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Mythos Einhorn

Das Einhorn ist in aller Munde, jüngst kam sogar eine Einhorn-Bratwurst auf den Markt. Woher stammt das Fabelwesen, und wie hat es bis heute überlebt? Eine Kulturgeschichte. Von Klas Libuda

Wie macht eigentlich ein Einhorn? I-Ah? Muh? Kikeriki? Wiehert es wie ein Pferd? Nein. Es brüllt und brüllt und brüllt!

So jedenfalls weiß der Römer C. Iulius Solinus über den "Monoceros" zu berichten. Das Tier ist bei ihm keineswegs das reine, blütenweiße Fabelwesen, als das es uns heute begegnet. Es ist vielmehr "das schrecklichste aller Ungeheuer", schreibt Solinus, "ein entsetzlich brüllendes Monstrum, mit dem Körper eines Pferdes, den Füßen eines Elefanten, dem Schwanz eines Schweines, dem Kopf eines Hirschen und einem Horn in der Mitte der Stirn, das merkwürdig glänzend herausragt, etwa vier Fuß lang ist und alles durchbohrt, worauf es stößt".

Solinus beschreibt das Einhorn in seiner "Sammlung merkwürdiger Dinge" aus dem dritten Jahrhundert nach Christus als Gestalt, derer der Mensch niemals habhaft wird: "Weil es alles aus dem Weg räumt, kann es nicht gefangen werden". Wobei sich die Gelehrten stritten. Denn in der ersten Überarbeitung des "Physiologus" aus demselben Jahrhundert, einem Naturkundebuch aus dem griechischen Alexandria, heißt es, dass das Tier sehr wohl gefangen werden kann. Allerdings nur auf eigentümliche Weise: "Man legt ihm eine reine Jungfrau, schön ausstaffiert, in den Weg", rät der anonyme Autor der Schrift, deren Urheberschaft fälschlicherweise auch mal Aristoteles zugeschrieben wurde. "Und da springt das Tier in den Schoß der Jungfrau, und sie hat Macht über es, und es folget ihr, und sie bringt es ins Schloss zum König."

Über Jahrhunderte war es vor allem der breit rezipierte "Physiologus" - übersetzt: Der Naturkundige -, der die Vorstellung vom Einhorn prägte: "ein kleines Tier, ähnelt einem Zicklein, hat aber einen gar scharfen Mut". Dass das Tier Männern gegenüber abgeneigt war, konnte man so auch noch ein Jahrtausend später lesen. Hildegard von Bingen stellte um 1155 zum "Unicornus" fest: "Es fürchtet sehr den Mann und scheut vor ihm zurück; so wie die Schlange beim ersten Sündenfall sich vom Mann abwandte und das Weib anblickte".

Vielleicht auch deshalb gilt das Einhorn bis heute als Angelegenheit für Mädchen, in Düsseldorf sieht man zurzeit etwa wieder Plakate für einen Trödelmarkt in der Nachbarstadt Neuss. Name: "Weiberkram". Plakatmotiv: Einhorn. Abgesehen davon, dass man kritisch hinterfragen darf, ob man heutzutage noch mit derartiger Leichtigkeit Geschlechterrollen festschreiben muss, fest steht: Das Einhorn ist im Trend. Noch immer, muss man sagen, mindestens schon seit vergangenem Jahr. Im November brachte "Ritter Sport" in limitierter Auflage ein neues Produkt auf den Markt: dreischichtige weiße MagermilchJoghurt-Schokolade mit schwarzem Johannesbeer- und Himbeerpulver und Himbeerstückchen. Das Unternehmen nannte seine neue Sorte kurzum "Einhorn", und im Nu war alles ausverkauft. Die zweite Auflage, doppelte Menge, 150.000 Schokoladen, war ebenfalls in einer Viertelstunde weg. 10.000 Tafeln pro Minute. Spätestens seitdem ist das Einhorn in aller Munde. Vergangene Woche brachte ein Mecklenburger Schlachter schließlich rosarote "Einhorn-Bratwurst" auf den Markt. Sogar Einhorn-Toilettenpapier (mit Zuckerwatteduft) gibt es mittlerweile, das ist vielerorts aber, nun ja, vergriffen.

Die Renaissance des Fabelwesens, das seit 2000 Jahren durch die Kunst und Kultur sprengt, das Albrecht Dürer in einem Kupferstich mit wilder Mähne verewigte und das im "Tapferen Schneiderlein" der Brüder Grimm sein Horn in einen Baumstamm rammt, gilt als Zeichen der Zeit, als Kontrapunkt zur realpolitischen Krisenstimmung. Dargestellt wird es nun üblicherweise mit weißem Fell und Glitzerstaub aufwirbelnd, wie es über einen Regenboden reitet. Maximale Übertreibung also. So tauchte das Einhorn schon vor sieben Jahren im Internet-Spiel "Robot Unicorn Attack" auf, bei dem man mit einem Einhorn endlos über Klippen springen konnte. Dazu lief Erasures Song "Always" von 1994. Mit großem Hallo begrüßten die Ironischen das Spiel in der Kitsch-Community.

Man sollte den Einhorn-Hype darum nicht bloß als Krisensymptom begreifen, sondern auch als Phänomen verstehen, als Spiel mit Zitaten und Verweisen - immer neue Koordinaten im Referenzsystem Pop. Zu den Bezugspunkten gehören der Zeichentrickfilm "Das letzte Einhorn", die Serie "My Little Pony", der Regenbogen als Zeichen der Toleranz gegenüber Homosexualität, die Einhörner aus dem Verbotenen Wald bei "Harry Potter" oder auch Lady Gagas Musikvideo zu "Born This Way", in dem noch vor dem Popstar ein Einhorn zu sehen ist. Im Fell funkeln die Sterne.

Marco Polo noch beschrieb es mit dem Kopf eines Ebers und der Haut eines Büffels. Über seine Reiseberichte aber ist sich die Forschung uneins. Vom "Einhorn" hat er zwar wohl geschrieben, möglicherweise aber meinte er auch das Rhinozeros. Schleichend setzte sich im zweiten Jahrtausend jedenfalls die Erkenntnis durch, dass es das Einhorn wohl nie gab. Die Hörner, die diversen Herrschern zum Geschenk gemacht wurden, stammten von Narwalen.

Von der Magie und der heilenden Superkraft, die dem Tier einmal zugeschrieben wurden (Hildegard von Bingen: "Ein Gürtel aus der Haut des Einhorns schützt vor Pest und Fieber"), zeugen bis heute die "Einhorn-Apotheken". Fast schon wehmütig dichtete Christian Morgenstern Anfang des 20. Jahrhunderts: "Das Einhorn lebt von Ort zu Ort / nur noch als Wirtshaus fort". Es war dann vielleicht Rainer Maria Rilke, der dem Fabelwesen vieles seiner heutigen Gestalt verlieh, der es als "Tier aus Licht" beschrieb, "ein weißer Glanz glitt selig durch das Fell", schwärmte er an anderer Stelle. Illusionen aber machte sich Rilke nicht. "O dieses ist das Tier, das es nicht giebt", dichtete er 1922 in seinen "Sonetten an Orpheus" und entführte das Einhorn damit endgültig ins Reich der Imagination. Dort stand es jahrelang zufrieden auf der Weide, aber nun muss man um das arme Viech fürchten. Denn seit es diesen Raum der Vorstellung verließ und sich in Schokolade, Toilettenpapier und Rostbratwurst materialisierte, droht ihm die Kraft zu schwinden.

Quelle: RP
 
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