RuhrTriennale: "Nächte unter Tage": Expedition in ein anderes Jahrhundert
zuletzt aktualisiert: 26.08.2005 - 16:44Essen (rpo). Mit einer bedrängen Grundtimmung muss der Besucher von "Nächte unter Tage" bei der RuhrTriennal rechnen. Die Installation ist am Donnerstag in der ehemaligen Kokerei Zollverein in Essen uraufgeführt werden und führt jeden unweigerlich in ein anderes Jahrhundert.
Die Fahrt durch einen alten Kohleschacht geht ins Ungewisse. Kaum hat man in einem der Förderwagen Platz genommen, setzt er sich in Bewegung und nimmt Kurs auf ein grelles Licht am Ende des Tunnels. Am Ziel angekommen, beginnt schon die nächste Verunsicherung in einem Raum, in dem gespenstisch eng schwarze Mäntel hängen.
Mit der gemeinsamen Arbeit von Regisseurin Andrea Breth, Konzeptkünstler Christian Boltanski und Lichtdesigner Jean Kalman wird noch einmal an das vergangene Industriezeitalter im Ruhrgebiet erinnert. Eingespielte Text-Rezitationen und Musik breiten sich dabei über das verwinkelte und über mehrere Etagen verteilte Raum-System aus. Statt das Arbeitsleben in den heute herausgeputzten Industriedenkmälern zu romantisieren, taucht das Team um Breth die Industriekathedrale in ein Kohleschwarz und legt assoziative Spuren der Erinnerung aus.
Wie schon Regisseur Klaus Weise vor vier Jahren mit seinem Multi-Media-Projekt "Orte der Sehnsucht" die gesamte Kokerei in eine vielgestaltige Bühne verwandelte, so befindet sich der Besucher nun bei seinem Abstieg in diese "Nächte unter Tage" auch in einer geheimnisvollen Erlebniswelt. Plötzlich ertönen melancholisch wirkende Akkordeon-Klänge, kauert ein Schauspieler am Boden und brüllt schauerlich sein empfundenes Leid heraus (Texte: Albert Ostermeier).
Und kaum hat man sich wieder eine Treppe heruntergetastet, steht man vor einem Regal, in dem fünf "Archivare" riesige Schriftrollen aus Eisen lautstark hin- und herbewegen - während nebenan drei "Buchhalter" an ihren klappernden Schreibmaschinen fleißig sind. Als wollten sie noch einmal all das feinsäuberlich inventarisieren, was aus der Blütezeit der Kohleproduktion an Resten gerettet werden konnte.
An eine längst vergangene Zeit erinnern auch kleine Schreibhefte, in denen Textdokumente über die Kokerei nachzulesen sind. Wie beispielsweise eine Todesanzeige "Zum Gedenken an tödlich verunglückte Zollverein-Kameraden" von 1941 - unterzeichnet von Adolf Hitler.
Durchatmen beim Schlussbild
Der französische Künstler Boltanski, der für seine Rauminstallationen mit Kleidungsstücken bekannt geworden ist, lässt aus riesigen Kleiderhaufen einzelne Stücke aussortieren und durch einen mächtigen Trichter werfen - in einen Raum, in man über ein Meer an Kleidungsstücken, über Jägermeister-T-Shirts und Schalke-04-Schals balanciert.
So konkret diese sinnlichen Erlebnisse sind, so verschwommen sind dann auch die Grenzen zum Geheimnisvollen. Mal gerät man in einen Nebelraum, in dem die Silhouetten der Schauspieler verschwinden, in dem man den weiteren Weg nur erahnen kann. Und schließlich gelangt man in abseitig gelegene, mit schwarzen Plastikfolien ausgeschlagene Tunnelgänge, die fast labyrinthisch und vor allem beengend sind.
Regelrecht durchatmen kann der Installationsbesucher endlich beim imposanten Schlussbild dieser ereignisreichen Expedition in ein anderes Jahrhundert. Plötzlich steht er in der fulminanten Freiluft-Kulisse der Kokerei Zollverein vor einem riesigen Wasserbecken, in das in weiter Ferne ein Flügel installiert wurde. Und wenn auf einmal Klavier-Klänge von Schubert und Beethoven herüberwehen, scheint es ein letzter, nun doch nostalgisch gefärbter Abschiedsgruß einer vergangenen Epoche zu sein.
Weitere Termine:
28.-31. August, 2.-5. sowie 7.-9. September
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