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Baden-Baden
Musiker der Geometrie

Baden-Baden. Im Alter von 90 Jahren ist Pierre Boulez - Komponist, Dirigent und Denker - gestorben. Von Wolfram Goertz

Wenn dieser außerordentliche Künstler dirigierte, konnte die Temperatur im Konzertsaal schon mal um 20 Grad fallen. Es schien dann, als trage er keinen schwarzen Anzug, sondern die Bleischürze eines Radiologen; und das Konzertpodium ähnelte einer Röntgenpraxis, die nichts als kalte Blicke ins Innere anfertigte.

Pierre Boulez war seinem Wesen nach ein Entdecker. Er schürfte Dinge, deren Existenz einem unbekannt war. Aus den Tiefen eines Orchesterklangs konnte er eine unscheinbare Fagott-Stelle in einer Mahler-Symphonie präparieren und klanglich hervorholen, von der man vor dem Schwurgericht ausgesagt hätte, dass sie in dem Stück nicht vorkommt. Selbst einem sonnenheißen Stück von Maurice Ravel, dessen Titel den spanischen Himmel geradewegs flirren lässt, verordnete er sozusagen eine Klimaanlage - damit jene Kühle entstand, in der er sich wohlfühlte und aus der ihm genaue Beobachtung möglich war. Dann jedoch hörte man dank Boulez alles: die Strukturen von Musik, ihre Gelenkstellen, ihre Nerven, ihren Bauplan. Ihn interessierte nicht, wie sich Musik deuten ließ. Ihn interessierte, wie sie von innen aussah. Wie sie war.

Der 1925 im französischen Montbrison geborene Boulez war der Geometriker der Musik. Der Sohn eines Stahlfabrikanten hatte ursprünglich Mathematik studieren wollen oder irgendetwas Technisches. Wenngleich er sich später der Musik zuwandte, so blieben die überdimensionalen Schatten seiner ersten Lebenseindrücke und Sehnsüchte dauerhaft bestehen. Er empfand das nicht als Qual.

Boulez konnte auch nicht anders, er trug die Gene eines musischen Doppelgenies in sich. Er war Komponist und Dirigent - und in beidem grandios, doch auch gnadenlos gepolt. Bei ihm schlug das Pendel sehr stark in die eine Richtung aus: in maximale Sachlichkeit. Während der Komponist Leonard Bernstein sich nicht selten verausgabte, wenn er etwa Symphonien von Tschaikowski dirigierte, so war dem dirigierenden Komponisten Boulez die sogenannte Magie des Moments verdächtig. Und schwitzende Dirigenten, deren Haare zu glänzen begannen, mochte er gar nicht.

Für Boulez veränderte sich eine Partitur nicht, wenn sie zuerst in Wien und dann in Chicago auf einem Pult lag, ihre Seele unternahm keine Wanderung. Eine Note war eine Note war eine Note - Boulez interessierte einzig, dass sie da war und was sie bedeutete. Wenn jene Fagott-Stimme die Melodie der ersten Violinen mitspielte, aber leise und zwei Oktaven tiefer, musste er als Dirigent das herausholen, damit der Hörer es mitbekam. "Würden Sie das bitte klarer und markanter spielen?", rief er dann immer mit seiner bescheidenen, aber kompromisslosen Stimme ins Orchester. Und wenn's uns Hörern dann ebenfalls dämmerte, was da passierte, war Boulez zufrieden. Dann war das Stück zu Ende, und die Röntgenpraxis wurde wieder geschlossen.

Es war übrigens ein sehr spezielles Vergnügen, Pierre Boulez bei der Arbeit zuzusehen. Er dirigierte, wie Piet Mondrian malte und Walter Gropius baute: streng, klar, stark in der Abstraktion, unbestechlich, mit fanatischer Lust am Geometrischen. Gelegentlich mogelte sich Unerwartetes aus dem Rahmen in die Freiheit, und dann musste der Wächter Boulez eingreifen. Allein seine Hände zeigten, dass er jede Form von Glamour hasste. Sie teilten die Luft in Quadrate, gaben parabolische Anweisungen, sie waren eckige Platzanweiser. Wenn er eine als übertrieben empfundene Lautstärke bremste, sah Boulez aus wie ein Schutzmann. Den Taktstock verachtete er sowieso als Firlefanz.

Er war Franzose und huldigte in Erinnerung an Claude Debussy, der sein Hausgott war, dem Prinzip der "Clarté", der Klarheit, der Durchsichtigkeit. Musik sollte man auf den Grund schauen, sie zeigte einem ihre Gesetze, wenn man nur genau hinsah. Und das Metronom war keine Spaßbremse, sondern ein Ordnungskästchen von Wichtigkeit.

Das klingt so, als sei Boulez letztlich ein dirigierender Mechaniker gewesen. Nein, im Gegenteil, in seinen vielen besten Momenten - wenn er Bartók, Debussy oder Strawinsky aufliegen hatte - machte Boulez Musik mit einer Eindringlichkeit, dass die Mauern des Arc de Triomphe schmelzen konnten. Aber er konnte eine Haydn-Sinfonie auch zur Dürre eines Skeletts aushungern.

Als Boulez 1943 bei dem großen Olivier Messiaen in Paris Komposition zu studieren begann, der für den jungen Mann aus dem Département Loire einer der zwölf Apostel der Branche war, gelangte er in den Hochsicherheitstrakt des Komponierens - in die sogenannte serielle Technik. Kein Ton blieb in dieser gedrillten Spezialversion der Zwölftonmusik unbeaufsichtigt; für jede Note einer Partitur gab es individuell reglementierte Eigenschaften. Das hört sich nach Käfig an. Zum Glück war da noch Boulez' expansiv-inniges Verhältnis zum französischen Impressionismus. Den hört man - wie Grüße aus der Ferne - der Welt seiner frühen "Notations" ebenso an wie den Hauptwerken "Le marteau sans maître" und "Pli selon pli". Wundervoll ereignisreich und nicht als Kopfmusik zu missdeuten die drei Klaviersonaten oder das späte "Dérive II". Man sollte aber nicht glauben, Boulez habe deshalb so wenig komponiert, weil er seine eigene Strenge scheute. Nein, er neigte dazu, seine Werke exzessiv zu revidieren. Kaum ein Werk, das er als abgeschlossen ansah.

Dass einer diese Neigung zur steten Korrektur der Materie und ihrer Ableitungen besaß und zeitlebens bewahrte, war ein methodisches Wunder in einer Zeit, in der Korrektur und Kritik nicht mehr vorkommen.

In einer Zeit, in der alles aufgeschrieben und automatisch durchgewinkt wird, war ein störrisches Gemüt wie das des großen französischen Musikers fast unbezahlbar. Das erklärte seine Freude am Kühlen, Knöchernen, Keimfreien.

Dass Boulez seit längerer Zeit in Baden-Baden lebte, wo er nun im Alter von 90 Jahren nach langer Krankheit gestorben ist, war weder Zufall noch der Lust am Mondänen geschuldet. Hier saß der SWR, mit dem er oft zusammengearbeitet hatte, hier war er nahe seiner französischen Heimat - und es war auch nicht weit nach Bayreuth, wo er schon mal das Jahrhundert umpolte: als er 1976 Wagners "Ring des Nibelungen" dirigierte und ähnlichen Furor auslöste wie die Regie von Patrice Chéreau.

Dieser Wagner tönte eiskalt bis ans Herz - und menschlich zugleich. Und wieder hörte man Instrumente im Orchester, von denen man glaubte, sie kämen gar nicht vor.

Quelle: RP
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