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Neues Heiliges Jahr 2016
Barmherzigkeit - eine Überforderung

Rom. Am Dienstag wird Papst Franziskus in Rom ein neues Heiliges Jahr ausrufen - es steht im Zeichen der Barmherzigkeit. Die aber treibt die Menschen in Zeiten von Krieg und Vertreibung in Konflikte: Wie realistisch ist etwa gelebte Feindesliebe? Von Lothar Schröder

Das Gleichnis liest sich erst wie eine Variante von St. Martin: die Geschichte vom Samariter, der sich einem hilflosen Mann am Straßenrand zuwendet, dem Opfer einer Gewalttat. Da es an vergleichbaren Geschichten in der Bibel nicht mangelt, könnte man diese Begebenheit als das Beispiel einer guten Tat abhaken - und weitermachen in unserem Alltag. Einen solchen Alltag wird der Samariter auch gehabt haben. Aber nur bis zur Begegnung mit dem Hilflosen. Mit ihm wurde alles andere unwichtig, belanglos.

Barmherzig nennt der Evangelist Lukas diesen Mann - eine mit dem Samariter sprichwörtlich gewordene Eigenschaft, die jetzt Papst Franziskus stärker in den Blick der Menschheit rücken will: Morgen wird er in Rom die Heilige Pforte an der Peterskirche öffnen und damit das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ausrufen.

Franziskus zieht das Heilige Jahr vor

Eigentlich wäre das nächste Heilige Jahr erst 2025 fällig gewesen. Doch der so gerne unkonventionelle Pontifex nimmt das Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils vor genau 50 Jahren zum Anlass, die zugemauerte Pforte feierlich zu öffnen. Auch das ist ein Bekenntnis: Mit Papst Johannes XXIII. sollten schon damals die Fenster der Kirche geöffnet und die frische Luft des Geistes hineingelassen werden. Dieser Wunsch ist auch ein halbes Jahrhundert später offenkundig nicht schwächer geworden.

Folgt jetzt also das Jahr lauter guter Taten? Mag sein, doch mit Barmherzigkeit hat das nichts zu tun. Denn das Gleichnis vom Samariter ist viel revolutionärer und theologisch herausfordernder, als man zunächst denkt. Bevor nämlich dem Opfer geholfen wird, gehen ein Levit und ein Priester achtlos an ihm vorbei. So ist dann ausgerechnet ein Samariter zur Stelle - einer, der damals als eine Art halber Heide verachtet wurde. Und die Provokation geht noch weiter: Jesus erhebt diesen Samariter auch noch zum Vorbild. "Dann geh und handle genauso!", sagt er.

Allerhand, was Lukas uns erzählt. Im Gleichnis scheint eine Unruhe zu arbeiten, die sich bis heute nicht gelegt hat. Und die auch unsere Vorstellung von Gerechtigkeit verunsichert. Auf den Schrei einer nicht mehr einzulösenden Gerechtigkeit folgt oft der Ruf wenigstens nach Barmherzigkeit. An wen richtet sich diese? Die Barmherzigkeit, so der frühere Dogmatik-Professor und Kurienkardinal Walter Kasper, müsse "als die Gott eigene Gerechtigkeit und als seine Heiligkeit verstanden werden". Die sogenannte unverdiente Gunst bleibt danach Gottes Geheimnis und beschreibt sein Wesen. Damit übersteigt sie den menschlichen Verstand; sie sprengt auch die Logik eines menschlichen Gerechtigkeitsempfindens. An ihre Stelle tritt, so die Theologie, Gottes Gerechtigkeit, das heißt: eine vollkommene Gerechtigkeit.

Die Frage, was Barmherzigkeit dann ist oder sein könnte, muss unbeantwortet bleiben. Auf jeden Fall ist sie mehr als nur eine billige Gnade, sie ist auch etwas anderes als Mitleid. Eine Fährte hin zum Wesen der Barmherzigkeit legt uns seine lateinische Übersetzung: Seinem ursprünglichen Wortsinn nach heißt Misericordia, sein Herz (cor) bei den Armen (miseri) haben. Eine solche Aufgabe von Distanz beschreibt jenseits aller Anteilnahme die Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen. Die Grenzen zwischen Opfer und Helfer werden zunehmend unscharf.

Das hört sich solange nachvollziehbar an, bis mit einem Realitätsabgleich zwangsläufig Konflikte auftauchen. Kann wirklich alles vergeben werden? Gilt das Erbarmen ohne Ansehen der Person? Gibt es ein Verzeihen für Taten, die für uns Menschen unverzeihlich sind? Wie etwa Mord oder andere, im wahren Sinne des Wortes himmelschreiende Unrechtstaten? "Wie kann ein Gott, der als vollkommen gerecht zu denken ist, gegenüber den Tätern barmherzig sein, ohne im Akt des Verzeihens den Opfern Gewalt anzutun, falls diese nicht in seine Vergebung einstimmen?", fragt Kasper.

Die Frage mündet schließlich in die Frage der sogenannten Feindesliebe. In der Bergpredigt sagt Jesus: "Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen." Und noch am Kreuz wird er seinen Peinigern vergeben: "Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun." Sicher ist das der Gipfel von Barmherzigkeit. Manche nennen das die schwierigste Forderung Jesu. Andere sehen in der Verwirklichung der Feindesliebe eine Utopie; ein Gebot, das den Menschen überfordern muss.

Diese Vergebung setzt voraus, sich selbst überwinden zu können; salopper formuliert: Man muss im wahrsten Sinne über seinen eigenen Schatten springen können. Terroristen und verantwortungslose Kriegstreiber und Diktatoren kommen einem in den Sinn, die es uns unmöglich machen, solch barmherziges Handeln in seiner ganzen Konsequenz zu bedenken.

Barmherzigkeit ist eine radikale Haltung. Sie meint eine Art Stellvertretungsexistenz Christi, eine Nachfolge seines Lebens und seiner Taten, wie sie Thomas von Kempen (1380-1471) in seinem Mittelalter-Bestseller "Imitatio Christi" beschrieb. So spirituell also ist das Wesen des Heiligen Jahres; und so politisch - von den Kriegen vor unserer Haustür bis zu den Flüchtlingen in unserem Land. Heilige Jahre sind immer Pilgerjahre. Vielleicht sind es solche Bewegungen, die die Kirche und die Menschen in dieser Zeit besonders nötig haben werden.

Quelle: RP
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