe zur "Zukunft der Popmusik" am KWI in Essen.

Rock 'n' Roll, Punk, HipHop – jugendliche Rebellion fand früher vor allem in der Popmusik statt. Und heute?

Diederichsen Man kann in der Popmusik auch heute noch ein Dagegen-Sein ausdrücken. Aber es ist nicht mehr notwendig an dieses Format gebunden. Popmusik konnte einmal viel schneller als andere Künste etwas formulieren. Sie konnte schneller Gegenwartseindrücke aus einem vorsprachlichen Bereich übersetzen.

Wer jung war und nicht integriert, hatte nur die Popmusik.

Diederichsen Ja. Heute gibt es jede Menge Konkurrenz. Jede Art von Netzkultur etwa, Facebook etc. Und man darf nicht vergessen, dass sich gesellschaftlich viel geändert hat. Es gibt kaum noch Lebensentwürfe, die sich inhaltlich ganz aus dem Dagegensein entwickeln. Wer in einem Bereich dagegen ist, lebt in einem anderen angepasst. Subkulturen, die sich rein aus der Negation ergeben, sehe ich derzeit kaum.

Das bedeutet den Tod der Popmusik.

Diederichsen Eher einen Umbau.

Wie sieht der aus?

Diederichsen Popmusik besteht nicht nur aus der Musik an sich. Elemente wie Plattenhüllen oder Kleidung, an der ein bestimmtes Milieu sich erkennt, gehören gleichberechtigt dazu. Das Wichtige an Popmusik war, dass alle diese Komponenten durch den Rezipienten zusammengeführt wurden. Zunächst beim Hören einer Platte in geschützter Intimität, dann in der selbst gewählten Öffentlichkeit einer Peer Group, schließlich in einer großen Öffentlichkeit, in der man durch Kleidung und Habitus auffällt. Diese Bewegung kann heute sozusagen an einem Arbeitsplatz erledigt werden, am Computer.

Aber mit welchem Ergebnis?

Diederichsen Es fehlen etwa die Fetische. Die Bedeutung der Musikobjekte nimmt ab. Entsprechend wird das Live-Konzert wichtiger und stärker autonomisiert. Es arbeitet nicht mehr nur zentral mit dem Kick des öffentlichen, kollektiven Wiedererkennens des vorher bekannten Stückes, sondern entwickelt Attraktionen eigener Art.

Das alles geht doch auf Kosten der Emphase. Und ohne Hingabe keine identitätsstiftende Kraft.

Diederichsen Popmusik wird weiter Identitäten stiften, auch wenn die Rezipienten daneben andere Möglichkeiten haben und die Popmusik-Identität anders mit anderen kombiniert wird.

Kann ein Klingelton Identität stiften?

Diederichsen Er hat dieselbe Funktion wie vor dreißig Jahren ein Badge von The Clash. Er ist ein Erkennungszeichen. Nur dass es nicht an der Kleidung steckt, sondern im Handy.

Was sagen Popsongs von heute über unsere Zeit aus?

Diederichsen Popmusik sagt nicht mehr aus über ihre Zeit als andere Künste. Sie hat keinen weltweiten Resonanzraum mehr. Sie ist lokaler geworden. Die fernsehbezogenen Popmusik-Figuren in Casting-Shows sind oft nur in einem Land präsent. Und es gibt sehr viele Entwicklungen auf anderen Kontinenten, von denen man hier nichts mitbekommt. Popmusik hat sich vom globalen Massenmedium zur Zeitschrift entwickelt.

Es gibt also keine neuen Weltstars mehr – außer vielleicht Coldplay?

Diederichsen Es wird immer Künstler geben, die weltweit Beachtung finden. Gossip ist mir als globales Phänomen angenehmer als Coldplay. Aber das sind vereinzelte Erscheinungen. Dass die Welt auf London blickt, das gibt es nicht mehr.

Popmusik ist digital zu jeder Zeit frei verfügbar. Ist es nicht gut, dass jedermann auf alles zugreifen kann, was ihm gefällt, frei von Pose?

Diederichsen Popmusik ohne Pose ist nicht vorstellbar. Sie kommuniziert, wie man mit seinem Körper und einer bestimmten Haltung in der Welt leben kann. Und sie macht Angebote, dafür oder dagegen. Wenn es bei Popmusik um Musik als reine Musik ginge, würde ich andere Musik vorziehen.

Wie reagiert die Industrie auf die Trends?

Diederichsen Zum einen baut sie den Werkcharakter der Musik von Altstars wie den Beatles aus. Deren CDs und ihre Aufmachung werden den Vermarktungsprinzipien von Bildender Kunst oder Literatur immer ähnlicher. Zum anderen stärkt sie die Kinderkultur mit Künstlern aus Casting-Shows und anderen TV-Formaten. Verkunstung und Alltagszugewandtheit. In beiden Fällen gibt es eine Tendenz zu einer größeren Wichtigkeit der Performance.

Auftritte und Konzerte.

Diederichsen Ja, der Mensch ist wichtig. Das passt in einen gesellschaftlichen Trend. Telefonmarketing mit Menschen, Kellner, Hostessen: Lebendigkeitsausbeutung. Der Kontakt zu Waren wird durch menschliche Anwesenheit vermittelt.

Gibt es überhaupt noch eine nennenswerte künstlerische Entwicklung im Pop?

Diederichsen In der globalen Tanzmusik, in den Metropolen des globalen Südens, in Luanda, Buenos Aires, Sao Paolo.

Wie klingt die Popmusik der Zukunft?

Diederichsen Das ist eine langsame Entwicklung. Die alte Pop-Musik tritt ja nicht ab. Es überlagert sich vieles. Nach den goldenen Jahren von Punk ist der Punk auch nicht verschwunden. Die verbindende dominante Kultur aber, an der Zeitenwechsel ablesbar sind, gibt es nicht mehr. Es fehlt die Arena, wo man sehen kann, was war und was kommt.

Quelle: RP
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