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"Mythos Tour de France" im NRW-Forum
Ruhm, Schmerz und ein Beutel Eigenblut

Fahrer, Fans und ein Beutel Eigenblut: Bilder aus der Ausstellung "Mythos Tour de France"
Fahrer, Fans und ein Beutel Eigenblut: Bilder aus der Ausstellung "Mythos Tour de France" FOTO: dpa, fg tba
Rund sechs Wochen vor dem Start des größten Radrennens der Welt eröffnet das NRW-Forum in Düsseldorf eine Ausstellung zum "Mythos Tour de France". Die Schau zeigt Fotografien aus der Tour-Geschichte und ermöglicht einen künstlerischen Blick auf Fahrer und Fans. Von Klas Libuda, Düsseldorf

Wahrscheinlich wird es den Zuschauern bei der Tour de France in diesem Jahr so gehen wie den Jungs auf Robert Capas Fotografie von 1939: Gerade noch werden die Fahrer von links kommend erwartet, schon sind sie rechts vorbei.

Im Düsseldorfer NRW-Forum hängt diese Aufnahme am Beginn der neuen Ausstellung, Capas Fotografie zeigt eine Hand voll Jungen am Wegesrand. Und weil sie diese Arbeit als Lentikularbild aufgezogen haben, also als eine Art Wackelbild, sehen die jungen Tour-Zuschauer je nach Blickwinkel des Betrachters so aus, als ob sie dem Fahrerfeld entweder entgegen- oder hinterherschauten.

In anderthalb Monaten beginnt die Tour de France mit ihrem Grand Départ in Düsseldorf, am 1. Juli steht ein Einzelzeitfahren auf dem Programm, am 2. Juli geht es raus aus der Stadt über Neuss, Mönchengladbach und Aachen bis Lüttich. Den Prolog zum wichtigsten Radrennen der Welt gibt es ab sofort im NRW-Forum, 120 Werke von 20 Künstlern hat das Ausstellungshaus versammelt, an dessen Rückseite die Tour unmittelbar vorbeiführen wird. "Mythos Tour de France" heißt die Schau, die aber keine "Propaganda-Ausstellung" sein soll, wie Alain Bieber betont, Direktor des NRW-Forums.

Kritik am Tourstart in Düsseldorf

Zum ersten Rundgang sind dennoch gleich drei Vertreter der Stadt gekommen. Es hat ja auch reichlich Kritik am Tourstart in Düsseldorf gegeben – viel zu teuer und obendrein dopingverseucht. Im NRW-Forum hat Künstler Martin Höfer darum einen Beutel mit eigenem Blut an eine Zeitungsseite von "L'Equipe" genagelt. Eine Ausgabe vom Juli 1998: darin der Doping-Skandal beim Festina-Team.

Allen anderen Arbeiten merkt man indes eher die Faszination an, die die Künstler für das Radrennen hegen. Andreas Gursky – der der Stadt bereits 45 Abzüge mit Tour-Motiv zur Finanzierung des Grand Départ überließ - hat eine seiner vielschichtigen, großformatigen Arbeiten während der Tour angefertigt: Serpentinen, Fahrer, Fans, die menschenfeindliche Vegetation am Berg, alles das, was man mit der Tour verbindet, findet sich in seinem Werk wieder.

Auch Robert Capa hat gut 70 Jahre zuvor versucht, die vielen Facetten des Rennens einzufangen. Der Magnum-Fotograf, der als Kriegsreporter bekannt wurde, hatte sich einmal dem Kampf auf dem Rad gewidmet. Die Arbeiten wurden erst vor wenigen Jahren bekannt. Capa setzt das jubelnde Publikum, eifernde Rundfunkreporter und den einzelnen Rennfahrer im Spalier der Tausenden ins Bild.

Verwackelte Fotos kurz vorm Aufprall

Trotz aller Jubelstürme ist der Sturm auf den Berg, wenn es gut läuft, eben auch ein einsames Unterfangen. Man denke nur an Giuseppe Guerini, den gefallenen Helden von L'Alpe d'Huez. Der fuhr 1999 bei der Königsetappe in den Alpen mutterseelenallein Richtung Ziel. Die für die Tour ikonografische Coca-Cola-Werbung, die den letzten Kilometer anzeigt, hatte er bereits hinter sich gelassen, als er mit einem Zuschauer zusammenstieß. Eric Walkowiak hatte noch schnell ein Foto machen wollen – in Düsseldorf sind nun zwei verwackelte Bilder von Guerini im magentafarbenen Telekom-Trikot zu sehen, kurz vorm Aufprall. Die Etappe gewann er trotzdem noch. "Eric the Fan" schob ihn nach dem Sturz wieder an.

Auch in Düsseldorf hofft man mit dem Grand Départ Teil der großen Tour-Erzählung zu werden. "Die Bilder werden um die Welt gehen", ist sich die Projektleiterin der Stadt denn auch sicher. Den Mythos Tour de France hatte einst der große französische Philosoph Roland Barthes in seinem berühmten Band "Mythologies" beschworen: "Wie in der Odyssee ist die Fahrt hier Rundfahrt von einer Prüfung zur nächsten und zugleich totale Erforschung der Grenzen der Welt." Das war 1957.

Gezeichnet von der Tour

Ob das Großereignis heute noch von gleichermaßen homerischer Qualität ist, darf zumindest angezweifelt werden. Es gebe bei der Tour keine mythischen Helden mehr, meinte der ebenfalls französische Anthropologe Marc Augé jüngst in seiner Schrift "Lob des Fahrrads": "Freundlich könnte man sagen, die Tour de France sei inzwischen ein profanes Spektakel, aber zugleich auch ein medizinisches."

Als das Radrennen nach der Jahrtausendwende gänzlich in Verruf geraten war, machte Timm Kölln seine Porträtaufnahmen. Der Fotograf hat Radsportprofis wie Robbie McEwen, Mark Cavendish und Rolf Aldag direkt nach dem Zieleinlauf vor seine Kamera geholt. Er hat ihnen Sonnenbrille und Helm abgenommen und zeigt sie vom Trikot an aufwärts. Man blickt in erschöpfte Gesichter, gezeichnet von der Tour.

Info "Mythos Tour de France" im NRW-Forum in Düsseldorf, Ehrenhof 2, bis 30. Juli; Öffnungszeiten: montags bis sonntags, 11 bis 18 Uhr, freitags und samstag bis 20 Uhr; www.nrw-forum.de

Quelle: RP
 
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