Sänger verfilmt sich selbst: Neil Young: "Ich bin ein Fenster"
zuletzt aktualisiert: 30.04.2003 - 11:12Oslo/Frankfurt (rpo). Eine mediale Doppeloffensive fährt der eigentlich als scheu geltende Songwriter Neil Young. Im Spätsommer erscheint sein neues Album "Greendale". Daraus machte er gleichzeitig noch einen Film. Für beides macht er jetzt Promotion.
"Ich will das mit anderen teilen", erklärt der 57-Jährige bei einem Pressegespräch in Oslo. Angesichts seines in einigen Schaffensphasen verqueren und alles andere als publikumsorientierten Werkes ein Anflug von Altersmilde. "Ich habe mich selbst verfilmt." Doch der Film ist keine Autobiografie. Dabei hätte er gebürtige Kanadier genug zu erzählen als Gründungsmitglied von Buffalo Springfield, Kopf der Supergruppe Crosby, Stills, Nash und Young und als erfolgreicher und eigensinniger Solomusiker. Sich selbst zu verfilmen, bedeutet für Young, dass er die Kamera selbst geführt hat und die Menschen im Film seine Lieder singen lässt. Wenn die Darsteller - fast ausschließlich Laien - den Mund öffnen, dann bewegen sie ihre Lippen zu Youngs Gesang.
Die Handlung spielt in Greendale, einem fiktiven 25.000-Einwohner-Kaff in den USA. In zwölf Songs erzählt Young die Geschichte einer Familie, ein Querschnitt durch die Probleme in der amerikanischen Provinz in dieser Zeit und dieser Welt. Der Sohn sitzt im Knast, nachdem er im Koks-Rausch einen Polizisten erschossen hat, der Großvater fällt den nach familiären Details gierigen Medien zum Opfer. Die Tochter Sun Green schließlich begreift die Moral von der Geschicht und zieht gegen Krieg, Ölkonzerne und korrupte Politiker ins Feld.
Klingt etwas platt. Aber für Youngs langjährigen Manager Elliot Roberts ist die Sache klar: Die Geschichte ist einfach, weil die Menschen darin einfach sind. Er nennt die Problembereiche beim Namen: Entwicklungen im modernen Amerika, die Bigotterie der Bush-Regierung, die Umweltpolitik, der Zerfall der Familie.
Young selbst sind solch klare Aussagen ein Gräuel. Im Interview sind politische Fragen tabu. "Lasst meine Lieder für sich sprechen", bittet er. Auch dass er ein Konzeptalbum geschaffen hat, will er so nicht stehen lassen. Eine Zeitungsmeldung über einen Jungen, der einen Polizisten erschossen hat, habe ihn inspiriert. Daraus hätten sich alle anderen Geschichten ergeben. "Ich bin ein Fenster", sagt er. "Ich muss mich öffnen, die Vorhänge loswerden, dann kommt auch die Muse." Kein Plan. Die eigentliche Kunst bestehe im Festhalten der Einfälle. "Das ist wie Fischen, es kommt auf den richtigen Moment des Zupackens an", erklärt der Mann im Holzfällerhemd.
Neben den Veröffentlichungen von Film, CD und DVD will Young bereits ab Juli auf seiner Homepage einzelne Episoden der Geschichte einstellen. "Greendale" ist eine Mischung aus Öko-/Protestepos und Familensaga geworden, oft ziemlich eindimensional. Doch Young ist kein Literat, kein Philosoph, sondern eben vor allem Musiker. Und musikalisch sind die meisten der "Greendale"-Songs im oberen Drittel von Youngs umfassendem Oevre anzusiedeln.
Derzeit präsentiert Neil Young die "Greendale"-Songs als akustische Versionen auf einer Europa-Tournee. Erst im zweiten Teil der Konzerte folgen dann einige seiner Hits: 01.05. Frankfurt/Main (Alte Oper), 05.05. München (Philharmonie), 07.05. Stuttgart (Liederhalle), 09.05 Hannover (Kuppelsaal).
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